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ANTHROPOLOGIE Triebstau im Neandertal

7000 Jahre alte Pornofiguren aus Sachsen und ein Erotiktempel mit Lehmbrüsten entfachen eine Debatte um das Liebesleben in der Steinzeit. Trieben es unsere Vorfahren so enthemmt wie die Bonobos? Oder wurde der Sex bereits durch Kulthandlungen streng reglementiert?
aus DER SPIEGEL 14/2005

Flott schabte der Baggerfahrer im Erdreich bei Leipzig, um eineGasleitung zu verlegen. Dabei stieß er auf eine 7200 Jahre alteAbfallgrube aus der Bandkeramik-Zeit, gefüllt mit Müll der erstenAckerbauern Europas.

Archäologen eilten hinzu und entdeckten einen 8,2 Zentimeter großenTorso im Boden. Beine, Bauch und Kopf fehlten. Das Wichtigste aber warnoch dran: Die Forscher vermeldeten ein »wohlgeformtes Gesäß« sowieeinen Penis, »kurz, aber mächtig«.

Seit seiner Auffindung am 19. August 2003 sorgt der zersplitterte»Adonis von Zschernitz« im Landesamt für Archäologie in Dresden fürHochstimmung. Sorgfältig formte der Bildhauer die Gesäßfalte;Muskelansätze und auch die Eichel sind deutlich zu sehen. Erstauntzeigt Ausgräber Harald Stäuble auf den Hodensack.

Ein einmaliger Fund, keine Frage. Weltweit wurde noch nie ein soaltes Tonmännchen entdeckt.

Doch inzwischen hat das Projekt eine spannende Wendung genommen.Beim Durchsieben der Abfallgrube kamen weitere Fragmente zutage. Einesder Teile, es reicht von der linken Wade bis zum Becken, gehörtoffenbar zu einer weiblichen Statue: Adonis hatte eine Gefährtin.

In einem Artikel, der demnächst im Fachblatt »Germania« erscheint,wagt Stäuble erstmals eine Zuordnung des Puzzles. »Vieles spricht füreine Kopulationsszene.«

Aus den Bruchstellen sei ersichtlich, dass der Mann mit leichtangewinkeltem Becken dastand. Die Frau davor beugte sich fast im90-Grad-Winkel nach vorn (siehe Grafik). Auch der identische Maßstabder Figuren - beide waren ursprünglich knapp 30 Zentimeter groß -deutet an, dass sie zusammengehören.

Bislang waren erst von den Griechen - gemalte -Geschlechtsaktdarstellungen bekannt. Die aber sind über 4000 Jahrespäter entstanden. Entsprechend groß ist nun die Verwirrung. Von»Spielzeug« ist die Rede. Vielleicht sei es »schick« gewesen, solcheSkulpturen in den »Häusern der ersten Bauern zwischen Saale und Elbeaufzustellen«, spekuliert das Fachblatt »Archäo«. Die Forscher sprechenvon »Fruchtbarkeitskult« - was ebenso schlicht wie schwammig klingt.

Die Ratlosigkeit ist typisch. Wenn es ums diluviale Liebeslebengeht, stockt der Fachwelt der Gedankenfluss. Allzu lang sei dasSozialverhalten der frühen Menschen »vernachlässigt« worden, klagt dieHistorikerin Angelika Dierichs aus Münster.

Wann schämte sich der erste Mensch? Wer erfand das Inzestverbot unddie Einehe? Schliefen bei den Neandertalern Oma, Vater und Tochter allegemeinsam in der Grashütte? Wer diese Fragen beantworten könnte, besäßeeinen Schlüssel, um das Tor ins Reich der Urzeit aufzustoßen.

Statt Lösungen tun sich überall Lücken auf: Nebel umhüllt dieBettstatt von Adam und Eva. Doch langsam kommt Bewegung in dieSexfront.

Ebenso spektakulär wie die Erotikfigur aus Sachsen ist ein Fund vomBodensee. Dort wurde ein Tempel entdeckt, aus dessen Wänden einstüppige Lehmbrüste herausquollen. Das von Archäologen in Ludwigshafenzutage geförderte »Kulthaus« ist fast 6000 Jahre alt.

