Fahrt in verseuchtem Gebiet Was radioaktive Strahlung im Menschen anrichtet

In der Nähe der Atomruine von Tschernobyl könnten russische Soldaten radioaktiven Staub eingeatmet haben. Wie wirken solche Substanzen im Menschen?
Von Cinthia Briseño und Julia Merlot
Luftaufnahme der Atomruine von Tschernobyl vom 10. März 2022

Luftaufnahme der Atomruine von Tschernobyl vom 10. März 2022

Foto: Maxar / DigitalGlobe / Getty Images

Dieser Text erschien in Teilen erstmals 2011 im Kontext des Atomunglückes von Fukushima. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir ihn in angepasster Form erneut.

Russische Soldaten sollen mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen durch stark radioaktiv verseuchtes Geländes gefahren sein, als sie die Atomruine von Tschernobyl eingenommen haben. Das berichten Kraftwerksmitarbeiter, die am 24. Februar zum Zeitpunkt des Angriffs vor Ort gewesen sein wollen, laut der Nachrichtenagentur Reuters. Die Soldaten hätten keine Schutzausrüstung getragen und im sogenannten Roten Wald radioaktiven Staub aufgewirbelt und wahrscheinlich eingeatmet.

Überprüfen lassen sich die Angaben nicht, wie so oft in diesem Krieg. Auch wie viel Radioaktivität die Soldaten ausgesetzt waren, falls sie tatsächlich durch das stark verseuchte Gebiet gefahren sind, ist unklar. Fest steht aber: Der Rote Wald gehört zu den am stärksten radioaktiv verseuchten Gebieten der Erde. Seinen Namen hat er von Kiefern, die dort nach dem Atomunglück von Tschernobyl abgestorben sind und in rotbrauner Farbe erschienen. Der Wald wurde nach dem Super-GAU gerodet.

Fest steht auch: Radioaktive Strahlung kann schwere gesundheitliche Schäden hervorrufen. Ob es tatsächlich dazu kommt, lässt sich im Detail jedoch schwer vorhersagen.

Der Schaden entsteht durch ionisierende Strahlung

Menschen sind jeden Tag radioaktiver Strahlung ausgesetzt. In Deutschland liegt die natürliche Strahlenexposition einer Person laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS)  bei durchschnittlich 2,1 Millisievert im Jahr. Abhängig vom Wohnort sowie den Ernährungs- und Lebensgewohnheiten schwankt der Wert zwischen einem und zehn Millisievert. Zur Einordnung: Bei einer Kurzzeitbelastung von vier Sievert ist zu erwarten, dass die Hälfte der betroffenen Personen stirbt. Das entspricht 4000 Millisievert, also dem Zweitausendfachen des jährlichen Durchschnittswerts in Deutschland.

Foto: Patrick Piel / Gamma-Rapho / Getty Images

Radioaktive Substanzen können über die Luft sowie durch die Haut in den Körper gelangen. Dann reagieren sie mit Gewebe und entfalten ihre zerstörerische Kraft. Das, was dem Körper dabei zu schaffen macht, sind aber nicht die radioaktiven Partikel selbst. Es ist die sogenannte ionisierende Strahlung, die von ihnen ausgeht. Sie schlägt Elektronen aus Molekülen heraus. Dabei bleiben chemisch aggressive Molekülreste zurück. Experten sprechen von Radikalen.

GAU im Körper

Vereinzelt richten Radikale keine größeren Schäden an, doch je größer die ionisierende Strahlung ist, desto mehr Radikale entstehen. Dann kann es im Körper selbst zu einer Art GAU kommen: Eine gefährliche chemische Kettenreaktion beginnt, in der die geladenen Teilchen miteinander reagieren, um wieder stabile Verbindungen einzugehen. Da diese chemischen Reaktionen jedoch unkontrolliert ablaufen, entstehen dabei mitunter Verbindungen, die in der Zelle keinen Sinn ergeben.

So kann ionisierende Strahlung wichtige Enzyme funktionsunfähig machen oder ganze Zellbausteine zerstören – sind die Schäden zu groß, stirbt die Zelle. Auch das Erbgut ist für ionisierende Strahlung anfällig. Werden aus dem DNA-Molekül Elektronen herausgeschlagen oder kommt sie mit Radikalen in Berührung, kann das zu Veränderungen der Erbinformation führen, die bei der nächsten Zellteilung an die Tochterzellen weitergegeben werden.

Mit vielen Schäden kann der Körper umgehen. Auch deshalb setzt ihm die natürliche radioaktive Strahlung im Boden oder der Atmosphäre in der Regel nicht unmittelbar zu. Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen. Er kann DNA-Schäden reparieren oder geschädigte Strukturen in der Zelle gezielt abbauen. Für die Erforschung körpereigener DNA-Reparaturmechanismen erhielten Tomas Lindahl, Paul Modrich und Aziz Sancar 2015 den Chemie-Nobelpreis (mehr dazu lesen Sie hier).

