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Vernünftig bis in den Freitod

SPIEGEL-Redakteur Harald Wieser über das in Herz und Kopf gespaltene Menschenbild der Psychoanalyse Die neueste intellektuelle Stimmung im Westen - der Streit zwischen ordentlicher Aufklärung und vogelfreier Phantasie - hat auch die Psychoanalyse in zwei Kirchen gespalten: Für die tonangebenden deutschen Psychoanalytiker ist der emanzipierte Mensch »vernünftig«. Die französische Konkurrenz verklärt die schillernde Rhetorik des »Wahnsinnigen«. Elend der eitlen Selbstgefälligkeiten: Die Gralshüter der Vernunft diskriminieren unsere Leidenschaften. Die Modeschöpfer des »Neuen Irrationalismus« beleidigen den kritischen Verstand. Boris lernte nicht nur Rechnen; er lernte auch den existentiellen Alptraum. Um in unserer Kultur erfolgreich zu sein, muß man lernen, vom Versagen zu träumen. Jules Henry, »Culture Against Man«.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Das Gemälde des Engländers Francis Bacon hängt in der Hamburger Kunsthalle. Bacon hat es 1953 gemalt und »Studie zu einem Bildnis« genannt. Bei einer der gelegentlichen Besichtigungen verständigten sich zwei Besucher der Ausstellung darauf, die Studie füge sich »in die Traditionen des Surrealismus« ein. Wenn es denn nicht zu umgehen ist, daß auch die Bild gewordenen Träume in kunstsinnige Ordnungsklischees eingezwängt werden: Man kann die Studie ebenso für ein realistisches Gemälde halten. Sie ist sicher nicht zufällig nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Wie einige Arbeiten Alberto Giacomettis und Wolfgang Schulzes (Künstlerkürzel: Wols) spiegelt auch dieses Bild Bacons, was eine Welt, in der Auschwitz mitunter bei bester Laune möglich war, aus dem Menschenbild gemacht hat.

Der Mensch, der sich in hellen Farben und klaren Umrissen malen ließe, existiert nicht mehr. Was uns Bacons Porträtgemälde zeigt, das ist ein Trümmermann, der nur noch die Ahnung seiner selbst verkörpert. Sein von dunklen Schatten entstelltes Gesicht sieht aus, als beginne es zu verwesen. Die Pose des beinahe kerzengeraden Oberkörpers: eine seltsame Unentschlossenheit zwischen Würde und Resignation. Kein mutlos hängender Kopf, aber mutlos eingefallene Schultern; die Spuren einer unsichtbaren Last? Die Hände -- wir sehen sie nicht. Ein Mensch ohne Tastsinn, dem die Fähigkeit zu berühren, zu streicheln, zu lieben enteignet wurde? Zwischen den Füßen vielleicht ein Buch. Ein Symbol dafür, daß die Vernunft dabei ist, unter die Stiefel zu geraten?

Eine Gestalt, zwar äußerlich ohne bürgerlichen Fehl und Tadel: in blauem Anzug, mit weißem Hemd und Krawatte ausstaffiert, aber hinter diesem Angestellten-Lack innerlich ohne Widerstandskraft. Als hätte man einen Toten auf ein Podest gesetzt. »We only love winners«, singt die Schauspielerin Liza Minnelli im »Cabaret«. Nicht die verlogene Präsentation eines strahlenden Siegers, sondern das glaubwürdige Porträt eines normalen Verlierers. Mit der Außenwelt nur durch ein paar Sonnenstrahlen verbunden, die durch die kaum geöffneten Jalousien fallen und sich im Innern des Raumes in ein Dämmerlicht verwandeln.

