Zur Ausgabe
Artikel 67 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KOMETEN Verdammt langweilig

Zwischen März und April nächsten Jahres kreuzt der Halleysche Komet die Bahn der Erde. In den USA und Japan blüht schon jetzt das Geschäft mit dem berühmtesten aller Schweifsterne. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Ihren US-Kunden bietet die norwegische Royal Viking Line vom 26. März bis 9. April nächsten Jahres ein neuartiges Kreuzfahrtvergnügen: für Preise bis zu 10 220 Dollar können 700 Passagiere Nacht für Nacht mit schmerzendem Nacken himmelwärts starren - »Schulter an Schulter«, wirbt die Reederei, mit einem »berühmten Sternengucker": Der Astronomie-Professor und TV-Star Carl Sagan plaudert an Bord der »Royal Viking Star« über den Superstar der Schweifsterne, den Halleyschen Kometen.

Während die Passagiere der »Royal Viking Star« auf Halley starrend durch den Südpazifik nach Sydney kreuzen, werden in Tokio drei Charter-Jumbos der Japan Airlines starten. Ziel der Flugreisenden: die Stadt Bathurst, etwa 150 Kilometer westlich von Sydney - mit klarem Nachthimmel und bestem Kometenblick, wie der Reiseveranstalter, die »Japan Halley's Comet Society«, versichert.

Gut 1800 Kilometer nordwestlich, unter dem Wüstenhimmel von Alice Springs, werden zwischen März und April weitere 80 000 Japaner ihre Kameras in den Nachthimmel recken. Sie müssen zusammengepfercht in einer Zeltstadt wohnen, denn alle Hotelbetten in dem Nest im Herzen Australiens sind zum Kometen-Rendezvous ausgebucht - von amerikanischen Touristen.

Halleys Komet, berühmtester aller Schweifsterne, und seit wenigen Tagen auch mit Heim-Teleskopen als winzigmilchigweißer Fleck am Nachthimmel auszumachen, naht: Der Bote von Übel und Umwälzungen, der als (vermeintlicher) Stern von Bethlehem herhalten mußte, 1066 (tatsächlich) König Harold II. vor der Schlacht bei Hastings leuchtete und 1456 von Papst Calixtus III. als Unheilkünder »exkommuniziert« wurde, kommt nach 76 Jahren zwischen März und April 1986 wieder in Erdnähe - zum Entzücken cleverer Touristikmanager und quicker Werbeprofis.

Nirgends blühen im Schweife des Kometen Kitsch und Kommerz so prächtig wie in den USA und Japan: *___Owen Ryan, New Yorker Werbemann, vermarktet mit der ____"General Comet Industries« (Büros in New York, Los ____Angeles und der Milchstraße, »Quadrant 7") ein ____"amtliches« Halley Logo: der Kometenkopf mit ____stilisiertem Schweif auf ovalem Grund soll ____Fast-Food-Ketten, Souvenir- und T-Shirt-Herstellern ____Sternendollars bescheren. *___Ryan-Kollege Burton Rueben verkaufte bereits Tausende ____von »Halleyscope«-Teleskopen, das Stück zu 200 Dollar - ____handelsübliche Ferngläser fokussieren den Kometen ____weitaus preiswerter. *___Amerikas Souvenir-Industrie bietet Halley-Mützen, ____-Taschen, -T-Shirts, -Buttons und anderen Halley-Tand ____an: etwa »Comet Pills«, die »garantiert« irgendwelchen ____"schädlichen Nebenwirkungen des Kometenschweifs« ____vorbeugen. *___In Japan nutzt Werbegigant Dentsu die Gunst der ____Kometen-Stunde. Um »das Verständnis der Japaner für ____Naturwissenschaft und Astronomie« zu fördern, gründete ____Dentsu die »Japan Halley's Comet Society« - Sponsoren: ____die Halley-Nutznießer Japan Airlines, Kameraproduzent ____Minolta und Fuji Film.

Astronomen und Astrophysiker erleben einen Halley-Boom eigener Art: Mehr als 900 Forscher aus 50 Nationen schlossen sich zur »International Halley Watch« zusammen, um minuziös zu verfolgen, was die Zunft für einen Brocken »schmutziges Eis« hält. Höhepunkt der Halley-Hatz: fünf Sonden - zwei sowjetische, zwei japanische und eine europäische - rasen derzeit dem Kometen entgegen: zwischen dem 6. und 13. März sollen sie den Kometen gleichsam hautnah ausspähen (SPIEGEL 2/1985).

Für die Wissenschaft ist der Komet, der nach dem königlich-englischen Hofastronomen Edmond Halley benannt wurde, ein kosmischer Glücksfall: Halley gilt als ein Stück gleichsam noch jungfräulicher Materie aus der Entstehungszeit des Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren. Da Halley bei jedem Sonnenanflug einen Teil seiner Materie verdampft - von der Erde als Schweif wahrzunehmen -, hoffen die Forscher mit den Meßinstrumenten an Bord ihrer Sonden erstmals Urmaterie des Sonnensystems untersuchen zu können.

Verklärten Sternenguckern ist Halley - die meisten Menschen haben nur einmal

in ihrem Leben eine Chance, den Kometen zu sehen -, was Boris Becker deutschen Tennisfans. So treibt es diesmal Abertausende zu kostspieligen Kometen-Wallfahrten nach Australien, Chile, Argentinien und Brasilien. Denn: 1986 kreuzt Halley die Bahn der Erde für die Bewohner der Nordhalbkugel auf denkbar ungünstigem Kurs.

1910, beim letzten Erde-Halley-Rendezvous, zog der Himmelstramp mit Imponiergehabe auch über den nördlichen Nachthimmel: Über Europa bedeckte das strahlende Band hauchfein verteilter Kometenpartikel etwa ein Viertel des Himmelsgewölbes.

Diesmal wird er dort kaum auszumachen sein. Halley wird nach den Berechnungen der Astronomen so tief am Horizont stehen und so schwach leuchten, daß er durch die nächtlichen Lichtglocken in den besiedelten Regionen kaum zu erkennen sein wird. Sogar in entlegenen Zonen Europas und Nordamerikas dürfte der Komet kaum heller als ein Durchschnittsstern leuchten.

Doch auch der Halley-Tourismus über den Äquator wird sich wohl nur für die Veranstalter lohnen. Auch auf der Südhalbkugel, so der selbsternannte Kometen-Repräsentant Ryan, sei Halley »kein Komet für Faule«.

Andrew Fraknoi von der Pazifischen Astronomischen Gesellschaft warnte Touristen schon vor den »verdammt langweiligen« Nächten unter dem Kreuz des Südens. Wer, fragt Fraknoi, hält das aus: zwei Wochen lang Nacht für Nacht auf »einen Fussel am Himmel zu starren?« Offenbar eine Menge Leute - die Halley-Reise der »Royal Viking Star« ist bereits ausverkauft.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 67 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.