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UMWELT Vergiftetes Grün

Sydney plant die umweltfreundlichste Olympiade aller Zeiten. Doch das Gelände für die Jahrtausendspiele ist mit Dioxin belastet.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Athleten, die ihre Iso-Drinks aus FCKW-freien Kühlschränken ziehen und zu Fuß zu den Wettkämpfen eilen; Zuschauer auf PVC-freien Sitzen, die ihr Mittagessen von wiederverwertbaren Tellern löffeln; energiesparende Flutlichtanlagen, Tickets aus Recyclingpapier und Schutzmaßnahmen für bedrohte Frösche auf dem Olympiagelände - so ökofreundlich sollen die Wettspiele des Jahres 2000 in Australien ablaufen.

Umweltschutz als neue Disziplin hat Sydney den Spielen der Jahrtausendwende verordnet. Selbst Greenpeace ist mit einem eigens für die Olympiade ausgearbeiteten Umweltkonzept beteiligt. So erhoffen sich die Planer neben Medaillen, Schweiß und Fair play den Beifall der Welt für Sonnenstrom, Müllrecycling und Brauchwassertoiletten.

Doch jetzt droht die Vision vom grünen Sportspektakel an der Realität zu scheitern. Das Olympiagelände in Sydneys Stadtteil Homebush Bay, auf dem gegenwärtig für rund 3,5 Milliarden Dollar olympische Bauten entstehen, ist stark mit Schwermetallen und Dioxinen belastet.

In der angrenzenden Bucht hat Greenpeace Dioxinkonzentrationen gemessen, die denen des italienischen Seveso-Unglücks von 1976 kaum nachstehen. Seit rund 20 Jahren ist die Verseuchung den Verantwortlichen bekannt; erst jetzt wird mit dem Aufräumen begonnen. »Die grüne Olympiade bekommt einen matschig braunen Schimmer«, sagt Michael Bland, Greenpeace-Campaigner für die Spiele.

Bland, der noch vor kurzem mit dem Organisationskomitee der Olympischen Spiele (OCA) über den Plänen für das umweltfreundlichste Olympiadorf aller Zeiten brütete, nennt Homebush Bay mittlerweile in einem Atemzug mit den Gifthochburgen der Welt, wie den Vättersee in Schweden, die Newark Bay in New Jersey oder die Großen Seen in Nordamerika. Die Bucht, an deren Ufern sich zur Jahrtausendwende rund 15 000 Athleten und 300 000 Besucher tummeln werden, hat so ziemlich alles gesehen, was stinkt und Dreck verbreitet.

Industrie- und Hausmüll unbekannter Zusammensetzung wurde hier jahrelang abgeschüttet. Eine Holzschutzmittelfabrik, ein Schlachthof und ein Ziegelwerk befanden sich auf dem jetzigen Olympiagelände oder in seiner Nähe. Noch heute steht in

der Homebush Bay Sydneys größte Müllentgiftungsanlage.

Das giftigste Erbe aber hinterließ eine Chemiefabrik des US-Chemiegiganten Union Carbide, die bis 1986 an der Bucht in Betrieb war. Das Herbizid 2,4,5-T, bekannt unter dem Namen Agent Orange, wurde hier über Jahre gegen weltweites Unkraut und für den Vietnamkrieg produziert. Beiprodukt des Megakillers: 2,3,7,8-TCDD, ein Dioxin, das als eine der giftigsten Substanzen der Welt gilt, krebsauslösend, genverändernd, Verursacher der berüchtigten Chlorakne.

Nun teilen sich im olympischen Untergrund Schwermetalle den Platz mit giftigen Phthalaten, Dioxine liegen neben Asbest und Arsen, Chlorverbindungen und Blei. Bis zu 30 Kilogramm Dioxin sollen, in Fässern verpackt und vermischt mit 300 Tonnen anderen Giftmülls, zwischen 1949 und 1971 nach Aussagen ehemaliger Union-Carbide-Mitarbeiter in drei von Sydneys Müllkippen, unter ihnen Homebush Bay, gewandert sein.

Gefunden hat die Fässer bis heute niemand. Mehrmals seit den achtziger Jahren haben sich Experten dafür ausgesprochen, den vergrabenen Abfall »möglichst ungestört zu lassen«. »Wir empfehlen, die verdächtigen Gebiete nicht für Bauvorhaben zu verwenden«, schrieb 1981 Peter Yates, damals Mitarbeiter der State Pollution Control Commission des australischen Bundesstaates New South Wales.

