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Best-of-2016 Die Bio-Industrie

Der Ruf von Biolebensmitteln ist ramponiert. Der neue Trend: regional. Aber ist das nachhaltiger?

Dieser Artikel aus unserer Reihe Expedition ÜberMorgen erschien erstmals am 19. April 2016.

Die Arbeiter auf der Zitronenplantage bei Syrakus reden wenig, sie ernten schnell in der milden sizilianischen Frühlingssonne: Mit kleinen Kneifzangen zwicken sie Zitrone um Zitrone von den Bäumen. Manche von ihnen arbeiten seit Generationen auf der Plantage - sie brauchen Gefühl, Geschick und Erfahrung. Welche Früchte reif sind, welche nicht, ist schwer zu erkennen, gelb leuchten sie alle. Zitronenbäume tragen Blüten, reife und unreife Früchte gleichzeitig.

Hunderte Eimer befüllen die Arbeiter in einer Schicht, Kiste um Kiste. Ein Lkw steht bereit, um die Kisten zur Packhalle zu fahren, wo sie in durchdringendem Zitronenduft gewaschen, sortiert und verpackt werden. Zwei Tage später liegen sie in deutschen Naturkostläden und Supermärkten. Es sind Biozitronen, die auf der 200-Hektar-Farm Campisi Italia im Südosten Siziliens wachsen.

Kann man die Zitronen mit gutem Gewissen kaufen? 2500 Kilometer haben sie bis zum Hamburger Großmarkt auf einem Lkw zurückgelegt - ist das noch nachhaltig? Und: Ist Bioware aus Italien nach zahlreichen Betrugsskandalen überhaupt noch vertrauenswürdig?

Andrea Moschella schmerzt diese Frage. Er führt den Betrieb in der vierten Generation, und er sieht anders aus, als man sich einen sizilianischen Bauern vorstellen mag: Lange Haare, Vollbart, Daunenjacke - er passt eher in einen Großstadtklub als auf eine Plantage. Sein Vater war Bauer, sein Großvater und sein Urgroßvater, er aber verließ Sizilien, zog in den Norden nach Florenz und studierte Grafikdesign, bevor es ihn in die Heimat zurückzog.

Jetzt erzählt der 32-Jährige davon, wie umstritten die Entscheidung seines Vaters war, in den Neunzigerjahren auf Bio umzustellen - in Italien gilt das bis heute als exotisch. Mittlerweile trägt der Betrieb das EU-Biosiegel, den Sozialstandard Grasp und seit acht Jahren das noch strengere Siegel des deutschen Anbauverbands Naturland: "Das war für uns logisch", sagt Moschella, "die im Vergleich zum EU-Siegel strengeren Auflagen erfüllten wir sowieso".

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Campisi Italia ist ein Vorzeigebetrieb - die Arbeiter werden gut bezahlt und sie sind sozialversichert. Die Kontrollen sind gründlich, die Großkunden in Österreich, Dänemark, der Schweiz und in Deutschland anspruchsvoll. Naturland stellt deutlich höhere Anforderungen an die Produzenten als das EU-Biosiegel.

Allerdings wollen einige Kunden von Campisi Italia nur das einfachere Siegel bezahlen; vor allem Supermarktketten, die auch von anderen, weniger "guten" Betrieben kaufen. So landet die sizilianische Naturlandzitrone unerkannt auch bei Aldi.

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Die Zweifel an der Bio-Branche

Darf man Bio überhaupt beim Discounter kaufen? Muss so billiges Gemüse nicht unter ähnlich industriellen Bedingungen erzeugt werden wie konventionelle Massenware? Und: Ist es nachhaltig, Biotomaten zu kaufen, die in Plastikboxen verpackt sind?

Seit Jahren stagniert der Anteil ökologischer Anbauflächen in Deutschland trotz boomender Nachfrage nach Bioobst und -gemüse. Deshalb steigen die Importe, auch von Riesenhöfen in Osteuropa mit großem Maschinenpark und kleinem Team.

Immer häufiger kommt das Gemüse auch aus Weltregionen, in denen es natürlicherweise gar nicht wächst: Kartoffeln aus Wüstenländern wie Ägypten oder Israel, Gurken vom Rand der Sahara, Tomaten aus Gewächshäusern an der trockenen Südküste Spaniens. Der kleinbäuerliche Biohof, der nicht nur auf Agrarchemie verzichtet, sondern verantwortungsvoll mit Mitarbeitern und Umwelt umgeht, existiert dort nur noch selten.