Die Grenze der körpereigenen Sicherheitsmechanismen

Bei einer Katastrophe wie etwa in Tschernobyl stoßen diese natürlichen Schutzfunktionen jedoch an ihre Grenzen. Die Strahlenkrankheit kann bei einer kurzfristigen Belastung ab 0,25 Sievert auftreten. Das sind 250 Millisievert, also eine mehr als hundertmal höhere Belastung als die, der Menschen in Deutschland jedes Jahr durchschnittlich natürlich ausgesetzt sind.

Die Strahlenkrankheit kann sich ganz unterschiedlich äußern. Wie schwer die Symptome sind, hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Bei einer leichten Strahlenkrankheit sind erste Beschwerden Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Minuten bis Stunden nach der Strahlenexposition auf. Dann klingen sie vorübergehend ab, um etwa nach einigen Tagen oder sogar Wochen als Fieber, Unwohlsein oder Hautveränderungen zurückzukehren und einige Wochen anzudauern.

Menschen mit einer solchen leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Es kann aber zu einer längerfristigen Schwäche des Immunsystems kommen, sodass die Betroffenen häufiger mit Infektionserkrankungen zu kämpfen haben. Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit im ungünstigsten Fall enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und die Tschernobyl-Katastrophe: Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.

Bekannteste Folge ist Leukämie

Wer eine akute, starke Strahlenbelastung übersteht, dem drohen Langzeitfolgen. Die bekannteste aller Spätfolgen ist Blutkrebs, auch bekannt als Leukämie.

Das Radionuklid Strontium 90, das ebenfalls beim Unfall in Tschernobyl freigesetzt wurde, lagert sich etwa in das Knochengewebe ein und erhöht dadurch das Krebsrisiko. Experten nennen diese Substanz gerne knochensuchend, weil der Körper sie mit Calcium verwechselt und sie bei den üblichen physiologischen Prozessen in Muskel- und Knochengewebe einbaut.

Knochenmark ist besonders empfindlich, denn dort läuft die Bildung neuer Blutkörperchen ab. Kommt ionisierende Strahlung ins Spiel, kann die Blutkörperchenbildung außer Kontrolle geraten und zu Leukämie führen. Gleichzeitig erhöht Strontium 90 auch das Risiko für Knochenkrebs.

In der Sperrzone um Tschernobyl findet sich zudem Plutonium 239. Es gehört zu den Alphastrahlern. Das heißt, die Strahlung des Plutoniums reicht in der Luft nur einige Zentimeter weit und wird zum Beispiel schon von einem Blatt Papier oder von Stoffhandschuhen vollständig zurückgehalten. Wenn Alphastrahlen in den Körper gelangen, können sie trotzdem schwere Schäden verursachen.

Jodtabletten schützen – wenn sie richtig eingenommen werden

Bei Atomunfällen kann auch Jod 131 freigesetzt werden. Durch seine kurze Halbwertszeit spielt es in der Region um Tschernobyl jedoch keine Rolle mehr. Schützen können sich Menschen vor den Folgen durch Jod 131 mit Kaliumiodidtabletten. Jod 131 lagert der Körper genauso in der Schilddrüse ein wie das nicht radioaktive Jod 127. Sind nach der Einnahme der Tabletten aber alle Jod-Andockstellen durch das nicht radioaktive Material besetzt, kann Jod 131 sich nicht in der Schilddrüse festsetzen, so die Idee.

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine und Bränden auf dem Gelände der Atomruine von Tschernobyl wuchs in Deutschland die Nachfrage nach Jodtabletten. Allerdings gaben Behörden Entwarnung: Radiologische Auswirkungen des zwischenzeitlich ausgebrochenen und mittlerweile gelöschten Feuers auf Deutschland seien nach dem Stand der verfügbaren Informationen nicht zu befürchten, berichtete das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) . Ohnehin schützen Jodtabletten nur, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt einnimmt.

Das Jod in der Schilddrüse wird kontinuierlich ausgetauscht. »Werden die Tabletten zu spät eingenommen, kann sich schon radioaktives Jod in der Schilddrüse eingelagert haben«, erklärte Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker, Anfang März dem SPIEGEL. »Wird das Kaliumiodid zu früh eingenommen, kann es schon wieder ausgeschieden worden sein, wenn das radioaktive Ereignis eintritt.« Es bringt also nichts, die Tabletten vorsorglich zu schlucken. Im Gegenteil: Es kann sogar gesundheitsschädlich sein, weshalb Fachleute dringend davor warnen.

Derzeit lässt sich nur spekulieren, welche gesundheitlichen Schäden die Soldaten im Roten Wald davontragen haben könnten. Es ist gut möglich, dass das für immer so bleiben wird.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts war das Bild von der Atomruine in Tschernobyl falsch beschriftet. Wir haben den Fehler korrigiert.

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