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Psychiatrie Unsäglicher Schmerz

»Multiple Personality Disorder« - ein Horrorstück aus dem Arsenal der Psycho-Krankheiten.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Danny ist sieben Jahre alt und stets auf Krawall gebürstet, ein zerstörerisches, kreischendes Ekel von Kind, das keiner leiden mag.

Rosalind, die 31jährige, verfügt über einen weichen und melancholischen Charme, der ihr die Herzen aller zufliegen läßt. Sie hat den tastenden, tappenden Gang eines Vogels, dem die Schwingen zerschnitten sind.

Jennifer hat mit ihren 22 Jahren mehr Männer gehabt, als sie zählen kann. Sie ist geistig zurückgeblieben und hat nur eines im Sinn: den schnellen Fick mit einem Fremden. Post coitum kann sie sich an nichts mehr erinnern.

John, obwohl erst 34, zählt zu den erfolgreichsten Rechtsanwälten seiner Stadt. Seine juristische Logik ist bestechend, Prozeßgegner fürchten seine sprachgewaltigen Plädoyers.

Der Ripper, ein altersloser Sechs-Siebtel-Blinder, ist barbarisch, grausam und böse wie ein Nachtmahr. Prall von Haß wütet er, wenn die anderen schlafen, mit Rasierklinge und Zigarettenglut.

Sie alle, das Plärrkind, die Warmherzige, die Nymphomanin, der Erfolgreiche und das Böse, dazu noch einige andere Charaktere von unterschiedlichster Wesensart, existieren vereint in einem einzigen Körper. Der gehört einer Rechtsanwältin, die laut Paßeintrag Marianna Lipton heißt, 168 Zentimeter groß und 46 Jahre alt ist. Außer dem Umstand, daß sie zeitweise unsäglichen Seelenschmerz litt, war dies bis vor einigen Jahren alles, was sie mit einiger Sicherheit über sich zu sagen wußte.

Unerklärlich waren Marianna Lipton und dem anderthalb Dutzend Therapeuten, die sie seit ihrem 19. Lebensjahr behandelt hatten, welche Kräfte an ihrem Inneren zerrten - bis der Psychiater Frank Putnam bei ihr eine seelische Erkrankung diagnostizierte, die zu den rätselhaftesten neuropsychotischen Syndromen überhaupt zählt: Multiple Personality Disorder (MPD), so nennen die Fachleute diese Art der Persönlichkeitsstörung, die schwer zu erkennen und noch schwerer zu heilen ist.

Beim MPD-Patienten ist das Ich in zahlreiche, gänzlich unterschiedlich geartete Einzelpersönlichkeiten aufgesplittert, die in ständigem Wechsel Wesen und Handeln des Kranken bestimmen - gleichsam ein gelebtes Psychodrama, mehrfältig und vielweltig, in dem der »Multiple« alle Rollen verkörpert: Mal ist er verängstigtes Kind, zaghaft den gewöhnlichsten Problemen des Alltags gegenüber, mal selbstbewußter Erwachsener voll heiterer Lebensfreude, mal aggressiver Wüterich, selbstmörderisch gegen sich und gefährlich gegen andere; dann wieder übernimmt der inniglich Liebende das Regiment oder der zwanghafte Tierquäler oder der zutiefst Depressive, dem die Angst hinter den Augen kauert - manchmal sind es nur sechs, oft einige Dutzend, in schweren Fällen über 100 solcher Psycho-Individuen, die Sein und Bewußtsein des MPD-Kranken beherrschen.

So unglaublich, so beängstigend gespenstisch ist die Symptomatik der Multiple Personality Disorder, daß selbst die professionell Seelenkundigen die Existenz dieser Gemütskrankheit über viele Jahre hinweg verdrängten. Es handle sich um besonders halluziniertüchtige Schizophrene, sagten die einen, wenn ihnen Patienten mit rätselhaft vielen Gesichtern in die Praxis oder Anstalt kamen. Andere hielten das MPD-typische Krankheitsbild für die Folge einer falschen Behandlung - die Therapeuten hätten dabei für Suggestionen anfällige Patienten derart beeinflußt, daß diese gar nicht anders konnten, als ihnen schmerzhafte Stimmungen in scheinreale Charaktere umzusetzen.