Mit einem ähnlichen Bild, wie es Francis Bacon gemalt hat, ließe sich auch das zum Gesicht gewordene Innenleben des kleinen Boris darstellen, den das Motto erwähnt. In dem Buch des amerikanischen Anthropologen Jules Henry ist Boris ein Schüler, der Schwierigkeiten im Mathematik-Unterricht hat. Er kapituliert sichtbar unglücklich vor der Aufgabe, den Bruch 12/16 auf den kleinsten Nenner zu kürzen. Auf die »ruhige und geduldige« Frage der Lehrerin, wer von den anderen Schülern Boris helfen wolle, erhebt sich »ein Wald von Händen«. Die Lehrerin ruft Peggy beim Namen. Peggy sagt stolz, »daß »ähler und Nenner durch vier dividiert werden können«. Boris'' » » Versagen gab Peggy die Möglichkeit zum Erfolg; sein » » Mißgeschick ist Anlaß ihrer Freude. Dies ist eine » » Standardbedingung unserer amerikanischen Elementarschule. » » Einem Zuni-, Hopi- oder Dakota-Indianer würde Peggys Benehmen » » unglaublich grausam vorkommen; denn Wettbewerb als » » Erfolgsgewinn aus dem Versagen anderer ist ... eine Form der » » Folter, die wettbewerbsfreien Kulturen fremd ist. Solche » » Erfahrung zwingt jeden in unserer Kultur Aufgewachsenen immer » » und immer wieder nachtein nachtaus und selbst auf dem » » Höhepunkt des Erfolgs zum Träumen - nicht vom Erfolg, sondern » » vom Versagen. » S.141

Man muß kein preisgekrönter Psychologe sein, um die Alpträume als konfliktverarbeitende Angstabwehr deuten zu können, die das am nächsten Morgen wache Ich entlasten. Eine Art Katharsis. Wir stehen auf und vertreiden Alp wie eine lästige Fliege. Aber diese Versagensträume hat Jules Henry nicht gemeint. So billig kommt die Konkurrenzkultur nicht weg. Der kleine Boris träumt keinen der üblichen Alpträume, er träumt einen Wunschtraum. Er muß sich zu versagen wünschen, weil er sonst nicht überleben kann; weil ihn andernfalls der Widerspruch zwischen seiner wirklichen Erfahrung, im Klima der Konkurrenz ein Versager zu sein, und seiner nie befriedigten Sehnsucht, dies gerade nicht sein zu wollen, in die Verzweiflung treiben würde.

Das deprimierende Gefühl, welches die Konkurrenz-Kultur dem kleinen Boris vermittelt, ist das Gefühl, eine einfache Wahl zu haben: entweder er verteidigt seine Sehnsüchte, dann wird er sich zugrunde richten; oder er gibt diese Sehnsüchte und damit sich selbst auf; dann wird er »erfolgreich« sein. Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson ("Identität und Lebenszyklus") berichtet von einem jugendlichen Patienten, der ihm mit »vernichtender Aufrichtigkeit« gestand: »Es ist schlimm genug, daß die Menschen es nicht verstehen, erfolgreich zu sein. Aber das Schlimmste ist doch, daß sie auch nicht richtig versagen können. Ich habe mir vorgenommen, ein erfolgreicher Versager zu sein.«

Der Verlierer auf dem Gemälde Francis Bacons und Jules Henrys träumender Versager: was haben diese Röntgenbilder verängstigter Seelen, die in der Geheimsprache der Wissenschaftler beschädigte Identitäten heißen, mit der deutschen Psychoanalyse zu tun? Die beschädigte Identität der Menschen ist mehr als nur ihr Thema. Sie ist ihre Existenzberechtigung. Und das Ziel der Psychoanalyse ist, die leidende Seele von ihren Ängsten zu emanzipieren; die eingeschüchterte Sprache des seine Wünsche verdrängenden Neurotikers zu neuem Selbstbewußtsein zu ermutigen. Ob ihr diese schöne Emanzipation von Fall zu Fall gelingt, läßt sich zwar nur an den Ergebnissen der psychoanalytischen Therapie ablesen; an den Stimmungen behandelter Patienten. Aber die Psychoanalyse findet nicht nur auf der berühmten Couch statt. Was unter einer gelungenen Therapie zu verzeichnen ist, wird in den Büchern der psychoanalytischen Theorieproduzenten mitbestimmt.