Das Dokument, erst im Juli dieses Jahres von der Umweltgruppe »Green Games Watch 2000« zutage gefördert, erwähnt auch das Dioxin und beweist, was das australische Olympia-Komitee bis dahin bestritten hatte: Das Gelände ist mit dem hochgiftigen Stoff belastet, und die Behörden wissen spätestens seit 1978 Bescheid.

Yates, damals noch von der Stillhaltetaktik überzeugt, ist heute Direktor für Umwelt und Planung der staatlichen Environment Protection Authority (EPA). Er überwacht zur Zeit die Verschiebung von 600 000 Tonnen Erdreich von einem Ende des künftigen Olympiageländes ans andere. »Wir identifizieren das Material, bewegen und lagern es«, beschreibt Yates die neue Strategie der Müllbehandlung. Geschätzte Kosten: 137 Millionen Mark.

Inzwischen ist an mindestens zwölf Stellen Dioxin gefunden worden, teilweise in Konzentrationen, die den gültigen Grenzwert für eine Bebauung um das 300fache übersteigen. Gebiete in der Nähe des im Bau befindlichen, 500 Millionen Dollar teuren olympischen Dorfes, das nach den Spielen zum Wohngebiet werden soll, sind besonders betroffen.

Ein Teil des verseuchten Areals ist mittlerweile von einer gigantischen Menge kontaminierten Materials bedeckt, das von überall her auf dem olympischen Gelände zusammengeschoben wurde. Inzwischen ist der künstliche Berg mit einer Lehmschicht bedeckt, begrünt und mit einem Drainagesystem versehen worden. Die Verantwortlichen glauben das (in Wasser fast unlösliche) Dioxin damit entschärft zu haben - eine Methode, die umstritten ist. »Den Müll einfach zu vergraben ist keine Lösung«, sagt Darryl Luscombe, Giftexperte bei Greenpeace: »Hier werden nur ein paar kleine Gebiete für ein paar Wochen im Jahr 2000 sicher gemacht.«

Kritik übt auch Karla Bell, Initiatorin der Greenpeace-Beteiligung am Konzept für die grünen Spiele, die kürzlich aus Enttäuschung ihre Mitarbeit an Ökoolympia aufkündigte und heute als Umweltgutachterin arbeitet: »Es gibt Technologien, den verseuchten Boden wirklich zu entgiften«, sagt die Umweltschützerin, »aber das wird nicht gemacht - es kostet mehr Geld, und die Zeit dafür wird knapp.«

Bell wirft dem OCA zudem vor, durch das Umgraben des Geländes die Situation sogar noch zu verschärfen: »Sind die Schadstoffe erst einmal vermischt, ist es viel schwieriger, den Boden zu säubern.«

Nur an wenigen Stellen soll der Müll wirklich entsorgt werden. Die australische Forschungsorganisation CSIRO hat ein Verfahren entwickelt, mit der sich Dioxin fast rückstandsfrei zerstören läßt. Es soll eingesetzt werden, um das ehemalige Union-Carbide-Fabrikgelände und die extrem verschmutzte Bucht zu säubern.

Noch 1993 bei der Bewerbung Sydneys um die Olympiade war dieses Gewässer zentraler Bestandteil des Konzepts: Fähranlegestellen waren geplant, Promenaden, Kanäle und Luxushotels am Wasser sollten die Besucher locken.

Inzwischen ist die Bucht vom olympischen Masterplan ausgenommen. Bereits seit 1990 ist das Fischen dort verboten. An den Ufern des Gewässers haben Greenpeace-Mitarbeiter im Juni den bisher wohl spektakulärsten Giftfund gemacht. Wenige Kilometer vom Olympiagelände entfernt stellten sie 69 Fässer mit extrem dioxinhaltigem Müll aus der ehemaligen Herbizidfabrik sicher, davon 52 angerostet. »Ein toxischer Alptraum«, stöhnt Greenpeacer Michael Bland.

21 Millionen Dollar stellte die Regierung von New South Wales zur Beseitigung dieser Giftlast bereit. Zwei Firmen versicherten, die notwendige Technik zu beherrschen.

Für einige war das Grund genug, dem Desaster auch Positives abzugewinnen: »Die Säuberung der Bucht«, brüstete sich der zuständige Minister für Häfen, Carl Scully, »wird New South Wales zum Weltführer in Dioxinfragen machen.«

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Gelände des Olympiaparks in Sydney

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Gelände des Olympiaparks in Sydney

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* In der Nähe der Fundstätte von 69 Müllfässern an der HomebushBay.

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