Auch die Wanderausstellung »100 000 Jahre Sex«, die derzeit durchdie Republik tingelt, bemüht sich um eine neue Bestandsaufnahme*.Gezeigt werden Reizwäsche aus der Bronzezeit, deftige Fresken aus Athenund Stoffkondome, die in Milch getaucht wurden.

Doch wie sind die jüngsten Funde zu interpretieren? Aufgrund derneuen Entdeckungen ist ein alter Zwist wieder entfacht. Zwei Lagerstreiten um ein grundsätzliches Problem. Die Frage lautet: Lebtenunsere Vorfahren locker und ungehemmt? Oder war in der Urwelt Askeseangesagt?

* Soziobiologen unterstellen den frühen Hominiden promiske Wurzeln.Liebestoll seien sie durch die Flora gesprungen, einem genetischenDiktat überschießender Hormone folgend.

* Die »Tabuisten« dagegen nehmen an, dass bereits auf den Urmenschenein strenges System aus Triebverzicht und Enthaltsamkeit lastete - keinSpaß im Neandertal.

Welten treffen da aufeinander. In dem einen Szenario wird gerammeltund geschleckt; die Steinzeit-Frauen, meint die US-Anthropologin HelenFisher, »schlugen sich ständig mit anderen Partnern in die Büsche« - imanderen Szenario dagegen herrscht die meiste Zeit über tote Hose.

Der sächsische Sexprotz und die Lehmbrüste vom Bodensee lassen sichdenn auch völlig unterschiedlich deuten. Für die Tabuisten gehörtendiese Kunstwerke zu streng reglementierten Fruchtbarkeitskulten. DieSoziobiologen hingegen sehen in ihnen einen Beweis dafür, dass diefrühen Ackerbauern Tag und Nacht nur das eine im Kopf hatten und esfolglich nach Lust und Laune miteinander trieben.

Besonders hitzig wogt die Debatte auch um die altsteinzeitlichenPhallusstäbe. Bis zu 32 000 Jahre sind die Pikser alt. Die einen deutensie als Dildos zum lustvollen Einführen in die Vagina. Die anderensehen darin Werkzeuge, mit denen einst die Mädchen der Eiszeit rituellentjungfert wurden.

Immerhin kann sich die Tabu-Fraktion auf große Vordenker stützen.Schon Charles Darwin nahm an, dass die Menschen einst in »kleinenHorden« lebten, geleitet von Anführern, die alle Frauen bewachten.»Nach allem, was wir von der Eifersucht wissen«, schreibt er, sei »eineallgemeine Vermischung der Geschlechter im Naturzustand äußerstunwahrscheinlich«.

Statt Lust und Erotik, so Darwins Vermutung, tobte in derAltsteinzeit ein Dauerstreit. Die stärksten Macker legten sich einenHarem zu. Wer leer ausging, machte auf schwul oder begann (wie dieSchimpansen) zu onanieren. Oder er sann auf Rache und ermordete denAnführer.

Um den permanenten Unfrieden zu stoppen und überhaupt im sozialenVerband leben zu können, glaubte auch Sigmund Freud, habe das aufrechtgehende Wesen das älteste Sittengesetz der Welt ersonnen: denTotemismus.

Dieses System sorgte zwar für Ruhe und Ordnung. Zugleich aberbürdete es dem Einzelnen einen horriblen Triebverzicht auf.

Tatsache ist: Noch im 19. Jahrhundert lebten viele Naturvölker inAfrika und Australien in totemistischen Gemeinschaften. Sie begegnetensich scheu und schamhaft. In einigen Stämmen durfte der Bruder

die Schwester nicht beim Namen nennen. Sie zu berühren war ihmverboten. Eine Heirat innerhalb des Dorfes war nahezu unmöglich (sieheGrafik Seite 151).

Die Tabuisten sind sicher: Bei ungebremster Gier und Wollust wäreder Mensch nie zur Krone der Schöpfung aufgestiegen.

Nur im Ritus - an wenigen, besonderen Tagen des Jahres - sei derrauschhafte Durchbruch der Sinne erfolgt. In leidenschaftlichen Orgienund Gelagen schufen sich die Clans ein Ventil für den im Alltagangestauten sexuellen Überdruck, der im Lauf der Zivilisation immerweiter anwuchs.

Wie sich dieser Weg vom Tier zum schamhaften Menschen im Detailvollzog, ist indes umstritten. Schon der Homo erectus baute vor 370 000Jahren kleine Grashütten, mit Platz für vier bis acht Personen. FürIntimität war da kein Platz.