Die Theorien des Psychoanalyse-Vaters Sigmund Freud waren der Widerspruch par excellence. Das macht sie mit den Arbeiten Thomas Manns vergleichbar, der die Laudatio zu Freuds 80. Geburtstag hielt. Wie der Literat Thomas Mann war der Forscher Sigmund Freud ein konservativer Bürger, der zur viktorianischen Gedankenwelt des Bürgertums teilweise in radikale Opposition geriet. Vierzig Jahre nach Freud aber hat die konservative Tendenz des Widerspruchs seine oppositionelle Tendenz weitgehend besiegt: Die Mehrheit der deutschen Psychoanalytiker mag ein Salon gebildeter Fachleute sein. Aber politisch sind diese Herrschaften Analphabeten, die das moderne Gerede von den gesellschaftlichen Ursachen seelischer Erkrankungen für einen ideologischen Skandal halten.

Der Gießener Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter hat die tonangebende Mehrheit darum ein »erzkonservatives Gremium« geschimpft. Der Zürcher Paul Parin ("Der Widerspruch im Subjekt") kritisiert sie als eine »privilegierte Kaste«. Der Münchner Hans Kilian ("Das enteignete Bewußtsein") in einem noch nicht veröffentlichten Manuskript als »Agenten der nachliberalen Tendenzwende«. Die Kritiker befinden S.142 sich in guter Gesellschaft: Bereits 1959 war Anna Freud (die Tochter des Meisters) mit ihren konservativen Kollegen ähnlich rigoros ins Gericht gegangen. »Wer nur etwas von Musik versteht, versteht nichts von Musik«, hat der Komponist Hanns Eisler gespottet. Das konservative Gremium der deutschen Psychoanalytiker versteht nur etwas von Psychoanalyse!

Die politisch engagierte Minderheit, die sich von dem seit der Internationale des Studentenprotestes neubelebten Marx-Freud-Dialog hat inspirieren lassen, hält die jungfräuliche Psychologie der konservativen Kollegen für ein Sammelsurium an Halbwahrheiten und deutet die seelischen Nöte der Menschen wieder als einen Konflikt mit der bürgerlichen Konkurrenzkultur. Nur tut sie dies gelegentlich in einer Sprache, die dem blutleeren Akademikerchinesisch der Seelentechniker alle Ehre macht. Der eher linke Psychoanalytiker Alfred Lorenzer ("Das Konzil der Buchhalter") bezeichnet die therapeutische Behandlung neurotischer Menschen als eine »Rekonstruktion": ein Wort aus dem Milieu der Reparaturwerkstätten, das aller Sinnlichkeit den Garaus macht.

Ansonsten geht es zu wie weiland zwischen den Leuten in Babylon. Während der konservative Psychoanalytiker von einer gelungenen Therapie bereits sprechen wird, wenn er seinen Patienten das Selbstgefühl vermittelt hat, eine bedrückende Realität konfliktfreier ertragen zu können, wird der gesellschaftskritische Psychoanalytiker unter dem Bewußtsein leiden, daß die in der exklusiven Atmosphäre des Arzt-Patienten-Gesprächs notdürftig zusammengeflickte Identität in der absolut nicht exklusiven Atmosphäre eines tristen Alltags von ständig neuen Zusammenbrüchen bedroht ist: Angesichts der Kasernenarchitektur der »Märkischen Viertel«, die auf gnadenlose Vereinsamung setzt, ist auch der genialste Seelenarzt mit seinem Latein am Ende.

Aber ungeachtet der kontroversen psychoanalytischen Persönlichkeitstheorien; ganz gleich also, ob das Emanzipationsideal der brave Bürger oder der Nonkonformist ist, unter einem zentralen Aspekt sind sich die meisten konservativen und sozialkritischen deutschen Psychoanalytiker einig: Sie beschreiben den von seinen Neurosen emanzipierten Zeitgenossen vor allem als ein Vorbild an Vernunft. In einer Reihe von Büchern, in denen er unter verschiedenen Titeln meist dasselbe vermeldet, hat Alfred Lorenzer diese Haltung auf den Punkt gebracht: Emanzipation heißt Herrschaft der Vernunft. Und vernünftig ist der Mensch, wenn er seine Affekte im Griff hat; wenn er es gelernt hat, die das Bewußtsein irritierenden Ansprüche des Unbewußten zu kontrollieren.

