Uno-Konferenz in Glasgow Über diese Themen wird in der zweiten Woche des Klimagipfels gestritten

Nach den Reden kommen die Verhandlungen: Auf der Klimakonferenz in Glasgow wird es in den kommenden Tagen vor allem ums Geld gehen. Umweltschützer sind ungeduldig. Sind die Diplomaten zu langsam?
Diplomat Kofe aus Tuvalu während seiner Rede an die Delegierten der Klimakonferenz

Diplomat Kofe aus Tuvalu während seiner Rede an die Delegierten der Klimakonferenz

Foto: Tuvalu's Ministry of Justice / Communication and Foreign Affairs / Social Media / REUTERS

Die Hosenbeine hatte Simon Kofe ordentlich hochgerollt, so jedenfalls beschreiben es Beobachter. Doch der Auftritt des Außenministers des pazifischen Staates Tuvalu auf der Uno-Weltklimakonferenz in Glasgow war insgesamt ziemlich ungewöhnlich. Kofe hatte eine Videobotschaft an die Delegierten aufgezeichnet. In Schlips und Kragen stand der Diplomat an einem Rednerpult – doch seine Beine steckten bis zu den Knien im badewannenwarmen Ozean vor dem Atoll Funafuti.

Das Wasser, genau genommen dessen beständiger Anstieg, bedroht den Inselstaat, genau wie viele andere weltweit. Der höchste Punkt Tuvalus liegt etwa fünf Meter über dem Meeresspiegel. Es gehe ihm darum, »die reale Situation« zu zeigen, »mit der Tuvalu aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert ist«, so  Kofe.

Die eindringliche Botschaft kommt zum Start der zweiten Woche des Gipfels. In den kommenden Tagen dürfte es – Überraschungen vorbehalten – aus den Verhandlungsteams der Staaten auf der COP26 kaum nennenswerte Zusagen zu Emissionsreduktionen geben – stattdessen wird um Geld gestritten werden. Am Beispiel Tuvalu kann man sich klarmachen, was das bedeutet: Einen Teil der auf jeden Fall eintretenden Klimawandelfolgen werden besonders betroffene Staaten nur mit Anpassungshilfe bewältigen können. Investitionen in den Küstenschutz kosten viel Geld – doch die Unterstützungen fließen bisher nicht in ausreichendem Maße, das hatte zuletzt eine Studie von 13 europäischen Entwicklungshilfeorganisationen beklagt.

Britische Regierung fordert Finanzoffensive

Dazu kommen die Forderungen der ärmeren Staaten, die schon jetzt unter Dürren, Überschwemmungen und steigendem Meeresspiegel wegen der beschleunigten Erderhitzung leiden, nach Schadensersatz durch die reichen Industrieländer. Diese reagieren aber seit Jahren zurückhaltend – auch weil sie Klagen auf Reparationen vor Gericht fürchten. Zwar wurde im Jahr 2013 auf der Klimakonferenz in Warschau ein entsprechender Mechanismus verabredet, der sechs Jahre später auch konkretisiert wurde – doch Kritiker bezeichnen die Instrumente noch immer als zahnlos.

»Verluste und Schäden müssen eine Priorität sein«, forderte  Pelenise Alofa, nationale Koordinatorin des Kiribati Climate Action Network, »nicht nur Diskussionen, sondern konkrete, verbindliche Verpflichtungen, die über technische Berichte und Websites hinausgehen und tatsächlich helfen, Leben und Lebensgrundlagen wiederaufzubauen.«

Um eine Vorstellung vom dafür nötigen Finanzbedarf zu bekommen: Schätzungen  zufolge verursachten Wetterkatastrophen allein im Jahr 2020 Schäden in Höhe von 250 Milliarden Dollar.

Die britische Regierung hat die reichen Industriestaaten noch einmal ausdrücklich aufgefordert, vor 2030 mehr Gelder im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe bereitzustellen. »Wir müssen nun handeln, um zu verhindern, dass der Klimawandel immer mehr Menschen in die Armut stürzt«, sagte Handelsministerin Anne-Marie Trevelyan, die in Glasgow die weiteren Gespräche über entsprechende finanzielle Zusagen leiten soll.

Uno-Chef hört »die Sirenen heulen«

Die Finanzierung ist eines der strittigen Themen in den Klimaverhandlungen. So haben die Industriestaaten bereits eingestanden, ihre Zusage von 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr für besonders vom Klimawandel betroffene Staaten voraussichtlich erst drei Jahre verspätet erstmals vollständig einzuhalten, konkret im Jahr 2023. Zur Halbzeit der Konferenz hatte Premierminister Boris Johnson – Gastgeber des Gipfels in Schottland – weitere Zusagen und mehr Kompromisswillen der Staaten eingefordert. Es gehe um das 2015 in Paris gemeinsam gesteckte Ziel, die Erderhitzung auf noch erträgliche 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit einzudämmen.

Uno-Generalsekretär António Guterres mahnte eine Lösung an. »Die Sirenen heulen«, twitterte er am frühen Montagmorgen. »Unser Planet sagt uns etwas, wie auch die Menschen überall. Wir müssen zuhören, wir müssen agieren, und wir müssen uns weise entscheiden.« Diese Entscheidung müsse zum Schutz der Zukunft und zur Rettung der Menschheit fallen.

