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BIOGRAPHIEN Trennwand im Kopf

Was bewog den emigrierten deutschen Physiker Klaus Fuchs im Zweiten Weltkrieg zum Verrat an seiner zweiten Heimat? Ein britischer Publizist analysierte jetzt das Leben des Atomspions. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Auf Freunde und Kollegen wirkte der magere Mann mit den runden Brillengläsern stets wie das Urbild eines Klassenprimus. Beispielhaft war sein Fleiß, tadellos sein Benehmen, souverän sein klarer Verstand. Nie ließ er andere seine intellektuelle Überlegenheit spüren, selbst im Kreis der Kollegen hielt er sich bescheiden und wortkarg meist im Hintergrund.

Seit der Physikstudent Klaus Fuchs im Frühjahr 1933 vor den Nazis ins Ausland geflohen war, hatte er, in sich gekehrt und kontaktarm, ein asketisches Gelehrtenleben geführt. Er war Brite geworden, hatte in Los Alamos beim Bau der ersten Atombombe ("Manhattan-Project") mitgewirkt und war nach 1945 in seine zweite Heimat, Großbritannien, zurückgekehrt. In Harwell bei London beteiligte er sich am Aufbau eines britischen Atomforschungszentrums - ein allseits respektierter Wissenschaftler, den viele Experten als aussichtsreichen Nobelpreis-Kandidaten einstuften.

Als Fuchs, Anfang 1950, der fortgesetzten Spionage für die Sowjet-Union überführt wurde, reagierten die Fachkollegen in aller Welt ungläubig, ja fassungslos: Fuchs, der notorisch besonnene, leidenschaftslose und pedantisch korrekte Mann der Wissenschaft - ein Verräter und Meisterspion vom Schlage eines Richard Sorge? Das, klagte die verstörte Gemeinschaft der Physiker, könne nur ein besonders absurder Irrtum der Behörden sein.

»Natürlich glaube ich nicht an die Vorwürfe«, telegraphierte der britische Physiker und Harwell-Chef Sir John Cockcroft und bot Fuchs jede nur denkbare Hilfe an. Der kabelte kühl zurück: »Danke. Stop. Da gibt es nichts, was Sie tun könnten. Die Beweislage wird Sie eines Besseren belehren.«

Ob Cockcroft jemals begriffen hat, was seinen verschlossenen sonst aber liebenswürdigen Mitarbeiter zum Verrat getrieben hatte, darf bezweifelt werden. Auch der britische Publizist und BBC-Autor Norman Moss, der soeben eine detailreiche Fuchs-Biographie veröffentlicht hat ("The man who stole the atom bomb"), tut sich schwer mit seinem Versuch, die Abgründe in der Seele des scheinbar so farblosen Wissenschaftsspions auszuleuchten. _(Norman Moss: »Klaus Fuchs. The man ) _(who stole the atom bomb«. Gaston Books, ) _(London; 216 Seiten; 12,95 Pfund. )

Immerhin zeichnet der journalistische Profi Moss erstmals ein plastisches Bild vom Lebensweg des jungen Physikstudenten, der, als er 1933 bettelarm nach England emigrierte, die Prügel seiner Nazi-Kommilitonen noch deutlich in den Knochen spürte. In Kiel, wo er zuletzt studiert hatte, war der offen seine Überzeugung bekennende Kommunist von braunen Schlägertrupps schwer mißhandelt und ins Wasser geworfen worden.

Gerettet, meint Moss, habe Fuchs bei seiner Flucht nur das nackte Leben und seinen Glauben an die Lehren von Marx und Lenin - und dazu, tief im Seelengrund, die Erziehungsmaximen seines Vaters: Emil Fuchs, lutherischer Pfarrer, Quäker und SPD-Mitglied seit 1912, hatte seinen vier Kindern eingeschärft, in Wort und Tat immer nur der Stimme des eigenen Gewissens zu folgen.

