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AIDS Traurige Bilanz

Wer sich mit dem Aids-Virus ansteckt, hat eine »bemerkenswert schlechte Langzeitprognose": Spätestens sieben Jahre nach der Infektion erreichen drei von vier Patienten das Endstadium der Seuche. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Als, im dunklen Herbst des Jahres 1982, die ersten Aids-Patienten im »Zentrum der Inneren Medizin« der Frankfurter Universitätsklinik starben, wurde für die Freunde der Toten eine »offene Ambulanzgruppe« gebildet: Wer wollte, konnte sich - anonym und gratis - von den Internisten auf Aids untersuchen lassen.

Im ersten Jahr kamen 35 Sexualpartner in die Sprechstunde, im Jahr darauf waren es schon 97. Im dritten Jahr des Beobachtungszeitraumes suchten insgesamt 411 Patienten aus Aids-Risikogruppen, davon 236 im letzten Quartal, Rat und, wenn möglich, Hilfe. Doch damit ist es nicht weit her: Gegen Aids gibt es immer noch kein Heilmittel, der Verlauf ist langwierig und schmerzvoll, das letzte Stadium der Infektion, »Vollbild« genannt, endet mit dem Tod.

Rund einem Drittel der Ratsuchenden konnten die Frankfurter Ärzte die einzig gute Nachricht sagen, die es bei Aids gibt: »Der Test ist negativ.« Doch bei 377 von 543 Risikopersonen war der Test auf Antikörper gegen das Aids-Virus LAV/HTLV-3 »positiv": Die Untersuchten hatten sich bereits angesteckt.

Alle »Positiven« werden noch immer von der Frankfurter Ambulanz betreut. Anfang des Monats gaben die Ärzte in der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift« über den Krankheitsverlauf einen umfassenden Bericht: Offengelegt wird eine »traurige Bilanz«, die den schlimmsten Erwartungen entspricht. Kernsatz: »Die Langzeitprognose der LAV/HTLV-3-Infektion ist bemerkenswert schlecht.«

Die weitverbreitete Hoffnung, eine Ansteckung mit den heimtückischen Viren bedeute noch lange keine tödliche Gefahr, weil nur eine kleine Minderheit der Infizierten am Ende auch wirklich Aids bekomme, ist offenbar falsch. Die Beobachtung des »Spontanverlaufs« der Erkrankung bei den Frankfurter Patienten zeigt vielmehr: *___Es gibt keinen unterschiedlichen Krankheitsverlauf bei ____Patienten aus den unterschiedlichen Risikogruppen der ____promisken Homosexuellen und der Drogenfixer. *___Die Wahrscheinlichkeit, daß es bei den Betroffenen zum ____Ausbruch des Vollbildes von Aids kommt, erhöht sich ____stetig mit der Dauer des Beobachtungszeitraumes. *___Es muß »damit gerechnet werden, daß sich von den ____symptomlosen LAV/HTLV-3-Trägern bei der Hälfte nach ____spätestens fünf Jahren und bei drei Viertel nach ____spätestens sieben Jahren das Vollbild von Aids ____entwickelt hat«.

Die pessimistische Prognose der Frankfurter Ärzte stützt sich auf sehr sorgsam angelegte und ausgewertete Untersuchungsbefunde. Die hessischen Internisten, angeführt von der Professorin Eilke Brigitte Helm, teilten die Infizierten von Anfang an in vier Gruppen ein, je nach dem Stadium der Erkrankung: in symptomfreie Test-Positive, in Patienten mit einer mäßigen und solche mit einer ausgeprägten Abwehrschwäche ("Immundefekt"), schließlich die am Aids-Vollbild Erkrankten.

Es wurden nicht nur die klinischen Symptome (Lymphknotenschwellung, Nachtschweiß, Fieberschübe, Durchfall, Gewichtsabnahme, Mundsoor) und deren Verschlechterung, sondern auch zahlreiche Laborwerte der Patienten in regelmäßigen Abständen kontrolliert.