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Vor den Verhandlern in Glasgow liegen zum Start der zweiten Gipfelwoche noch sehr konkrete Probleme:

Abschluss des Regelbuchs

Zur konkreten Umsetzung des Pariser Klimaabkommens gibt es ein sogenanntes Regelbuch. In einigen Punkten konnte bei den vorigen zwei Uno-Klimakonferenzen aber keine Einigung erzielt werden. Diskutiert wird weiter, ob die Einhaltung der nationalen Klimaziele – wie bisher festgelegt – nur alle fünf Jahre überprüft wird, oder ob sie womöglich auch häufiger in den Blick genommen wird. Bei den Regeln für transparente Überprüfungen ist strittig, ob Entwicklungsländer genauso ausführlich wie die Industriestaaten Bericht erstatten müssen und ob sie dafür Unterstützung erhalten.

Schwierig gestalten sich die Verhandlungen weiterhin bei Artikel sechs des Regelbuchs zu einer Ausweitung der Klimaschutzmaßnahmen durch die Nutzung eines weltweiten Zertifikatehandels. Komplexe Fragen stellen sich dabei:

  • Wenn ein reiches Land ein Klimaschutzprojekt in einem Entwicklungsland finanziert, wie lässt sich dann sicherstellen, dass es sich wirklich um zusätzlichen Klimaschutz handelt und sich nicht beide Länder die nur einmal geleistete Treibhausgasersparnis anrechnen?

  • Dürfen CO₂-Zertifikate, die vor dem Pariser Abkommen unter dem Kyotoprotokoll erworben wurden, weiter geltend gemacht werden und so das Abkommen verwässern? Vor allem Indien und Brasilien stemmen sich in diesen Punkten gegen strikte Regeln.

»Jetzt, wo es an die harten Brocken geht«, seien die Verhandlungen zu Artikel sechs »ins Stocken« geraten, sagt Anne Gläser von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch.

Geld für Klimaschutz und -anpassung

Beim Thema Finanzen fordern die Entwicklungsländer eine wasserfeste Verpflichtung der Industrieländer, die seit 2020 auflaufenden Fehlbeträge nachträglich auszugleichen. Dazu gibt es den Vorschlag, bereits im kommenden Jahr die geleisteten Hilfen der Industriestaaten noch einmal zu überprüfen. Fortschritte fordern die Entwicklungsländer auch bei Finanzhilfen für bereits eingetretene Klimaschäden.

Grundsätzlich sind in den weiteren Verhandlungen auch zwei fundamentalere Ziele noch offen:

Schließen der Ambitionslücke zum 1,5-Grad-Ziel

Das Pariser Klimaabkommen von 2015 sieht vor, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst aber 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Dazu sollten die mehr als 190 Vertragsstaaten überarbeitete nationale Klimaschutzziele (NDC) vorlegen. Nach Uno-Angaben haben sich mittlerweile mehr als 130 Länder, darunter die EU, das Ziel gesetzt, bereits bis 2050 klimaneutral zu werden. Der weltgrößte Treibhausgas-Emittent China bleibt dagegen bei dem Ziel, erst bis 2060 CO₂-neutral zu werden.

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Auf Grundlage der überarbeiteten Klimaziele halten manche Experten zumindest eine Begrenzung der Erderwärmung auf unter zwei Grad nun für möglich. Allerdings müssten dafür alle kurz-, mittel- und langfristigen Zusagen tatsächlich umgesetzt werden. Und das ist angesichts vielfach fehlender konkreter Pläne und Maßnahmen fraglich. Konkrete Berechnungen dazu stehen aber auch noch aus.

Einbeziehung der Zivilgesellschaft

Bei Teilnehmern und Beobachtern ist von intensiven und konzentrierten Verhandlungen ohne größere Störmanöver einzelner Länder die Rede. Allerdings beschwerten sich Nichtregierungsorganisationen, dass ihre Beobachter unter Verweis auf die Corona-Restriktionen gar nicht oder nur eingeschränkt in die Verhandlungsräume gelassen worden seien.

Care-Klimaexperte Sven Harmeling sagt, die Lage sei zwar »nicht mehr ganz so chaotisch wie am Anfang«. Die Einbeziehung der Zivilgesellschaft bleibe aber »insgesamt deutlich hinter früheren COPs zurück«. Mit Aktionen außerhalb der Konferenzräume wie den Massenprotesten am Wochenende verschafft sich die Zivilgesellschaft jedoch zusätzlich Gehör.

»Während sich die Verhandlungsführer in kleineren Gruppen zusammensetzen und versuchen, eine Einigung über technische Fragen und bestimmte Wörter zu erzielen, wird die Welt außerhalb der Verhandlungsräume immer frustrierter werden, wenn sie ein Abkommen befürchtet, das nicht die Dringlichkeit widerspiegelt, die junge Menschen empfinden, und nicht der Angst entspricht, die Klimapolitikexperten empfinden«, sagte  die Politikexpertin Rachel Kyte von der Tufts University im US-Bundesstaat Massachusetts. »Die nächste Woche wird angespannt sein, aber sie muss produktiv werden.«

Mohamed Adow, Leiter der in Nairobi ansässigen Klima-Denkfabrik Power Shift Africa, kritisiert, es gebe bei der Klimakonferenz »zwei Realitäten«. »Eine ist die Welt der Presseerklärungen der britischen Regierung«, die suggeriere, »alles ist gut und wir haben die Klimakrise so gut wie besiegt«. Die andere Welt aber sei »außerhalb dieser PR-Blase«, so Adow. »Das Klima in kalten harten Fakten.«

Gerade hat der Copernicus-Klimawandeldienst der Europäischen Kommission bekannt gegeben , dass die weltweiten Temperaturen im gerade zu Ende gegangenen Oktober um 0,42 Grad Celsius über dem Referenzdurchschnitt der Jahre zwischen 1991 und 2020 lagen. Der Monat wird damit als drittwärmster je gemessener Oktober eingestuft – wobei er nur geringfügig kühler war als die Oktober von 2015 und 2019.

chs/dpa/AFP
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