Besonders der Wasserverbrauch ist dramatisch gestiegen. Naturland wird jetzt neben Sozialstandards auch den verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource in seine Leitlinien aufnehmen. Das EU-Biosiegel beinhaltet keine weitergehenden Vorschriften. Bio, das kann auch heißen: enormer Wasserverbrauch und Dumpinglöhne.

Auch die 50.000 Zitronenbäume von Andrea Moschella sind enorm durstig. Die Plantagen sind durchzogen von Bewässerungsanlagen, allein von April bis August braucht jeder einzelne Baum 30.000 Liter. Immerhin: Zitronen sind hier heimisch, in Deutschland wachsen sie nicht. Die Frage, ob regional das neue Bio ist, stellt sich bei den Südfrüchten nicht.

Aber Bio war immer auch das Versprechen einer besseren Welt - nur wurden die Idealisten der ersten Stunde vom Erfolg hinweggefegt. Der Umsatz in Deutschland hat sich seit dem Jahr 2000 vervierfacht - die Nachfrage kann nur mithilfe von Großbetrieben befriedigt werden. Die Frage ist nicht länger: bio oder konventionell, sondern bäuerlich oder industriell. Ein Demeter-Bauer schimpfte jüngst: "Ich würde niemals bei Aldi Bio kaufen, weil diese Produkte genauso industriell hergestellt werden wie herkömmliche.

Dass das so nicht stimmt, beweist das Beispiel aus Sizilien: Die Zitronen von Campisi Italia werden wohl bald auch das Demeter-Siegel tragen - es wird sie aber auch weiterhin bei Aldi geben. Die jungen Biobauern - egal ob in Italien oder Deutschland - sind pragmatischer als ihre Vorgänger. Wenn der Discounter ihre streng zertifizierte Ernte will: Warum nicht?

Aber kann ein Verbraucher sicher sein, dass sein Biogemüse aus Italien ökologisch angebaut ist? Im September 2007 schrieb der SPIEGEL: "Wer nach Problemen mit Bioware sucht, könne am besten in Sizilien fündig werden. Bis heute gilt Italien als anfällig für Betrugsskandale, zuletzt flog 2011 ein internationaler Fälscherring auf, der über mehrere Jahre konventionelle Ware im Wert von 220 Millionen Euro in der EU als Bio verkauft hatte."

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Deutschland drückt die Preise

Roberto Giadone ärgert sich über die pauschale Kritik an Italien. Schuld an den Betrügereien seien die Großkunden, die nicht bereit seien, angemessene Preise zu zahlen. Jahrelang hat Giadone als Buchhalter gearbeitet, weit weg von der Landwirtschaft - rechnen kann er. Im Jahr 2000 stieg er aus und widmet sich seither auf seinem Biobetrieb Natura Iblea ganz im Süden Siziliens dem Anbau von Karotten, Tomaten und Paprika. Das Geschäft läuft: Sechs Millionen Euro Umsatz macht er jetzt und beliefert Supermärkte in ganz Europa - Deutschland aber macht ihm Sorgen.

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"Aldi will für Biokarotten Preise zahlen, für die ich kaum produzieren kann. Gleichzeitig sollen sie kerzengerade sein!" Der Bioanbau von Karotten kostet deutlich mehr: Ohne Herbizide müssen die Felder per Hand gejätet werden. Das kostet - auch wenn die sizilianischen Löhne niedrig sind - mindestens 20 Prozent mehr als mit Spritzmitteln. Kein Wunder, sagt Giadone, dass immer wieder betrogen werde.

Immerhin garantiert die stete hohe Nachfrage der Großkunden auch Giadone ein gleichbleibendes Geschäft. "Wir haben meistens Probleme, die Anfragen zu erfüllen." Aber auch ihm macht die günstigere Konkurrenz zu schaffen, vor allem aus Ägypten und Marokko, die im großen Stil in Biolandwirtschaft investieren. Der Italiener misstraut den dortigen Kontrollen.

Noch kann Giadone seine Arbeiter sozialversichern und ihnen den ortsüblichen Lohn zahlen: "Hey, wie viel Geld bekommst du am Tag?", ruft er einem Feldarbeiter zu. "53 Euro!", ruft der zurück. "Netto!", ergänzt der Chef. Fast paradiesische Bedingungen, die für Zehntausende Arbeiter auf Sizilien und in anderen Obst- und Gemüseanbaugebieten nicht gelten.