Wie also half sich der erigierte Erectus? Bat er seine Frau zumQuickie zwischendurch, wenn die anderen im Wald Beeren sammelten? Oderstöhnten die beiden nachts ihren Mitbewohnern die Ohren voll?

»Schon vor 40 000 Jahren gab es strenge Sexualgebote«, glaubtzumindest der Berliner Ur- und Frühgeschichtler Svend Hansen. »HoheGeburtenraten waren unter wildbeuterischen Lebensbedingungen nichtwillkommen.«

Der Grund: In Gruppen von 15 bis 30 Personen zogen die fellbewehrtenSteinzeit-Jäger durchs Biotop. Jedes Baby war ein gefährlicher Ballast.Schwer lag es auf dem Rücken der Mutter.

Deshalb mussten die Nomaden die Fruchtbarkeit eindämmen. Neben»pflanzlichen Verhütungsmitteln und einem Verbot desGeschlechtsverkehrs durch Tabus«, so Hansen, habe man auch zu blutigenMitteln wie »Abtreibung und Kindstötung« gegriffen.

Ergebnis: Die Bevölkerung blieb über Jahrzehntausende stabil.Revierstreitereien mit den Nachbarclans blieben die Ausnahme.

Dass die Urmenschen dem Eros dennoch einen hohen Stellenwerteinräumten, leugnen auch die Tabuisten nicht. Aber statt sich ständigzu begatten, so ihre Ansicht, hätten die Geröllheimer ihrgeschlechtliches Verlangen gezügelt, »sublimiert« und zu Kunstumgeformt.

Auch für diese Annahme liegen jetzt neue Indizien vor: Es geht umdie berühmten drallen Damen aus dem Lande Feuerstein, die»Venus-Statuetten«.

Losgetreten wurde dieser Kult vor 35 000 Jahren von den erstenmodernen Menschen, die ins kalte Europa vordrangen. Kaum auf demKontinent angekommen, erfanden sie die Bildhauerei - und nutzten dieseKunstfertigkeit sogleich, um Nackedeis zu formen.

Liebestollen Steinmetzen gleich begannen die Männer zu klopfen undzu hämmern. Über 200 Venus-Statuetten sind bekannt - allesamt adipöseSchönheiten mit Körbchengröße DD und Speckhüften. Manche tragenArmbänder oder Gürtel, was ihre Nacktheit noch zu steigern scheint.

Lange Zeit galten die Statuen als Pin-up-Girls. »Rohe animalischeWollust« hätten die Künstler wecken wollen, befand der PrähistorikerRudolf Feustel. Eine der Figuren wurde sogar als SM-Sklavin gedeutet.Sie trägt Armbänder, die wie Fesseln aussehen.

Den Soziobiologen passen solche Hinweise in den Kram. Sie nehmen dieSkulpturen als Beleg, wie zügellos es einst am Lagerfeuer zuging.

Aber wurden die rubenshaften Püppchen tatsächlich in pornografischerAbsicht gefertigt? Neue Untersuchungen legen nahe, dass diedargestellten Frauen nicht einfach propper, sondern schwanger sind. DieVenus von Monpazier (Frankreich) hat eine geöffnete Vulva. Bei eineranderen ist der Bauch nach unten gewölbt, im Schoß steckt ein Zapfen -der Moment der Geburt.

Statt geil zu wirken, dienten die Statuetten offenbar als Objekteder Verehrung. Es waren Ur-Mamas, Symbole der Fruchtbarkeit undSchöpferinnen des Lebens.

Detailgetreu sind die Damen geformt, einige haben Schamhaare, Lockenund einen großen Bauchnabel - Meisterwerke aus der Eiszeit.

Gleichwohl beruht das Hohelied der Schwangerschaft, das die Männerdes Gravettien (vor 30 000 bis 24 000 Jahren) sangen, wohl nur aufeiner Wissenslücke. Die Kerle hätten schlicht »die biologische Funktiondes Sex nicht verstanden«, glaubt Jill Cook vom British Museum inLondon.

Erstaunt beäugten die Herren des Keulenzeitalters den weiblichenLeib, der zuweilen anschwoll wie der Mond, bis dem Schoß ein kleinerSchreihals entstieg. Was für ein Wunder!