Dieser Kult um die Vernunft jedoch ist die deutscheste aller deutschen Religionen. Die konservative Psychoanalyse setzt mit dieser Religion die kopflastige und für die Hexenküche unserer Leidenschaften blinde Tradition des deutschen Idealismus fort (wie ihn das Verstandesgenie Hegel verkörperte). Die linke Psychoanalyse erneuert mit dieser Religion die auf demselben Auge blinde Tradition des deutschen Marxismus (wozu einem der Name des Philosophen Georg Lukacs einfällt).

Hohe Zeit darum und kein Wunder, daß sich gegen diese siamesische Gleichsetzung von unbeschädigter Identität und aufgeklärter Vernunft der französische Protest artikuliert hat. Zu einer großen philosophischen Kunst hat diesen Protest der weit über Frankreich hinaus bekannte Sittenhistoriker Michel Foucault ("Wahnsinn und Gesellschaft") gemacht. Gegen die Psychoanalyse haben ihn Gilles Deleuze, der Mitverfasser des legendären »Anti-Ödipus«, und die »issenschaftsjournalistin Claire Parnet gerichtet: »Gegen die » » Psychoanalyse haben wir insbesondere zwei Argumente » » vorgebracht«, wovon das eine lautet: »daß sie alle » » Produktionen des Begehrens zerschlägt ... Wunschregungen » » gibt''s für die Psychoanalyse allemal zuviel: » » ''polymorph-pervers''. Beigebracht wird uns Mangel, Kultur, » » Gesetz ... Die Psychoanalyse in ihrem Haß auf das Begehren » » ...« »

Damit sich kein unscharfes Bild einstellt: Die Psychoanalyse, von der Gilles Deleuze und Claire Parnet in ihrem Bändchen »Dialoge« meinen, sie ließe sich so spielerisch verachten, kenne ich nicht. Herr Deleuze und Frau Parnet müssen eine sehr lückenhafte Freud-Ausgabe zu Rate gezogen haben. Denn ihre Ansicht, die Psychoanalyse Freuds »hasse« die Wünsche, ist etwa so originell und durchdacht, wie es die Behauptung wäre, Marx habe die englischen Unternehmer geliebt.

Trotz dieses offenkundigen Unsinns sagt der im Namen des Begehrens auftretende Widerstand gegen das Emanzipationsideal der deutschen Psychoanalyse etwas Richtiges. Aber die Wahrheit ist komplizierter, als der französische Protest vermuten läßt. Sie gibt sich in der Paradoxie zu erkennen, daß die deutsche Psychoanalyse unsere Wünsche aus dem Gefängnis der sozialen Reglementierungen befreien will, um sie dann ihrerseits zu reglementieren und in ein anderes Gefängnis einzusperren: eben in das Gefängnis der ausgleichenden und nie um ein passendes Wort verlegenen Vernunft. Wenn wir diese Vernunft aus Gründen der Anschaulichkeit in ein Kostüm stecken: dann tritt als Emanzipationsideal der deutschen Psychoanalyse eine Imitation des redegewandten Akademikers ins Bild.

