Zur Ausgabe
Artikel 80 / 115

Napoleon Trockene Guillotine

Wurde Napoleon in der Verbannung auf St. Helena mit Arsen vergiftet? Zwei Haare des Kaisers sollen Auskunft geben.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Ich sterbe vor der Zeit; ermordet von der englischen Oligarchie und ihrem gedungenen Mörder.

Majestät, nie angekränkelt von des Zweifels Blässe, war seiner Diagnose sicher. Nach monatelangem Krankenlager rafft sich Napoleon Bonaparte Anfang April 1821 mühsam auf und wirft einen letzten Blick in den Spiegel: »Ich Armer«, stöhnt er. Dann beginnt er, seinem Vertrauten Henri-Gratien Bertrand das Testament zu diktieren, drei Tage lang.

Der berühmte Franzose, seit sechs Jahren von der großen Koalition seiner Feinde verbannt auf die unwirtliche Atlantikinsel St. Helena und bewacht von 1500 englischen Soldaten, verteilt die übriggebliebenen Millionen. Leibarzt Dr. Francesco Antommarchi, ein Korse wie Napoleon, geht leer aus. Dem Ex-Kaiser sind die Dienste des Medicus 20 Francs wert: »Damit kann er einen Strick kaufen und sich aufhängen.«

Diesen letzten Gefallen verweigert der Arzt seinem Patienten. Statt dessen läßt er den moribunden Soldaten - zehn Jahre, bis 1812, war er der mächtigste Mann der Welt - die Kraft der Heilkunst spüren. Antommarchi traktiert Napoleon mit Salmiak, Schwefel und dem schmerzhaften Blasenpflaster. Der hinzugezogene englische Militärchirurg Archibald Arnott eskaliert die Therapie. Er gibt zusätzlich Chinarinde, Kalomel, Brechmittel und Klistiere.

Napoleon ist zu schwach, um sich erfolgreich wehren zu können. Er hat Fieber, heftige Schweißausbrüche und erbricht eine stinkende, schwarze Flüssigkeit. Sein Leib schmerzt. In lichten Momenten legt der Franzose die Hand auf den geblähten Bauch, tastet sorgenvoll die Leber ab und flüstert: »Le foie, le foie«. Daß der Tod in der Leber sitzt, ist damals wie heute medizinische Grundüberzeugung vieler Franzosen.

Am 5. Mai 1821, elf Minuten vor sechs Uhr abends, stirbt Napoleon, nur 51 Jahre alt. »Ich will seziert werden«, hat er kurz vorher angeordnet. Doktor Antommarchi macht sich ans Werk. Diener legen den Leichnam auf den Billardtisch. Sechs englische Militärärzte sehen dem Leibarzt auf die Finger, auch der kleine Hofstaat des Ex-Kaisers ist dabei. Es wird ein Schlachtfest.

»Wie auf der Fleischbank«, urteilen die Engländer, habe dieser »Stümper Antommarchi den General Bonaparte ausgeweidet«. Über den geöffneten Leibeshöhlen kommt es zum Streit. Die Franzosen suchen nach Indizien, die den Verdacht Napoleons, England sei - so oder so - an seinem frühen Tod schuld, stützen. In den 173 Jahren seither haben zahlreiche Mediziner und Amateurhistoriker versucht, die Mordthese zu bestätigen oder zu widerlegen. Die Analyse zweier Napoleon-Haare, die dem kriminaltechnischen Labor der US-Bundespolizei FBI von einem französischen Napoleon-Forscher überlassen wurden, soll die Frage nun endgültig klären.

»Ich werde wenigstens den Trost haben«, hatte der Sterbende gehofft, »daß mein Tod ein ewiger Schimpf für die englische Nation sein wird« - sie habe ihn in das schreckliche Klima St. Helenas verbannt, damit er dort möglichst rasch das Zeitliche segne.

St. Helena, ein nackter Vulkanfelsen im südlichen Atlantik, mehr als 7000 Kilometer von Paris entfernt, hat zu Napoleons Zeiten rund 2000 Einwohner. Die britische Marine unterhält dort einen Stützpunkt, der als Himmelfahrtskommando gilt: Seuchen dezimieren die Truppe. Die Ärzte wissen nichts von Bakterien oder Viren, kennen weder die Bedeutung der Hygiene noch die einer gesunden Ernährung. Ihr Lieblingsmedikament ist das Quecksilber. Hoch im Kurs steht auch der Aderlaß; gewöhnlich gibt er einem Kranken den Rest.

