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Weichtiere U-Boote der Evolution

Seit Jahrmillionen hausen Weichtiere als »lebende Fossilien« in den Ozeanen: Britische Biologen erforschen die erstaunlichen Fähigkeiten der Perlboote.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Unter hohem Druck pressen sie das Meerwasser aus einer trichterförmigen Öffnung. Von diesem Düsenstrahl fortbewegt, schießen die wabbeligen Raubtiere nachts durch die Meerestiefen, auf der Jagd nach Krebsen, die auf dem lichtlosen Grund entlangkriechen.

Tagsüber treiben die »Perlboote« (Nautilida) gemächlich an der Wasseroberfläche und lassen ihre bis zu 90 Tentakeln baumeln. Von ihren biologischen Vettern, den Tintenfischen, unterscheiden sich die etwa 20 Zentimeter großen Weichtiere durch eine farbenprächtige, perlmuttbedeckte Kalkschale, mit der sie, ähnlich wie Schnecken, fest verwachsen sind.

Geschickt machen sich die Perlboote, die zwischen dem östlichen Indischen Ozean und den Fidschiinseln leben, ihr Gehäuse zunutze, um im Wasser aufzusteigen oder abzusinken: Bis in die innerste Windung der Schale, die aus abgeschlossenen Kammern besteht, läuft ein röhrenförmiger Körperfortsatz hinein. Über diesen Stengel pumpen die Meeresbewohner Flüssigkeit in das Gehäuse und steuern so das Gasvolumen in den Kammern - ein Trick, mit dem die Weichtiere, vergleichbar einem U-Boot, ihre eigene Auftriebskraft verändern.

Von einer weiteren - rekordverdächtigen - Fähigkeit der Nautiliden berichten nun die britischen Biologen Martin und Joyce Wells von der University of Cambridge und ihr kanadischer Kollege Ron O'Dor in dem Fachblatt Journal of the Marine Biological Association: Die Weichtiere in den Ozeanen sind in der Lage, außergewöhnlich lange die Luft anzuhalten.

Vor der Küste von Papua-Neuguinea fingen die Meeresforscher mehrere Nautilus-Exemplare und verfrachteten sie in ein Aquarium der Universität des Inselstaates. Das Wasser, in das die Forscher die Meerestiere dort setzten, enthielt extrem wenig Sauerstoff.

Die Perlboote, vom Erstickungstod bedroht, reagierten sofort: Sie verkrochen sich erst einmal in ihr Häuschen; gleichzeitig verringerten sie ihren Herzrhythmus auf ein bis zwei Schläge pro Minute.

Als lebensrettend erwies sich letztlich, daß die Versuchstiere über ihre Kiemen plötzlich rund die Hälfte des im Wasser enthaltenen Sauerstoffs herausfilterten - normalerweise entziehen sie dem Meerwasser nur rund fünf Prozent. Diese kurzfristige Höchstleistung verdanken die Nautiliden ihrem speziellen kupferhaltigen Blutfarbstoff, dem Hämocyanin. Mit dessen Hilfe vermochten die Tiere, gleichsam als stille Reserve, große Mengen an Sauerstoff im Blut zu speichern.

Mehrere Tage überlebten die Weichtiere in dem sehr sauerstoffarmen Wasser. Und sogar ohne jegliche Sauerstoffzufuhr, so fanden die Wissenschaftler heraus, sind die ungewöhnlichen Meeresbewohner imstande, stundenlang auszuharren. »Sobald das Wasser ausgewechselt wurde«, schreiben die Biologen, »begannen die Tiere wieder, sich zu bewegen, offensichtlich war ihnen nichts passiert.«

Die britischen Wissenschaftler gehen davon aus, daß über den raffinierten Überlebenstrick auch die urzeitlichen Ammoniten verfügt haben, die als die nächsten entwicklungsgeschichtlichen Verwandten der Perlboote gelten. Mit dieser Erkenntnis läßt sich nach Ansicht der Meeresbiologen das rätselhafte Aussterben der Urtiere erklären.

Vor mehr als 400 Millionen Jahren tauchten, wie Fossilienfunde beweisen, die ersten Ammoniten in den Ozeanen auf. Wie die Perlboote gehörten sie zu den wenigen Lebewesen, die damals in den sauerstoffarmen Meereszonen überhaupt gedeihen konnten.

Viele Millionen Jahre waren die räuberischen Weichtiere deshalb die uneingeschränkten Herrscher der Weltmeere, ehe die Ammoniten vor 60 Millionen Jahren so plötzlich verschwanden, als wäre eine Katastrophe über sie hereingebrochen.

Zum Verhängnis wurde den Urtieren, so vermuten die britischen Wissenschaftler, daß sich auf den Landflächen sehr rasch Planzen ausbreiteten, die allmählich die irdische Atmosphäre mit Sauerstoff anreicherten. Im Laufe von Jahrmillionen nahmen dann auch die Weltmeere das lebenswichtige Gas in größerer Menge in sich auf.

Als sich die Ozeane genügend mit Sauerstoff angereichert hatten, schlug die Stunde der Wirbeltiere, der Fische und der Meeressaurier, die auf einen hohen Sauerstoffgehalt im Wasser angewiesen waren. Mit ihren Flossen schwammen sie weitaus schneller als die Weichtiere, im Kampf um die knappen Fleischreserven stellten sie deshalb eine unschlagbare Konkurrenz dar.

In ihrer Not versuchten die Ammoniten ihre Jagdgründe in tiefere Gefilde zu verlegen. Doch ihre mit Gas gefüllten Gehäuse erschwerten es den Urtieren, abwärts zu tauchen; denn aufgrund des hohen Wasserdruckes in der Meerestiefe riskierten sie eine todbringende Implosion. Wells: »Die Ammoniten saßen in der Falle.«

Bei ihrem aussichtslosen Überlebenskampf in der Evolution, darauf lassen Funde schließen, wurden die urzeitlichen Ammoniten am Ende sogar zu Kannibalen. »Ammoniten und Fische spielten das gleiche Spiel«, kommentiert Meeresbiologe Wells, »und die Fische gewannen.«

Lediglich die eher trägen Perlboote vermochten sich, in einer ökologischen Nische, aus grauer Vorzeit in die Gegenwart herüberzuretten. Die Weichtiere formten ihre biegsamen Tentakel so um, daß sie damit in 600 Meter Tiefe »kleine Lebewesen im Schlamm« (Wells) aufspüren konnten. Zudem betätigten sie sich als Aasfresser und ernährten sich von abgestorbenen Tieren.

Gleichwohl ist die Zukunft der Unterwassertiere, die ebenso wie der legendäre Quastenflosser (SPIEGEL 36/1989) zu den »lebenden Fossilien« zählen, ungewiß: Ihre schneckenartige Schale wird weltweit in Andenkenläden als Schmuck verkauft. Die Ware ist bei Touristen sehr begehrt.

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