Unbeschädigte Identität -- dies nämlich ist in Deutschland nur der andere Name für ein Ich, das einen doppelten Sieg errungen hat: einen Sieg über die anarchischen Ansprüche des von Freud so genannten individuellen »Es« (dem Schattenreich des Unbewußten) und einen Sieg über die repressiven Ansprüche des von Freud so genannten gesellschaftlichen »Über-Ich« (der von uns verinnerlichten äußeren Ordnung heiliger Tabus). Zwischen der Anarchie der Bedürfnisse und der Repression der Moral soll sich die Vernunft als regierendes Zentrum einrichten: ein Ich als Freiheitsagentur und Unterdrückungsinstanz in einer Person. Denn in seinem Bestreben, alle Ansprüche zu beherrschen, die die zwischen der sozialen Ordnung und dem individuellen Eigensinn vermittelnde Vernunft bedrohen, geht es sowohl gegen das schlechte Gewissen als auch gegen das unkalkulierbare Bedürfnis auf die Barrikade.

Die Emanzipationsmaxime Sigmund Freuds: »Wo Es war, soll Ich werden« S.143 ist für diese Doppelrolle der klassische Ausdruck. Vor allem in Deutschland wird diese Maxime ganz selbstverständlich für orientierend gehalten. Das therapeutische Ziel der meisten deutschen Psychoanalytiker war mit dieser Maxime stets identisch. Sie könnte der Wandschmuck ihrer Wartezimmer sein. Und diese schmucke Maxime erinnert daran, daß das wünschende »Es« sich (in der Rhetorik des Patienten) zwar einerseits ungehemmt aussprechen soll, aber andererseits seit Freud in einem schlechten Ruf steht: in dem Ruf, ein Symbol für die »ungebildete Masse« zu sein, die erst dadurch gesellschaftsfähig wird, daß sie sich in den Dienst des Ich, »der gebildeten und vernünftigen Elite begibt«, um in diesen Diensten der Vernunft sozusagen veredelt zu werden.

Die Kritik an dem von den Kanzeln der deutschen Psychoanalyse gepredigten Menschenbild kann also nicht lauten, daß auf diesem Bild nur noch die Vernunft, aber keine Bedürfnisse mehr zu sehen seien. Das Emanzipationsideal der deutschen Psychoanalyse ist nicht der homo faber, der, wenn im Mondschein ihn seine Geliebte küßt, die nächste Heizölrechnung bedenkt. Aber diese Kritik kann zeigen, daß auf diesem Bild die Vernunft und die Unvernunft, die Sinnlichkeit und der Verstand nicht gleichberechtigt sind. Wo immer nämlich das »Es« seine Wünsche vorbringt, werden sie sofort in die strenge Schule der Vernunft geschickt. Diese Psycho-Hygiene führt dazu, daß wir unsere Bedürfnisse nur noch in ihrer vom Kopf geschliffenen (und möglicherweise völlig entstellten!) Gestalt wahrnehmen.

Ohne es zu wollen, nachvollzieht die deutsche Psychoanalyse auf diese Weise einen Gewaltakt der bürgerlichen (um jeden Preis rational kalkulierenden) Gesellschaft. Der Sozialphilosoph Ulrich Sonnemann ("Negative Anthropologie") hat für diesen Gewaltakt ein passendes Wort gefunden: Das Schicksal der Libido, die sich ihrer freien Natur nach allen bisherigen (!) sozialen Ordnungen zu widersetzen versucht, sei es, von einem inzwischen triebfeindlich gewordenen Intellekt in Schach gehalten zu werden. Dieser Intellekt sei tadellos vernünftig. Aber er benutzte die Vernunft wie der Dompteur die Peitsche.

Die Skizze des seit einigen Jahren im Umkreis der »nouvelle philosophie« lebendigen Gegenbildes zu diesem deutschen Vernunftmenschen-Kult hat der 1962 verstorbene Mystiker und Kommunist Georges Bataille entworfen, dessen erotische Schriften ("Das obszöne Werk") eine »Kammermusik der pornographischen »iteratur« genannt worden sind. Die Welt des Subjekts ist die » » Nacht; die erregende, unendlich suspekte Nacht, die, wenn die » » Vernunft schläft, Ungeheuer hervorbringt. Ich behaupte, daß » » sogar der Wahnsinn nur eine schwache Vorstellung von dem » » vermittelt, was das freie, überhaupt nicht der realen Ordnung » » unterworfene, nur vom Augenblick erfüllte Subjekt wäre. »