»Die Medizin ist eine Anhäufung von ganz unsicheren Vorschriften«, hat Napoleon auf St. Helena erkannt, »deren Wirkung im allgemeinen mehr schadet als nützt.« Der kluge Korse war den Ärzten seiner Zeit weit voraus: »Reines Wasser, reine Luft und Sauberkeit sind in meinem Arzneibuch die Hauptmittel.« Gerade daran mangelte es am Verbannungsort: Das Wasser kam aus einem Bergbach, der auch als Abtritt diente; die Luft war tropisch schwül; in mancher _(* Bei der Analyse von Napoleons Haaren ) _(im FBI-Labor. ) Nacht erschlagen Napoleons Diener 20 Ratten.

Knapp zwei Jahre nach seiner Ankunft auf dem elenden Eiland - nach französischer Diagnose ist die Insel eine »trockene Guillotine« - machen sich die ersten ernsten Krankheitszeichen bemerkbar. Im rechten Oberbauch spürte er einen dumpfen Druck. Le foie! Seine Haut wurde fahl, später gelb. Alle Lebenskräfte schwanden. Der Dynamiker lag antriebsschwach im Bett, die Glieder schwollen an.

Napoleon, den der Philosoph Georg Hegel einen »Weltgeist zu Pferde« genannt hatte, verzichtete auf Ausritt und Spaziergänge. Der englische Inselgouverneur Sir Hudson Lowe »ist mein Henker«, erklärte er seiner Umgebung.

Die war und blieb ratlos, was die Natur der Erkrankung anging. Gift? Ruhr? Leberentzündung? Oder, wie bei Napoleons Vater, ein Magenkrebs? Auch die »brutale Obduktion« durch Antommarchi klärte wenig. Von ihr gibt es insgesamt vier ärztliche Protokolle, die sich allesamt widersprechen. Zwei Berichte hat der 30jährige Leichenzergliederer Antommarchi hinterlassen. In seinem ersten Protokoll, auf St. Helena niedergeschrieben, benennt er als »das Merkwürdigste, was ich beobachtete«, folgendes: »Die Leber war chronisch entzündet, und die Magenwände waren zum Teil von einem krebsartigen Geschwür bedeckt.«

In seinen Memoiren erwähnt der Leibmedikus später auch noch tuberkulöse Höhlen in beiden Lungenflügeln, ein Befund, der im ersten Protokoll fehlte. Entzündete Leber und tuberkulöse Lungen sind starke Argumente für den Tod durch Umwelteinflüsse, die »trockene Guillotine« der alten Feinde.

Die Engländer wollten schon damals diesen Verdacht nicht auf sich sitzen lassen. Gouverneur Lowe hatte seinen Ärzten deshalb strikt verboten, irgendein Leberleiden bei dem prominenten Franzosen zu diagnostizieren. In beiden britischen Autopsieberichten heißt es apodiktisch: »Keine Krankheitserscheinung in der Leber« (1821), mehr noch: »Die Leber hatte den normalen Umfang, und das Lebergewebe war vollständig gesund« (1823).

Die Sanitätsoffiziere Ihrer Britischen Majestät sichteten statt dessen Verwachsungen zwischen dem linken Leberlappen und dem Magen. Als Antommarchi »diese entfernt hatte, entdeckte man, einen Zoll vom (Magen)-Pförtner entfernt, ein Geschwür, das die Magenwände durchbohrt hatte«. Englische Diagnose: »Magengeschwür« und »Magenkrebs.«

Herz und Magen schnitt der Obduzent heraus. Die Organe wurden in eine silberne Urne und in eine Gewürzbüchse gelegt, mit Weingeist übergossen und verlötet. So kamen sie als separierte Beigaben in Napoleons Blechsarg. Der war so eng, daß der Hut des Toten auf dem Kopf keinen Platz mehr fand und deshalb den Füßen aufgesetzt wurde. Der Nachwelt und den eigenen Geschäften zuliebe hat Antommarchi seinem Patienten noch schnell eine Totenmaske abgenommen und alle Haare vom Kopf geschnitten.

Eigentlich sollten die Haare Napoleons Witwe Marie-Louise und ihrem gemeinsamen Sohn Francois, 10, übergeben werden. Daraus wurde nichts. Napoleons Begleiter, die dem großen Kaiser - er maß 1,68 Meter - freiwillig ins Exil gefolgt waren, teilten die Locken unter sich auf. Seither beleben sie den Devotionalienhandel; zur Zeit kostet ein Haar rund 1000 Dollar.

Die Haare des gekrönten Hauptes spielen zudem seit drei Jahrzehnten die Rolle des Corpus delicti in einem internationalen Kriminalstück - sind sie doch das einzig frei verfügbare Substrat des Toten, eine ideale Grundsubstanz für jede Spekulation über sein mörderisches Ende. Denn in jedem Haar, lehrt die Gerichtsmedizin, sammeln sich Gifte und Medikamente: gute Aussichten für die Lösung des Napoleon-Puzzles.