In Großbritannien, wo Fuchs, damals 21, einen Studienplatz an der Universität von Bristol gefunden hatte, brachte der Pfarrerssohn seine innere Stimme erst einmal zum Schweigen. Er wurde, zuvor lebhaft und kämpferisch, laut Moss »zu einer anderen Persönlichkeit«. Politische Diskussionen mied er strikt, auf Partys hockte er einsilbig und frostig meist in einer abgelegenen Ecke. Als »Groschenautomatenperson« beschrieb ihn eine witzige Freundin: Man müsse eine Frage hineinwerfen, um ein paar Worte aus ihm herauszukriegen.

Als Wissenschaftler aber machte der linkische Einzelgänger rasch Karriere. Nach vier Jahren in Bristol promovierte er, danach verschaffte ihm der deutsche Physiker Max Born einen Forschungsplatz an der Universität von Edinburgh. Dort wurde er, im Juni 1940, nachts von der Polizei aus dem Bett geholt und verhaftet, auf die Isle of Man gebracht und schließlich gemeinsam mit 1300 anderen Ausländern in ein kanadisches Internierungslager bei Quebec verschifft. In der bizarr gemischten Lagergesellschaft begegnete Fuchs überzeugten Nazis, emigrierten Juden, ehemaligen KZ-Häftlingen, kommunistischen Spanienkämpfern sowie deutschen und italienischen Kriegsgefangenen.

Sechs Monate verbrachte Fuchs in Kanada, dann durfte er nach Edinburgh zurückkehren. Das Lagererlebnis, vermutet _(Rechts außen: Harwell-Chef Sir John ) _(Cockcroft. )

Moss, habe die politischen Lebensgeister des Exil-Kommunisten aus ihrem Schlummer geweckt. Doch als Spion aktiv wurde Fuchs erst nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjet-Union.

Damals hatten britische und amerikanische Wissenschaftler bereits mit den Vorarbeiten zum Bau eines, womöglich kriegsentscheidenden, Atomsprengkörpers begonnen. Fuchs, von seinen akademischen Gönnern als kreativer Kopf geschätzt, wurde gleich zu Beginn für das Geheimprojekt (Deckname in Großbritannien: »Tube Alloys") engagiert.

Wenig später, Ende 1941, suchte Geheimnisträger Fuchs erstmals Kontakt zu sowjetischen V-Leuten, deren Heimatland damals in einen verzweifelten Abwehrkampf gegen Hitlers Armeen verwickelt war. Fuchs, meint Moss, habe es als Unrecht empfunden, daß die Sowjets vom waffentechnischen Fortschritt ihrer westlichen Alliierten nicht informiert werden sollten. Die Stimme seines Gewissens befahl ihm, diesen moralischen Mißstand zu beheben.

Dabei ging der Gesinnungsethiker Fuchs anfangs äußerst penibel vor: Er lieferte seinem Verbindungsmann in London nur Unterlagen, die er selbst erarbeitet hatte. Erst ab 1942, als Briten und Amerikaner ihr Bomben-Unternehmen gemeinsam betrieben, spielte er den Russen nahezu alles, was er in Erfahrung bringen konnte, in die Hände - und das war nicht wenig.

In der Gelehrtenrepublik von Los Alamos, wo die westliche Forscherelite die letzte Phase ihres makabren Jahrhundertwerks in strenger Abgeschiedenheit vollendete, zählte Fuchs zu den wenigen Auserwählten, die zugegen waren, wenn die getrennt gesponnenen Fäden des verzweigten Projekts miteinander verknüpft wurden. Robert Oppenheimer persönlich, Chef und Spiritus rector der versammelten Superhirne, hatte dafür gesorgt, daß Fuchs an den wöchentlichen Abteilungsleiterkonferenzen teilnehmen durfte.

Nicht nur Arbeitskollegen, auch ausgebuffte Spionageprofis bestaunten Jahre später die Kaltblütigkeit, mit der Fuchs seine handgeschriebenen Berichte in der Jackentasche aus dem streng bewachten Sperrbezirk von Los Alamos herausschmuggelte, um sie in Santa Fe, der 45 Kilometer entfernten Hauptstadt des US-Bundesstaats New Mexico, einem V-Mann namens Raymond auszuhändigen.