Bataille setzte mit dieser Skizze das Menschenbild eines »anderen Deutschen« wieder in seine Rechte ein: das Menschenbild des »irrationalen« Lästermaules Friedrich Nietzsche. Aber anstatt dieses aus der Archaik radebrechender Sehnsüchte und vogelfreier Leidenschaften schöpfende Menschenbild als sinnliche Ergänzung des mit der kalten Ratio weitgehend identischen Menschenbildes der (deutschen) Psychoanalyse aufzufassen, als Rehabilitierung der in diesem Menschenbild unterschlagenen oder gebändigten »Unvernunft«, haben Batailles Nachfahren daraus eine Alternative: einen schicken Gegenmythos gemacht.

Der (passive) Streit zwischen Alfred Lorenzer und dem französischen Freud-Schulen-Guru Jacques Lacan ist ein Beispiel dafür. In diesem Streit kristallisiert sich der Widerspruch zwischen ordentlicher Aufklärung und vogelfreier Phantasie. Aber er wird nicht mit offenen, er wird mit geschlossenen Argumenten ausgetragen. Nicht mit Theorien, die sich wechselseitig korrigieren, sondern mit Theorien, die sich gegenseitig ausschließen. Lorenzer beargwöhnt die unserem Denken entzogenen und ins unkontrollierbar Unbewußte abgewanderten Sprachsymbole als neurotisch. Lacan verdammt die denkende Vernunft als »Maskerade« und zelebriert die verworrene Sprache des Unbewußten gerade als unsere eigentliche Rede: Aus der Dompteursvernunft wird die Mythologie der Unvernunft. Aus der Verherrlichung des kritischen Bewußtseins wird das heilige Sakrament des Unbewußten. Aus dem deutschen Imperativ also, daß »wo Es war, Ich werden soll«, wird der französische Imperativ, daß »wo Ich war, Es werden soll«.

Und zwar in einer Aura nahezu päpstlicher Unfehlbarkeit. Das wissen wir spätestens seit Jeanne Favret-Saadas Enthüllungen in »Les Temps Modernes«. Frau Favret-Saada, eine ehemalige Schülerin Lacans, hat 1977 ihren Austritt aus der von Lacan gegründeten (und inzwischen wieder geschlossenen) »Ecole freudienne de Paris« erklärt, nachdem eine befreundete Mitschülerin Selbstmord begangen hatte. Diese Verzweiflungstat war, neben anderen Motiven, Reaktion auf die gespenstischen Verkehrsformen, denen sich die Schüler in der »Ecole« zu unterwerfen hatten: Das geringfügigste Sätzchen Lacans wurde wie eine abermals geniale Erkenntnis gefeiert, die Ansichten konkurrierender Psychoanalytiker galten ohne Aussprache als »Scheißdreck« (Lacan), eigene Gedanken waren den Schülern verwehrt. Also verbeugten sie sich -- das »Maulen« gehörte zum liturgischen Ritual der Unterwerfung -- vor jedem Zitat des Meisters.

Diese unter dem Siegel arroganter Alleinvertretungsansprüche ausgetragene Konkurrenz um das einzig wahre Menschenbild (die im »Anti-Ödipus« S.144 der Herren Deleuze und Guattari so weit geht, den in unseren Irrenhäusern diskriminierten »Wahnsinnigen« in einen aus der Zwangsjacke der Vernunft befreiten und darum beneidenswerten Zeitgenossen umzuschminken) erreicht das Gegenteil ihrer Absichten. Indem sie die vernünftigen Köpfe und die unvernünftigen Seelen so rigoros gegeneinander ausspielen, beschädigen nicht nur die Emanzipations-Theorien zusätzlich, was die Konkurrenz-Gesellschaft bereits beschädigt hat und eigentlich »rekonstrukiert« werden soll: die Identität des Menschen. Alfred Lorenzers Psychoanalyse schreibt die Affekte im Namen des Verstandes, Jacques Lacans Psychoanalyse schreibt den Verstand im Namen der Affekte krank.