Erst vor neun Jahren fand die Krankheit Eingang in das »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders«, das weltweit wichtigste und umfassendste Handbuch seiner Art, in dem alle bekannten Seelenleiden aufgeführt und beschrieben sind. Inzwischen sind die Skeptiker von einst der Überzeugung, daß es das MPD-Syndrom tatsächlich gibt. »Kein Zweifel, heute muß diese Krankheit als medizinische Realität bezeichnet werden«, so John Nemiah, Psychiatrie-Professor und Herausgeber des einschlägigen Fachblattes American Journal of Psychiatry.

Der Streit geht nur noch darum, ob MPD, wie Nemiah meint, zu den »extrem seltenen Syndromen« zählt, oder ob es, so die Ansicht seines Kollegen Eugene Bliss, mehr MPD-Kranke gibt als bisher angenommen: »Möglicherweise sind zehn Prozent aller Psychiatrie-Patienten MPD-Fälle, nur werden sie aufgrund der schwierigen Diagnostik nicht als solche erkannt.«

Frank Putnam, Professor für Psychiatrie am National Institute of Mental Health, begann vor zehn Jahren, sich mit der Multiple Personality Disorder zu beschäftigen. Damals war eine 45jährige Patientin in seine Klinik aufgenommen worden, deren Krankheit trotz monatelanger psychiatrischer und neurologischer Untersuchungen rätselhaft blieb. Wie die meisten MPD-Patienten war sie vorher in einer Reihe psychiatrischer Zentren gewesen, wo man ihr die widersprüchlichsten Diagnosen gestellt hatte - Epilepsie, Schizophrenie, Manische Depression, Hirntumor, Drogensucht, Alkoholismus.

Im Laufe seiner Forschungsarbeit unterzog Putnam viele seiner Patienten einem Hirnstrom(EEG)-Test - immer mit dem gleichen Ergebnis: Wann immer die Probanden in eine andere Persönlichkeit schlüpften, veränderten sich ihre Gehirnströme so drastisch, als gehöre das Hirn einer anderen Person.

In welchem Ausmaß die MPD-Kranken von ihren Psycho-Individuen dominiert werden, zeigen die körperlichen Veränderungen, die häufig mit einem Persönlichkeitswechsel einhergehen: Manche zuckerkranke MPD-Patienten benötigen das für sie sonst lebenswichtige Insulin nicht, wenn sie gerade eine bestimmte Persönlichkeit verkörpern; andere reagieren, je nach der Persönlichkeit, die sie gerade beherrscht, völlig unterschiedlich auf ein und dasselbe Medikament; wiederum andere werden plötzlich farbenblind oder fehlsichtig, weshalb manche Multiples ein ganzes Sortiment von Augengläsern mit sich tragen - für jedes ihrer inneren Geschöpfe eine andere Sehstärke.

Allergiker unter den MPD-Kranken verfügen bisweilen über eine Persönlichkeit, die unempfindlich ist gegenüber den sonst allergische Reaktionen auslösenden Substanzen. So berichtet beispielsweise der amerikanische Psychiater Bennett Braun von einem Patienten, der nach dem Genuß von Orangensaft stets mit Juckreiz einhergehende, deutlich sichtbare Blasen auf der Haut bekam - außer wenn er den O-Saft als »Tommy« trank, wie er einen seiner Charaktere bezeichnete.

Ähnlich frappierend ist die mit einem Persönlichkeitstausch verbundene Veränderung der Sprache - jedes der dem Multiplen innewohnenden Individuen bedient sich einer eigenen Grammatik, auch Akzent und Tonlage wandeln sich entsprechend.

Beispielhaft dafür ist der Fall einer Patientin von Putnam, die als erwachsene »Natascha« ihren amerikanischen Mutterlaut in der Dialektfärbung der Südstaaten sprach. Als vierjährige »Candy« hingegen bediente sie sich des unter amerikanischen Negern verbreiteten Idioms, während sie als 15jährige »Susan«, aber nur als solche, auf französisch zu parlieren imstande war.

Als zwei andere Persönlichkeiten waren ihr die Anfangsgründe des Chinesischen und des Spanischen bekannt - in der Kindheit gespeicherte Erinnerungen an den chinesischen Gärtner der Familie sowie an die spanische Haushälterin, zu denen nur »John« und »Jany« Zugriff hatten. »Susan« hingegen hatte auf dem College Französisch gelernt.