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Keine Chance gegen Ausbeutung?

Eine Autostunde westlich von Giadones Karottenfeldern liegt die Stadt Vittoria. Wer die Küstenstraße nimmt, fährt zig Kilometer durch eine Landschaft, die unter Plastik verschwindet - Gewächshäuser vom Meer bis zum Horizont. In Vittoria hat Giuseppo Scifo sein Büro. Er arbeitet für den italienischen Gewerkschaftsbund CGIL und hat nur wenig Zeit - wie eigentlich immer. In seinem kleinen Büro hängt Che Guevara an der einen, Marcello Mastroianni an der anderen Wand. Dazwischen kämpft Scifo für die Arbeiterrechte.

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"An den Gewächshäusern sind die Supermärkte schuld", sagt Scifo: Nur unter Plastik können Bauern die geforderten Qualitätsstandards erreichen. Form, Farbe, Geschmack - für alles gibt es Normen. Die Einkäufer bestellen beispielsweise Tomaten im Durchmesser von 40 bis 47 Millimetern im Rotton fünf.

Fast die Hälfte der hier geernteten Tomaten geht nach Deutschland - zehn Prozent in Bioqualität, schätzt Scifo. Die Preise sind sensationell niedrig - weil die Arbeitskräfte hier nahezu nichts kosten. 25.000 Arbeiter schuften allein in der Provinz Ragusa unter den Plastikplanen für Tageslöhne um die 20 Euro.

Es sind vor allem Rumänen, die seit dem EU-Beitritt des Landes im Jahr 2007 nach Italien kommen. "Sie leben in totaler Abhängigkeit von ihrem Chef, auf dem Betriebsgelände und zahlen Wucherpreise für Unterkunft und Essen." Die Gewerkschafter kommen kaum an die Arbeiter ran, jetzt versuchen sie es mit einem kostenlosen Bus-Shuttle nach Vittoria. Auf den Fahrten hoffen sie, Kontakt aufzunehmen. Denn gegen die Ausbeutung kann auch die Gewerkschaft nur etwas tun, wenn ein Arbeiter klagt.

Selten geschehe das, sagt Scifo. Und wenn einer vor Gericht zieht, dann nur, wenn er gar keinen Lohn bekommen hat. Die Erfolgsaussichten sind vage, die Verfahren dauern ewig. Ein aktuelles Verfahren wurde am 31. März 2015 eröffnet - verhandelt wurde am 16. Februar 2016. Bis das eingeklagte Geld eintrifft, vergehen anderthalb Jahre. Die Arbeit sei mühsam, erklärt Scifo, der plötzlich sehr müde aussieht. Höhere Preise für das Gemüse würden wohl nichts ändern: "Es sind nicht nur einige Problemfirmen, die ausbeuten, sondern auch die Top-Unternehmen mit besten Kunden".

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Auch Kleinbauern brauchen Supermärkte

Giovanni Favacchio hat seinen Betrieb L'Orto Biologico Cucco ganz bewusst weit entfernt von den Massenbetrieben aufgebaut. Bei Vittoria stehen konventionelle und Biofarmen direkt nebeneinander - die Pestizide sickern in Erde und Wasser. Favacchio will damit nichts zu tun haben. Er ist 65 Jahre alt, seit Jahrzehnten baut er Tomaten, Gurken und Zucchini rein biologisch an. Er habe keine Chemie mehr auf seine Felder sprühen wollen, erzählt er heute.

Favacchio, verwittertes Gesicht, listiges Lächeln, hat sich von Naturland zertifizieren lassen, um seine Marke zu stärken - je höher der Standard, desto höher in der Regel auch die Preise. Natürlich hat er auch häufiger Kontrolleure auf seiner Farm - was er ausdrücklich begrüßt. Denn die fortdauernden Skandale um gefälschte Bioware treffen auch die Guten.

Der Betrieb ist eher klein, trotzdem kann Favacchio gut von den Einnahmen leben und seine Mitarbeiter sozialversichert anstellen. In der Hochsaison beschäftigt er bis zu 70 Erntehelfer - 750.000 Kilo Kirschtomaten müssen von August bis Februar dann geerntet werden. Morgens gepflückt, mittags gepackt, am nächsten Tag in den Supermärkten im Norden.