Der französische Amateurhistoriker Jean Fichou aus Rennes war es, der dem Federal Bureau of Investigation acht Haare (aus seinem napoleonischen Lockenfundus von 220) zur Verfügung gestellt hat. Die Amerikaner, zu denen Napoleon nach der letzten verlorenen Schlacht 1815 flüchten wollte, werden zwei Haare analysieren, ein weiteres will das FBI archivieren und fünf dem Monsieur Fichou retournieren.

Von den beiden untersuchten Haaren bleibt nichts übrig - nur ein Datenberg. Die kriminalistische Haaranalyse mittels Radio-Immuno-Assays (eine Nachweismethode mit Hilfe radioaktiv markierter Substanzen) und Gaschromatographie-Massenspektrometrie (das Stoffgemisch wird dabei in seine einzelnen Teile zerlegt und sichtbar gemacht) weist Absolutmengen im »Pikogramm«-Bereich nach: den Millionsten Teil eines Millionstel Grammes.

Und diese unvorstellbare Kleinigkeit kann auch noch räumlich und damit dank der bekannten Wachstumsgeschwindigkeit des Haares sogar zeitlich zugeordnet werden: Das Kopfhaar wächst pro Tag rund 0,4 Millimeter, in einem Monat also gut einen Zentimeter. Von der Haarwurzel aus gelangen die im Körper zirkulierenden Stoffwechselprodukte, Drogen, Medikamente und Gifte in das Haar und werden dort gespeichert.

Der Aufwand gilt dem Mordgift Arsen. Seit der französische Kaiser in englischer Verbannung starb, halten seine Verehrer den Verdacht gegen das graue, pulverige Halbmetall am Leben. Ein Gramm Arsen ist tödlich. In kleineren Portionen verabreicht, ruft es Krankheitszeichen hervor, die denen Napoleons zumindest ähneln: Magen- und Darmstörungen, Schwäche, Erbrechen, Nervenreizung.

Die Chemikalie, als Arsenik geruch- und geschmacklos, kann unbemerkt verabfolgt werden. Das seit dem Altertum bekannte Arsen ist jedoch nicht nur ein Mordgift. Es wurde auch zur Farbenherstellung, der Desinfektion von Nahrungsmitteln und Wein, als Bestandteil des Haarpuders und als Medikament eingesetzt.

»Jeder Schiffsarzt«, sagt Stefan Winkle, 82, Hygieneprofessor in Hamburg, »führte seinerzeit einen kleinen Sack Arsenpulver mit sich.« Winkle, der an einer dickleibigen »Kulturgeschichte der Seuchen« schreibt, glaubt nicht daran, daß irgend jemand den Gefangenen vergiftet hat. Unter den vielen konkurrierenden Todesursachen favorisiert Winkle eine Seuche, die Amöbenruhr.

Diese tropische Infektionskrankheit wird durch tierische Einzeller ("Protozoen") verursacht und ruft die bei Napoleon beobachteten Symptome hervor. Sie verläuft häufig chronisch und führt auch zur Bildung eitriger Höhlen in der Leber. Ein solcher Leberabszeß habe sich, begünstigt durch die Verwachsungen zwischen den Bauchorganen des prominenten Patienten, in den Magen hinein eröffnet. Winkle urteilt milde über Antommarchi und dessen diagnostische Fähigkeiten: Der Leibarzt habe die richtige Diagnose nicht stellen können, weil »zu jener Zeit das klinische Bild der Amöbeninfektion und ihrer Komplikationen unbekannt war«.

Zwar grassierte die Seuche in den Tropen und auf St. Helena, doch überlappten sich ihre Krankheitszeichen mit anderen Infektionskrankheiten, vor allem der ansteckenden Gelbsucht und dem Fleckfieber.

Rabiate Therapie der Heilkundigen war Napoleon von jeher zuwider. 1803 erließ er im »Code Napoleon« strenge Vorschriften gegen die Kurpfuscher. Seinem letzten Arzt Antommarchi redete er ins Gewissen, vergeblich. »Glauben Sie mir«, erklärte der Todkranke angesichts von Salmiak, heißen Schwefelbädern und Brechweinstein, »wir täten besser, all diese Heilmittel beiseite zu lassen.«

Denn soviel war dem alten Artilleristen schon klar: »Das Leben ist eine Festung, von der Sie und ich nichts wissen. Warum sollten wir ihre eigene Verteidigung erschweren?« Y

* Bei der Analyse von Napoleons Haaren im FBI-Labor.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 80 / 115
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.