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SCHÖNHEIT Vermessene Begierde

Eine Wespentaille ist nicht wichtig. Psychologen wissen jetzt, was Frauen attraktiv macht: die schlanke Silhouette.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Barbie wird 40 und geht prompt aus der Form - die Puppendesigner unterziehen sie einer radikalen Plastik-Chirurgie: In ihrer neuen Inkarnation wird Barbie dicker um die Taille.

Dafür verliert sie an Hüfte und Brüsten ihre marilynesken Rundungen. So wird ausgerechnet die physisch korrekte Puppentussi zum Vorzeigemodell für die jüngste Botschaft der Wissenschaft an alle Diätopfer und magersüchtigen Frauen dieser Welt: Vergeßt die Wespentaille!

Bisher galt die sogenannte Taille-zu-Hüfte-Relation als Zauberformel der Schönheitsforschung. Die Taillenweite dividiert durch den Hüftumfang habe 0,7 zu ergeben, jedenfalls wenn die Frau dem Manne gefallen wolle. Die obskure Komma-Zahl steht für fragile Taillen und schwellende Hüften.

Diesen Wert für Sexiness haben seit 20 Jahren die meisten Pin-up-Girls im »Playboy«. Die alte Barbie hat sogar eine noch dünnere Sanduhrtaille. Der Wert 0,7 sei nun einmal »im männlichen Gehirn eingebrannt«, hatte noch vor einem Jahr der Psychologe Martin Tovee von der University of Newcastle behauptet.

Inzwischen mußte Tovee die alte Körperalgebra korrigieren. Auf seiner unaufhörlichen Suche nach der wahren Schönheitsformel förderte er eine neue, viel bedeutendere Maßeinheit zutage: den Body-Mass-Index (BMI).

Der Mann als solcher, so ergab Tovees Studie, scheint beim Erblicken des Weibes statt Hüfte und Taille eher Körpergröße und Gewicht zu vermessen. Dann setzt er im Geiste unbewußt die beiden Zahlen ins Verhältnis, und wenn die Lösung sich zwischen 18 und 20 bewegt, signalisiert ihm sein Instinkthirn Paarungslust.

Frauen können einfach nachrechnen, ob sie den Taxier-Test bestehen: das Gewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Bei den meisten wird irgend etwas zwischen 20 und 25 herauskommen. Das Idealmaß männlicher Träume erreichen wieder nur die Playmates der Männermagazine: 18,09 beträgt deren BMI im Schnitt. Das hat Tovees Team gewissenhaft aus Angaben von Zeitschriften wie »Playboy« errechnet. Mannequins kommen auf 17,57, Magersüchtige auf 14,72.

Versuchsansätze von Forschern wie Tovee gründen auf der Überzeugung, daß der Mensch alles in allem nichts anderes sei als ein Produkt der Evolution. So gesehen ist Schönheit kein kulturelles Konstrukt, sondern ein Überlebenstrick der Gene: Wohlgestalt erhöht die Wahrscheinlichkeit, einen zeugungswilligen Geschlechtspartner zu finden.

In der Logik dieses Modells liegt, daß die von Tovee befragten Studenten alle aus reinem Fortpflanzungsinteresse denselben »Playmate«-Körperbau bevorzugen. Nicht etwa haben Modeplakate oder Hochglanzmagazine den Blick der Männer auf diese Modelmaße geeicht. Vielmehr lohne sich im evolutionsbiologischen Sinne die Paarung mit einem 18- bis 20-Weib, glauben die Forscher. Denn: In einer schlanken, nicht verfetteten Hülle stecke ein gesunder, fruchtbarer Körper.

Beispielsweise ist das Risiko, am Herzen zu erkranken, bei den fülligeren unter den normalgewichtigen Frauen um 20 Prozent größer als bei solchen mit einem Index von 20. Und Magersüchtige sind oft nicht zeugungsfähig.

Martin Tovee zufolge hat sich der weibliche Körper im Verlauf der Evolution zu einer Art Anzeigetafel für ihren biologischen Wert entwickelt, auf daß der nahende Mann schnellstens erkenne, ob sich die Begattung lohnt. Der Leib wird zur Chiffre für die Qualität von Genen, sexuelles Verlangen zu optimiertem Verhalten - und Schönheit zum Rechenexempel.

Vor allem Psychologen haben in den letzten Jahren den Schönheitsbegriff aus kulturhistorischen und philosophischen Zusammenhängen herausgelöst. Durch akkurates Vermessen des Körpers von den Nasenwinkeln bis zum Verhältnis zwischen Kinn und Mund suchen sie das Geheimnis nun zu lösen.

Ihre Experimente brachten die Erkenntnis, daß ein im Computer aus Dutzenden Gesichtern zusammengeschmolzenes Antlitz als das attraktivste empfunden wird - der Mensch mag Mittelklasse. Kurz darauf fand eine Gruppe britischer und japanischer Forscher das Gegenteil heraus: daß es eben doch der Charakterkopf sei, der am besten gefällt. Und schließlich kam ans Licht, daß es vor allem die Symmetrie eines Gesichts zu sein scheint, die Begierde weckt.

Kürzlich haben britische Forscher sogar einen Zusammenhang zwischen Fingerproportionen und männlicher Potenz gefunden: Wenn der Ringfinger viel länger ist als der Zeigefinger, hat der Kerl mehr Testosteron im Blut. Und: Je asymmetrischer die Hände, desto rarer und schlapper sind die Spermien.

An Barbies ständigen Begleiter Ken müßten die Puppendesigner demnach nur einen einzigen Finger ändern, um ihn zu einem ebenso perfekten Modell von Sex-Appeal zu machen wie Barbie.

RAFAELA VON BREDOW

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