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AUTOMOBILE Unheimlich schnell

Roadster- zweisitzige, offene Sportwagen - zählen zu den Attraktionen der IAA in Frankfurt. Vor allem deutsche Hersteller setzen auf den neuen Trend. *
aus DER SPIEGEL 37/1987

Ingenieur Ulrich Bez setzt zum Schlußsprung an - und, rumms, landet er krachend mit seinen rotbraunen Lederstiefeln auf einem an der Erde liegenden Kotflügel aus Kunststoff. Unter dem Fallgewicht des 1,80 Meter großen Mannes wird das Karosserieteil kurz verbeult, nimmt aber, als er einen Schritt zurücktritt, seine ursprüngliche Form sogleich wieder an. »Na?« fragt Bez, Chef der BMW Technik GmbH in München in die Runde, »sehen Sie irgendeine Beschädigung?« Er gibt selbst gleich die Antwort: »Keine Delle, kein Kratzer.«

Dem 42jährigen Bayern ist keine Anstrengung zu groß, wenn es um den Nachweis geht, daß das jüngste BMW-Modell, der neue Roadster »Z I«, »besser ist als alles, was es auf dem Markt gibt«. Unter der keilförmigen Kunststoffhaut des zweisitzigen, offenen Sportwagens steckt vorwiegend Technik aus BMWs Dreier-Reihe, so die Lenkung, die Bremsen und die Vorderachse, die Elektrik, das Fünfganggetriebe und ein Sechszylinder-Katalysatormotor mit 170 PS. »Höchstgeschwindigkeit«, meldet BMW in bewährter Rolls-Royce-Terminologie, sei »reichlich vorhanden«.

Nur zwei Jahre hätten seine Leute, ausnahmslos »Autospezialisten mit Benzin im Blut«, gebraucht, um aus einer fixen Idee ein fahrfertiges Auto zu entwickeln,

berichtet Bez voller Stolz. Dennoch sei es gelungen, ausführliche Crash-Tests sowie Brems- und Dauerbelastungsversuche abzuwickeln. Bez: »Wir sind so unheimlich schnell.«

Die Eile war auch angesagt. Denn mindestens ein Dutzend Firmen will im nächsten Sommer (oder kurz darauf) ebenfalls in die Roadster-Produktion einsteigen. Viele der bald bis zur Serienreife gediehenen Neuheiten werden bereits, von Freitag dieser Woche an, auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt vorgestellt.

Einer der neuen Sportwagen kommt aus Berlin: Ex-Audi-Techniker Walter Treser, 47, läßt im Stadtteil Wittenau gerade eine 55 Jahre alte Fabrik wieder herrichten. Dort sollen, von April an, 200 Mitarbeiter täglich sechs »Treser-Roadster« (sowie eine Coupe-Variante mit festem Dach) bauen - vier Meter kurze Donnerkeile, deren technisches Innenleben überwiegend aus den Ersatzteilregalen von VW und Audi stammt. (Rund 70 VAG-Händler wollen den Wagen vertreiben und warten.)

Kraftquelle des bulligen Flachmanns aus dem Berliner Norden ist das 16-Ventil-Aggregat aus dem Spitzenmodell der Golf-Baureihe. Quer zur Fahrtrichtung, als Mittelmotor vor der Hinterachse installiert, soll das 130 PS starke Katalysator-Triebwerk den nur gut 1000 Kilogramm leichten Zweisitzer auf mehr als 210 km/h beschleunigen. Clou des fast 60000 Mark teuren Treser-Autos ist neben dem Chassis aus Kunststoffen und Aluminium-Strangprofilen vor allem die Dachkonstruktion: ein aufklappbares Hardtop-Dach, das auf Knopfdruck in wenigen Sekunden hinter den Sitzen verschwindet.

Der Schönwetterflitzer aus München und der aus Berlin sind keine Einzelgänger - pünktlich zur großen Selbstdarstellungsschau der Automobilindustrie ist ein Roadster-Boom ausgebrochen wie nie zuvor. Als gelte es, die verdecklose Vergangenheit aus der Zeit der Motorkutschen von Gottlieb Daimler wiederzuentdecken, rollen die Hersteller ihre windigen Neuheiten in die Frankfurter Messehallen - Kurzes und Schnelles fürs offene Fahren zu zweit: *___Porsche präsentiert den »Speedster« (Preis: rund 90000 ____Mark), eine Anti-Komfort-Variante des Carrera-Cabrios ____mit flacher Frontscheibe und ungefüttertem Notverdeck, ____das unter einer Kunststoffhaube vollständig ____verschwindet. *___Der bayrische Jungunternehmer Joachim Adelfinger stellt ____den windschlüpfigen »K l« vor, dessen ____Ford-Escort-Technik unter einem rundlichen ____Kunststoffkleid verborgen ist. Die billigste Version ____(73 PS, 180 km/h) soll rund 28000 Mark kosten. *___Zender, Deutschlands größter Spoiler-Fabrikant, ließ ____einen Kunststoffkeil namens »Vision 3C« ____zusammenschrauben, dessen Achtzylinder-Mittelmotor (300 ____PS) aus der Mercedes-S-Klasse stammt. *___Erich Bitter, der Pleite knapp entgangener ____Kleinserienspezialist aus Schwelm, meldet sich mit dem ____neuen »Type 3« zurück, einem Zweitürer auf ____Opel-Omega-Basis. *___Aus England kommen Roadster-Neubauten auf modifizierten ____Fahrwerken bewährter Alltagsautos, deren Form oft ____Klassikern nachempfunden ist. *___Am Opel-Stand soll »ein Traum in Weiß« für ____Aufmerksamkeit sorgen - eine Senator-Version ohne Dach ____mit 210 km/h in der Spitze.