Wie es Fuchs neben seiner streßbeladenen Agententätigkeit fertigbrachte, konzentriert und erfolgreich seine anspruchsvolle Arbeit zu erledigen und obendrein mit den hintergangenen Kollegen gelegentlich herzhafte Freundschaft zu schließen, das ist vielen Zeitgenossen, die ihn kannten, bis heute ein Rätsel geblieben.

Fuchs selbst hat seinen Seelenzustand von damals als »kontrollierte Schizophrenie« beschrieben: Er habe, notierte er, in seinem Kopf »zwei getrennte Abteilungen eingerichtet«; in der einen habe der Jedermann Klaus Fuchs mit seinen schwankenden Gefühlen Platz gefunden, in der anderen ein zweites, strengeres Ich, das, »unabhängig von den Kräften der Gesellschaft«, eisern dem geraden Weg der marxistischen Wahrheit gefolgt sei.

Daß die Trennwand im Doppel-Ego des Verräters Fuchs nicht undurchdringlich war, zeigte sich spätestens in der Nachkriegszeit. Zweifel an der marxistischen Staatsmoral bewogen Fuchs, seine Nachrichten sparsamer zu dosieren und sie schließlich ganz einzustellen.

Ein Bruch mit der Sowjet-Macht war das kaum, eher Ausdruck eines Loyalitätskonflikts. Fuchs, der in Harwell mittlerweile einen wohldotierten Forscherposten bekleidete, empfand zunehmend Skrupel, das in ihn gesetzte Vertrauen seiner britischen Landsleute immer wieder zu mißbrauchen.

Daß er schließlich, halb freiwillig, halb geschoben, ein lückenloses Geständnis ablegte, war einem Zufall zu verdanken: Amerikanischen Geheimdienstexperten war es Ende der vierziger Jahre mit Computerhilfe gelungen, längst archivierte sowjetische Funksprüche zu entschlüsseln. Eine Funkmeldung des Sowjetkonsulats in New York enthielt Informationen eines britischen Atomforschers - Fuchs geriet in Verdacht und wurde seither vom britischen Geheimdienst MI5 diskret observiert.

Mit psychologischer Raffinesse entlockte der MI5-Beamte William Skardon dem zögernden Fuchs die komplette Geschichte seines Verrats. Der Prozeß gegen Fuchs, verhandelt im Old Bailey zu London, endete mit der Höchststrafe für Landesverrat: 14 Jahre Haft.

Was den Häftling Fuchs am härtesten traf, war die Nachricht, daß ihm die britische Staatsangehörigkeit aberkannt wurde. Eine Zeitlang erwog er, nach seiner Entlassung in ein blockfreies Land der Dritten Welt zu ziehen, nach Indien zum Beispiel.

Dann aber reiste er, im Juni 1959, nach neun Gefängnisjahren in die DDR, wo er, hochgeehrt und reich dekoriert seit Jahren im Ruhestand lebt. Längst hat er zum festen marxistischen Glauben seiner Jugendjahre zurückgefunden.

Als ihm unlängst ein Besucher aus dem Westen gestand, er fahre mit seinem Auto schon etwas länger als erlaubt durch die DDR, legte der emeritierte Spion die hohe Denkerstirn in Falten. »Wenn man in einem fremden Land ist«, sprach er, »sollte man die Gesetze beachten.« Es ist zu vermuten, daß dabei kein Hauch von Selbstironie in seiner Stimme lag. _(Im Juni 1959 vor dem Abflug in die DDR. )

Norman Moss: »Klaus Fuchs. The man who stole the atom bomb«. GastonBooks, London; 216 Seiten; 12,95 Pfund.Rechts außen: Harwell-Chef Sir John Cockcroft.Im Juni 1959 vor dem Abflug in die DDR.

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