Diese intellektuelle Konkurrenz narzißtischer Mimosen macht auch völlig taub für Zwischentöne. Denn so, wie sich (wofür die Gralshüter der Vernunft keine Antenne haben) im Pathos des Verstandesmenschen, der die vernunftlosen Träume als neurotisch beargwöhnt, neben dem Aufklärer auch der Beamte zeigt, so zeigt sich (wovon die Modeschöpfer des neuen Irrationalismus nichts wissen) in der Verklärung des Unbewußten, die die Sprache der Vernunft pauschal für ein »imaginäres Theater« (Lacan) hält, neben dem Anarchisten auch der Reaktionär.

Die beschädigte Identität: sie nämlich äußert sich nicht nur als Enteignung der Vernunft oder als die Zerstörung reflexiver Sprache. Denn wer bitte zählt die Zeitgenossen, die von beidem vermutlich im Überfluß besaßen, nach den Maßstäben der deutschen Psychoanalyse also emanzipiert waren, und dennoch erstickt sind oder aus dem 8. Stockwerk springen. Wer zählt die Leute, die vernünftig bis in den Freitod waren! Der Torso unserer Identität äußert sich ebenso als Enteignung vernunftloser Leidenschaften und die utopischer Träume.

Auf dem Identitätsbild der Zukunft, an dem beispielsweise die Bücher Ernst Blochs ("Erbschaft dieser Zeit") und die Filme Alexander Kluges arbeiten, werden, falls General Haig nicht das große Sterben beschließt, folglich entweder die heute getrennten Talente: die Vernunft und die Unvernunft, der Verstand und die Sinnlichkeit, die Reflexion und die Affekte als gleichberechtigte Eigenschaften ein- und desselben Charakters zu sehen sein, oder aber wir geben uns geschlagen und akzeptieren als unsere erste Natur, was in Wirklichkeit unsere zweite ist: den um seine Sehnsüchte amputierten, nur noch funktionsgerechten, seelisch verbrannten Menschen.

Zweifellos nämlich hatte Georges Bataille recht, wenn er unsere Innenwelten ein Geheimnis nannte und im Vexierbild der Nacht symbolisierte. Ein Mensch, der an sich selber diese Geheimnisse nicht mehr wahrnimmt oder in einem »intakten« Ich auflöst, beweist nicht, wie die deutsche Psychoanalyse nahelegt, seine »Gesundheit«; er beweist die unverschuldete Verarmung seiner subjektiven Phantasie.

Zu einer gefährlichen, meinethalben faschistoiden Ideologie wird dieser schillernde Persönlichkeitsbegriff erst dann, wenn er die menschliche Identität ausschließlich auf den Irrationalismus des Unbewußten gründet. An die Adresse Lacans und der »nouvelle philosophie": nicht jeder klare Gedanke ist repressiv. An die Adresse Lorenzers und der deutschen Psychoanalyse. nicht jeder verworrene Gedanke ist neurotisch.

Mit Vernunftidealen allein aber läßt sich nicht nur die entwickelte Identität nicht beschreiben. Sie versagen auch politisch. Auch der Protest gegen die herrschende Gesellschaft läßt sich nicht mehr, wie noch Brecht vorschlug, allein im Auftrag eiskalter Vernunft begründen. Dazu ist sie bereits zu sehr in deren Besitz. Was einmal als eine Waffe gegen die blinde Anpassung an »natürliche« Hierarchien gedacht war, ist unter der Macht der herrschenden Ideologie selbst zu einem Anpassungsinstrument geworden: zu einer Lieblingsvokabel des Autoritarismus sogar.

Mit dem »erwachsenen« Appell an die Vernunft wird nicht nur den »wilden« Bedürfnissen der Kinder das Rückgrat gebrochen. Mit diesem Appell hat der »motorisierte Biedermeier« (Erich Kästner) der herrschenden Gesellschaft auch versucht, die sozialen Utopien der Neuen Linken als Kinderei zu diffamieren. Dieser Etikettenschwindel ist die Tragik beispielsweise Theodor Adornos: Seine Vernunft wird im Namen der Vernunft bekämpft.