Der wiedererwachte Trend zum Roadster ist wohl Tribut an den Zeitgeist, den Hang zu automobiler Protzerei (siehe Seite 282), aber auch Rückgriff auf

eine glorreiche Tradition, der ehedem fast alle berühmten Automarken huldigten. Da machten, Anfang der 20er Jahre, die Langhauber von Alfa Romeo und Lancia Furore, später bauten Maserati und Ferrari die schnellsten offenen Sportwagen. Bentley und Jaguar, aber auch MG, Aston Martin und Triumph lieferten flotte Zweisitzer. Aus Frankreich kamen die Bugatti-Roadster, und in den USA galten jahrzehntelang die Auburn- und Duesenberg-Modelle als Inbegriff sportlichen Fahrens ohne Dach über dem Kopf.

Auch die deutschen Autobauer konnten den Herrenfahrer mit wehendem Schal stets gut bedienen. In den 20er Jahren baute Daimler-Benz die berühmte »SSK«-Reihe, deren mächtige Kompressormotoren mehr als 200 Pferdestärken an die Antriebsachse brachten. Ein Jahrzehnt später präsentierte BMW den Typ »328«, den potenten Urahnen des neuen Z 1. Und bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Deutschen schon wieder lieferfähig - vom Kleinschnittger über den Karmann-Ghia und Borgwards offener Isabella bis hin zu dem legendären »300 SL«, der Mitte der 50er Jahre herauskam, war für ziemlich alle Einkommensklassen was dabei.

Umtost vom Fahrtwind, dessen Folgen für Nieren und Nackenmuskeln sie beinahe schicksalhaft ertrugen, konnten die Offen-Fahrer elitäres Ansehen auskosten; Lederkappe über den Kopf gestülpt, Fliegerbrille vor die Augen gezurrt, genossen sie das Frischluft-Vergnügen im Sommer wie im Winter. Kein anderes lechmobil, schwärmten Liebhaber, biete annähernd soviel Spaß und Fahrerfreude wie ein Ritt im Roadster.

Aber auch kein anderes Auto, hielten Kritiker dagegen, sei so unsicher wie die Wagen ohne festes Dach. Spektakuläre Unfälle brachten die offenen Zweisitzer immer wieder ins Gerede: Bis heute denken Roadster-Fans schaudernd an den Tod der amerikanischen Primaballerina Isadora Duncan. Bei der Ausfahrt im feuerroten Bugatti verhedderte sich ihr flatternder Seidenschal in den Speichenrädern: Die Dame wurde, 1927 in Nizza, vom eigenen Auto stranguliert.

Die Sorge um die Sicherheit führte dann in den 70er Jahren beinahe zum Aussterben der Gattung Roadster. Daß sie nunmehr als breiter Modetrend wieder auflebt, verhilft den Konstrukteuren zu neuem Spielraum beim Design - fast alles, was Rang und Namen hat, macht mit beim Schaulauf der Topless-Autos.

So arbeiten Jaguar-Ingenieure an einem Nachfolger des einst erfolgreichen E-Typs. Testfahrer von Mercedes treiben in Wüsten und Gletscherregionen dem neuen SL-Modell die letzten Tücken aus. Alfa Romeo plant, mit Placet von Mutter Fiat, die Ablösung des veralteten Spider, und Japans Massenproduzenten Nissan, Mitsubishi und Suzuki zeigten bereits erste Roadster-Studien, die bald vom Band rollen könnten.

Bis die Konkurrenz den Vorsprung aufholt, wollen die deutschen Hersteller schon ihre Produktion in Schwung haben. Aber erstmal gibt es Streit. So versuchte die Porsche-Rechtsabteilung das Dachpatent von Treser anzufechten, und BMW-Mann Bez mäkelte, es sei »unseriös«, wenn einige Mitbewerber - wie Treser - »hingehen und einen Motor oder Bremsen kaufen und sie dann in ihr eigenes, völlig anders konstruiertes Auto einbauen«.

»Die BMW-Entwicklung«, konterte Walter Treser, langjähriger Entwicklungsingenieur bei Daimler-Benz und Audi, sei »ein Schritt nach rückwärts« - daß beim Z 1 allein das Chassis tragende Funktion hat und nicht auch die Karosserie, habe man in Fachkreisen zunächst »für einen Aprilscherz gehalten«. Zudem seien die mittels Elektromotoren in den seitlichen Schwellern vertikal Versenkbaren Türen des BMW nach einem Seitenaufprall nicht mehr zu öffnen. Treser: »Ein Gag.«

Das harte Wort ist nicht schlecht gewählt. 80000 Mark soll (ab Herbst 1988) der Roadster von BMW kosten - der Verkaufspreis liegt damit weit unter den Einstandskosten.

»Unsere Renten«, grübelte BMW-Manager Bez letzte Woche, »werden wir mit dem Auto sicher nicht verdienen.«

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