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ARCHÄOLOGIE Vegetarier im Moor

aus DER SPIEGEL 14/2006

Fleisch war im alten Germanien womöglich ein Luxusessen, das sich nur wenige leisten konnten. Das legt eine Untersuchung an fünf im Schleswiger Landesmuseum aufbewahrten Moorleichen nahe, die aus der Zeit um Christi Geburt stammen. Anhand von Haaranalysen der konservierten Körper konnte die kanadische Anthropologin Heather Gill-Robinson zeigen, dass die Menschen der norddeutschen Eisenzeit ungewöhnlich selten tierische Proteine zu sich nahmen und »höchstens mal ein Kaninchen aßen«. Aber auch Fisch und Meeresfrüchte wurden von den Leuten verschmäht, obwohl sie direkt an der Küste lebten. Die Medizinerin machte bereits vor einigen Wochen Schlagzeilen, als sie anhand von Erbgutanalysen das wahre Geschlecht des »Mädchens von Windeby« enttarnte - es erwies sich als ein schwächlicher etwa 15-jähriger Junge. Einige Torfmumien aus Schleswig haben nach Angabe der Forscherin manipulierte Skelette. Der wegen seines seitlichen Haarknotens bekannte »Mann von Osterby« etwa besitzt einen anmontierten fremden Unterkiefer. Bei der »Moorleiche von Rendswühren« zeigte sich im Röntgenbild sogar, dass der Schädel fehlt. Die Kopfhaut ist geschickt mit einem Material ausgesteift. Entwendet wurde der Totenkopf offenbar von dem Mediziner Rudolf Virchow, der den 1871 entdeckten Sensationsfund in der Berliner Charité sezierte. Offiziell schnitt er dabei dem Körper nur die Zunge heraus und entfernte einige Backenzähne.

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