Der Ausweg aus diesem Dilemma ist nicht der Kreuzzug gegen die Vernunft, wie ihn uns, in einem zweifellos brillanten Bilderbogen ihrer Bücher, seit geraumer Zeit die intellektuellen Modeschöpfer der »nouvelle philosophie« vorschlagen. Wir können den Vätern der Aufklärung nicht in die Schuhe schieben, daß ihre Ideale, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, von der Gegen-Aufklärung in Anspruch genommen werden. Wenn nämlich diese blasse Logik Schule machte, dann müßte die Linke auch gegen die politische Freiheit sein, nur weil dies biegsame Wort auch die Rechte unablässig im Munde führt.

Der Ausweg aus dem Dilemma, daß die Emanzipationsvernunft von der Ordnungsvernunft unterwandert wird, ist ihre zweite Radikalisierung: die, anders als ihre erste gegen den mittelalterlichen Aberglauben, neben der Befreiung des gedemütigten Bewußtseins auch die Befreiung der verängstigten Leidenschaften einschließt. Den mit diesem Protest auftretenden Ansprüchen nämlich kann eine Gesellschaft, deren genießende Minderheit der Mehrheit der Menschen die Askese als vornehmste Tugend verkauft, nicht zu ihren eigenen Prinzipien machen.

Zu diesem Protest kann die Psychoanalyse nur beitragen, wenn sie sich davor hütet, in ihrem Vernunftideal unter der Hand die Vernunftlüge der bürgerlichen Gesellschaft zu übernehmen. Denn gerade die Psychoanalyse hat die Aufgabe, den in den irrationalen Verrücktheiten und unrentablen Talenten möglicherweise versteckten Utopien eines humaneren Lebens zur Sprache zu verhelfen: in dem die Seelen nicht die Köpfe, aber auch die Köpfe die Seelen nicht unterdrücken

S.140

Boris lernte nicht nur Rechnen; er lernte auch den existentiellen

Alptraum. Um in unserer Kultur erfolgreich zu sein, muß man lernen,

vom Versagen zu träumen.

Jules Henry, »Culture Against Man«.

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Boris'' Versagen gab Peggy die Möglichkeit zum Erfolg; sein

Mißgeschick ist Anlaß ihrer Freude. Dies ist eine Standardbedingung

unserer amerikanischen Elementarschule. Einem Zuni-, Hopi- oder

Dakota-Indianer würde Peggys Benehmen unglaublich grausam vorkommen;

denn Wettbewerb als Erfolgsgewinn aus dem Versagen anderer ist ...

eine Form der Folter, die wettbewerbsfreien Kulturen fremd ist.

Solche Erfahrung zwingt jeden in unserer Kultur Aufgewachsenen immer

und immer wieder nachtein nachtaus und selbst auf dem Höhepunkt des

Erfolgs zum Träumen - nicht vom Erfolg, sondern vom Versagen.

*

S.142

»Gegen die Psychoanalyse haben wir insbesondere zwei Argumente

vorgebracht«, wovon das eine lautet: »daß sie alle Produktionen des

Begehrens zerschlägt ... Wunschregungen gibt''s für die Psychoanalyse

allemal zuviel: ''polymorph-pervers''. Beigebracht wird uns Mangel,

Kultur, Gesetz ... Die Psychoanalyse in ihrem Haß auf das Begehren

...«

*

S.143

Die Welt des Subjekts ist die Nacht; die erregende, unendlich

suspekte Nacht, die, wenn die Vernunft schläft, Ungeheuer

hervorbringt. Ich behaupte, daß sogar der Wahnsinn nur eine schwache

Vorstellung von dem vermittelt, was das freie, überhaupt nicht der

realen Ordnung unterworfene, nur vom Augenblick erfüllte Subjekt

wäre.

*

S.143"Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer"*

Harald Wieser
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