Im Zuge ihrer Forschung kamen die Experten darauf, daß alle MPD-Patienten eines gemein hatten: In ihrer Kindheit waren sie Grausamkeiten von derartiger Bestialität ausgesetzt, daß selbst erfahrene Seelenheilkundige das Schaudern überkommt. »Ich habe sechs Jahre in einem Zentrum für mißhandelte Kinder gearbeitet«, so MPD-Therapeutin Anne Riley, »aber ich habe nicht gedacht, daß es solche Brutalität gibt.«

Als sich die heute 31jährige MPD-Patientin Andrea Biaggi gegen die Vergewaltigungsversuche des Vaters wehrte, entriß ihr dieser ihre Schmusekatze und warf das Tier in den brennenden Ofen. Wenn sie »Kitty« wiederhaben wolle, sagte er der Sechsjährigen, müsse sie es ihm tun. Danach flehte sie den Vater an, ihr die Katze - wie versprochen - wiederzugeben. »Er öffnete die Ofentür und deutete auf den verkohlten Kadaver und sagte: ,Was bist du doch für ein blödes Kind! Weißt du nicht, daß Kitty längst tot ist?'« Fortan wagte das Kind nicht mehr, sich zu wehren, wenn es vom Vater, später auch von der Mutter und einem Bruder mißbraucht wurde.

Ein anderer MPD-Patient mußte als Kind bei einem Mord zusehen und die Leiche zerstückeln, wieder ein anderer wurde von seinem Stiefvater lebend begraben, der dem Jungen dann durch ein Ofenrohr ins Gesicht urinierte.

Der Vorstellung der MPD-Forscher zufolge schaffen sich derart teuflisch gequälte Kinder, um an der eigentlich unerträglichen Realität nicht zugrunde gehen zu müssen, eine Vielzahl von Phantasiegestalten. Die einen beherbergen die traumatischen, andere die tröstlichen Erfahrungen - derart personifiziert, können Angst und Freude, Wut und Trauer, Liebe und Haß, Schmerz und Wohlgefühl in der geschundenen Seele nebeneinander existieren, ohne voneinander zu wissen.

Diese das Sein der MPD-Patienten wechselweise bestimmenden Persönlichkeiten teilen sich, so vermuten die Forscher, in vier Grundtypen unterschiedlichen Geschlechts und Alters, die in zahlreichen, auf bestimmte Anforderungen zugeschnittenen Varianten auftreten: *___Der »Rächer« ist nach dem Menschen modelliert, der für ____die ursprünglichen Verletzungen verantwortlich war. ____Übernimmt er die Macht über den Multiplen, fügt sich ____dieser die schauerlichsten Verletzungen zu, ohne sich ____dessen bewußt zu sein. *___Der »Anästhesist« betäubt den vom Rächer malträtierten ____Körper und löst den Gedächtnisverlust aus, der den ____Kranken im Zustand der Fremdbestimmung gnädig umfängt. ____In ihm ist auch das Wissen um die in der Kindheit ____erlittene Pein eingekapselt. *___Der »Protektor« verkörpert Liebe und Fürsorglichkeit. ____Er versucht, vor den Nachstellungen des Rächers zu ____schützen. *___Der »Administrator« hat die Aufgabe, das ____Multiple-Personality-System so gut wie möglich ____aufrechtzuerhalten und dem Menschen wenigstens eine ____Randexistenz zu ermöglichen.

In häufig jahrzehntelanger Arbeit versuchen Therapeut und Patient, die vielen Haupt- und Nebenpersonen in dem Seelenlabyrinth des Multiplen aufzuspüren und sie dann ihre Entstehungsgeschichte erzählen zu lassen - in der Hoffnung, daß aus den im ständigen Widerstreit miteinander liegenden Psycho-Individuen eine Einheit werde. Doch die Chancen auf Heilung sind gering, in den meisten Fällen vermag die Therapie allenfalls eine Linderung der Symptomatik zu erreichen.

Marianna Lipton beispielsweise geht seit sechs Jahren dreimal in der Woche zu ihrem Therapeuten. Zwar weiß sie jetzt, daß der erfolgreiche John ihr Administrator ist und die warmherzige Rosalind ihr Protektor - dennoch vermag sie sich nicht dagegen zu wehren, wenn der ekle Danny oder die mannsgierige Jennifer die Macht über sie fordern.

Und noch immer erwacht sie morgens blutüberströmt, am ganzen Körper gezeichnet von den Schnitten einer auf dem Nachttisch liegenden Rasierklinge. Daneben findet sie häufig einen von scheinbar fremder Hand geschriebenen Zettel, auf dem immer das gleiche steht: »Marianna ist böse. Marianna muß sterben. Der Ripper.«

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