Das Schicksal des einzelnen Patienten ließ sich trotz des Zeitrasters und der Befunddokumentation nicht vorhersagen. So beobachteten die Ärzte einige Kranke, bei denen zwischen Ansteckung und Tod weniger als zwei Jahre lagen. Andererseits betreuen sie einen Mann, der seit mehr als 28 Monaten im letzten Stadium von Aids ist, befallen von einem Haut- und Bindegewebskrebs, dem »Kaposi-Sarkom«. Alle seine Leidensgenossen sind längstens nach 23 Monaten gestorben.

Je besser der Gesundheitszustand eines Infizierten bei der ersten Untersuchung gewesen ist, desto länger dauert die Ausbildung von Krankheitszeichen. Im Durchschnitt entwickeln jedoch 50 Prozent aller anfänglich symptomfreien Patienten innerhalb eines Jahres die Zeichen eines mäßigen Immundefekts. Der Übergang in die jeweils nächsten Krankheitsstadien dauert für die Hälfte der Aids-Patienten durchschnittlich zwei Jahre.

Nur bei sieben (von insgesamt 377) Patienten hat sich während der jahrelangen Beobachtung der Zustand gebessert;

es sei jedoch »unklar, ob es sich tatsächlich um eine Besserung oder um eine Fehleinschätzung des Gesundheitszustandes bei der Erstuntersuchung gehandelt hat«, weil die Patienten damals gleichzeitig noch an weiteren Virus-Infektionen litten.

Bei zwei Patienten wurde der Aids-Test »während der Beobachtungszeit dauerhaft negativ«. Doch nicht einmal das kommentieren die Frankfurter Mediziner optimistisch: »Bei einem der beiden Patienten konnten trotz negativer Serologie menschliche Retroviren (LAV/HTLV-3) aus dem Blut angezüchtet werden.« Der Mann ist mithin weiter Virusträger, wenn auch ohne nachweisbare Antikörper. Von Heilung kann keine Rede sein.

Die Frankfurter Untersuchung ist die erste aus dem europäischen Raum, in der die Daten eines großen Kollektivs Aids-Infizierter über lange Zeit analysiert werden. Ihre Ergebnisse kontrastieren dem noch immer lautstark verbreiteten Wunschdenken der amtlichen Seuchenbekämpfer, der homosexuellen Aids-Selbsthilfegruppen und diverser selbsternannter Aids-Experten.

»Nur 5 bis 15 Prozent, höchstens 20 Prozent der Angesteckten bekommen Aids«, hat die Bundesgesundheitsministerin Professor Dr. phil. Rita Süssmuth Ende letzten Jahres per Postwurfsendung allen deutschen Haushaltungen amtlich mitgeteilt. Der Leiter der Abteilung Gesundheitswesen im Bonner Ministerium, Ministerialdirektor Professor Manfred Steinbach, hielt noch darunter: »Möglicherweise werden zwei bis zehn Prozent der Test-Positiven in die unglückliche Situation kommen, definitiv an Aids zu erkranken.«

»Das Risiko ist bewußt heruntergespielt worden«, sagt Professorin Helm. An der Bagatellisierung der Gefahr beteiligten sich nicht nur die prominenten Homosexuellen (Ausnahme: Rosa von Praunheim), sondern auch angesehene Gelehrte, darunter der Göttinger Humangenetiker Gerhard Jörgensen und der Münchner Hygiene-Professor Friedrich Deinhardt.

»Die eigentlichen Retrovirologen sehen die Prognose so wie wir«, weiß Frau Helm. Doch zu den »eigentlichen Retrovirologen« zählen in Deutschland weniger als ein Dutzend Gelehrte (SPIEGEL-Titel 18/1986), und die Zahl der deutschen Ärzte, die 1983 schon verstanden hatten, was die Seuche Aids für den einzelnen und für die Menschheit bedeutet, und das auch offen sagten, ist noch geringer.

Der schwedische Aids-Experte Michael Koch, Herr über einen erinnerungsstarken Computer, nennt sieben Weise - darunter die beiden Professoren Johanna L'age-Stehr und Meinrad Koch vom Bundesgesundheitsamt, Professor Hans Dieter Pohle vom Berliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus und Eilke Brigitte Helm aus Frankfurt.

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