Sie selbst schienen an dem Vorgang keine Anteil zu haben.Entsprechend groß, so Cook, war die Ehrfurcht vor den Müttern. MitLüsternheit habe all das nichts zu tun gehabt.

Bald aber schwante den Männern offenbar doch eine Beteiligung. Voretwa 20 000 Jahren brach der Venus-Kult ab. Ein neues Motiv kam inMode, die »vermischten Bilder": Der Begriff steht für die gemixteDarstellung männlicher und weiblicher Genitalien.

Regelrecht beschmiert ist die Höhle von La Marche in Westfrankreich.An ihren Wänden prangen 14 000 Jahre alte Zeichnungen wie aus demKamasutra.

Ein Bild wirkt wie die Darstellung von Oralsex - ein Kopf versinktzwischen

den Oberschenkeln einer Frau. Eine anderes zeigt ein stehendes Paar,das sich umschlingt, während der Penis des Mannes in die Partnerineindringt.

Als Beweis für freie Liebe im Paläolithikum können die Graffitiallerdings kaum gelten. Sie sind wenig sorgsam hingekritzelt underinnern an Kloschmierereien - als hätte ein einsamer Fred Flintstoneseine erotischen Phantasien mit dem Ritzmesser ausgelebt.

Gleichwohl sind die Bilder von enormer Bedeutung. Viele Forschersehen in ihnen den Beginn einer neuen Epoche. Umgeben von tropfendenGletschern, hart am Rande der Sesshaftwerdung habe der Mensch dieVerbindung zwischen Zeugung und Geburt erkannt. Deshalb sei derGeschlechtsakt ins Zentrum seines Interesses getreten.

All diese Überlegungen gewinnen durch den Adonis von Zschernitz nunjäh an Gewicht. Übergroß ist der Penis der bei über 600 Grad gebranntenTonpuppe modelliert. Auf ihrem Hintern befinden sich geritzte Dreiecke.Womöglich sind es Tätowierungen.

Mit Fragen der Fortpflanzung kannte sich sein Schöpfer gut aus. Erlebte in einer urigen Siedlung mit Reetdachkaten. In den Pferchenbrüllten Rinder und Schweine, die durch Auslese schon gezielt gezüchtetwurden.

Von der weiblichen Statue sind nur noch die Oberschenkel übrig. DieBruchstelle zeigt jedoch, dass sich darüber ein ballonartiges Gesäßwölbte.

Harald Stäuble vermutet, dass die 30 Zentimeter hohen Figuren aneinem hervorgehobenen, sakralen Ort standen. Schließlich seien sieabsichtlich zerbrochen und in den Müll geworfen worden, um deren»magische Kraft« zu zerstören.

Nur, welches Fruchtbarkeitsfest wurde hier gefeiert? Von Ethnien ausAfrika ist bekannt, dass sie in Kornfeldern kopulierten, um dasGetreide zum Wachsen zu bringen. Auch bei den Bandkeramikern vor 7000Jahren drehte sich alles um Aussaat, Reife und Ernte.

Womöglich standen die Idole aber auch im Mittelpunkt einer ArtKarneval, einer trunkenen Orgie, bei der die ersten Farmer Europas sichaustobten.

Dass es bereits zu diesem frühen Zeitpunkt - lange vor demPyramidenbau - spezielle Erotikriten gab, belegt der mysteriöseUr-Tempel vom Bodensee.

»Das Kulthaus stand auf Pfählen direkt am Ufer«, erklärt derAusgräber Helmut Schlichtherle. Innen war es mit weißen Tupfenbemalt.

Das Besondere: Aus den Wänden wuchsen acht große Brüste aus Lehmheraus - ein Bild wie im Eros-Center.

Dass es in dem Heiligtum einst hoch herging, mit Nebelschwaden undEkstase, dafür liegen Indizien vor. Feinste Stoffreste kamen zumVorschein, es könnten Teile von Priestergewändern sein. Zudem lag imSchutt ein prachtvolles Zeremonialgefäß, gefüllt mit Birkenpech.

Unter Erwärmung gibt diese Substanz einen betörenden Duft ab.Birkenpech war der Weihrauch der Steinzeit. MATTHIAS SCHULZ

* Das Begleitbuch »100 000 Jahre Sex« ist im Theiss-Verlag,Stuttgart, erschienen; 108 Seiten; 22 Euro.

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