Der kleine Betrieb im sizilianischen Süden liefert an alle bekannten Namen der Branche: an Netto, Edeka, Rewe oder Aldi in Deutschland, in Frankreich an Carrefour - traditionell bäuerliche Landwirtschaft im Gewand der Massenproduktion.

Eine Suche ohne Antworten

Auf Sizilien zeigt sich das ganze Dilemma, in dem die Biobranche und damit auch der deutsche Verbraucher steckt: Es gibt auch bäuerliche Kleinbetriebe, die ihre Arbeiter ausbeuten - egal ob bio oder konventionell. Und in den Gewächshäusern, die ganze Regionen mit Plastik bedecken werden neben konventionellen auch Biotomaten geerntet.

Auch dort folgen junge und alte Bauern ihren Idealen von ökologischer Landwirtschaft, hegen ihre Ernte, behandeln ihre Arbeiter verantwortungsvoll und unterwerfen sich strengen Qualitätskriterien. Sie verkaufen ihre zertifizierte Ware auch an Discounter und leiden unter dem Vertrauensverlust für "Bio". Sie verpacken ihr Gemüse kopfschüttelnd in verschlossene Plastikboxen, weil es die EU-Öko-Verordnung so vorschreibt - damit im Laden nichts vermischt wird.

Die Grenzen zwischen Gut und Böse verlaufen nicht mehr zwischen bio und konventionell, nicht einmal eindeutig zwischen Naturkostladen und Discounter. Selbst ob es besser ist, konventionell und dafür regional einzukaufen, statt Tomaten und Zucchini Tausende Kilometer von Süd nach Nord zu transportieren, lässt sich nicht zweifelsfrei klären.

Die Klimabilanz von Lebensmitteln ist von sehr vielen Faktoren abhängig: Bioprodukte werden unter anderem ohne Mineraldünger angebaut, der mit viel Energie hergestellt wird – so reduzieren Bio-Tomaten die CO2-Emissionen im Vergleich zu konventionellen schon deutlich. Eine Kirschtomate, die in einem vollgepackten Lkw 2000 Kilometer aus Sizilien kommt, hat zudem mitunter die bessere CO2-Bilanz als eine, die im Kleintransporter aus der Region angefahren wird. Der Anbau in beheizten Gewächshäusern treibt den CO2-Verbrauch gleich um ein Vielfaches in die Höhe. Wer allerdings zum Einkaufen mit dem eigenen Auto 30 Kilometer zum bäuerlichen Hofladen fährt, hat die Klimabilanz sowieso versaut.

Der knorrige Biobauer Giovanni Favacchio versteht das Problem überhaupt nicht: Warum sollte jemand mit Chemie behandeltes Gemüse seinen Biozucchini vorziehen? Natürlich sei das billiger und vielleicht nicht so weit gereist: "Aber sehen Sie sich die Böden an, auf denen einmal Gewächshäuser standen - da wächst jetzt nichts mehr." Für die Umwelt ist biologischer Anbau fraglos besser.

Stärker im Einklang mit der heimischen Natur lebt auch, wer nur Obst und Gemüse kauft, das gerade natürlicherweise wächst. In Deutschland wären die Einkaufskörbe aber für lange Zeit sehr leer, lacht Roberto Giadone.

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Kaum jemand wird im deutschen Winter auf Tomaten verzichten wollen. Im Sommer läuft der Transport umgekehrt: Dann ist es in den sizilianischen Gewächshäusern zu heiß - und Giadone kauft die Tomaten im Norden, für seine Kunden im Süden.

Andrea Moschella glaubt daran, dass Bio sich wegen der Qualität durchsetzen wird auch in Italien, wo die Bionachfrage geringer ist. Ein italienischer Großkunde kauft bei ihm deshalb zwar viele Zitronen, aber nur ein kleiner Teil davon darf als "Bio" gekennzeichnet werden. Den Rest verkauft er als konventionelle Ware.

Autor: Nicolai Kwasniewski

Fotograf: Nicolò Minerbi

Koordination: Anna Behrend, Jule Lutteroth

Programmierung und Grafiken: Chris Kurt, Michael Niestedt

Videos: Anne Martin, Theresia Schneider

Fotoredaktion: Nasser Manouchehri

Dokumentation: Almut Cieschinger, Klaus Falkenberg

Schlussredaktion: Dörte Karsten