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Gehirn Verwirrendes Puzzle

Warum überrollen Gefühle so oft den Verstand? Ein amerikanischer Wissenschaftler fand eine Antwort.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Stufe um Stufe kämpft John ("Scottie") Ferguson gegen seine Höhenangst und versucht, die Aussichtsplattform des Kirchturms von San Juan Batista zu erklimmen. Vergebens: Scottie bringt es nicht über sich, der Selbstmörderin Madeleine nachzusteigen, entsetzt hört er den Schrei der sich zu Tode stürzenden Frau.

Den Alptraum-Plot um den Ex-Kommissar Scottie, der in schicksalhaften Momenten von seiner Höhenangst (Akrophobie) übermannt und so scheinbar mitschuldig wird am Todessturz der ihm zum Schutze anempfohlenen Madeleine, knüpfte Alfred Hitchcock in dem Hollywood-Klassiker »Vertigo«.

Altmeister Hitchcocks Thriller um den an Akrophobie leidenden Scottie traf das Wesen krankhafter Angst genauer, als es der Filmemacher und »Meister des sanften Schreckens« ahnen konnte - so belegen nun Studien des amerikanischen Gehirnforschers Joseph LeDoux.

In einer Arbeit, die von Kollegen als »bahnbrechende Entdeckung« gewürdigt wurde, entwarf LeDoux erstmals ein Erklärungsmodell für ein bislang rätselhaftes Phänomen: Warum sind Phobien und Neurosen selbst dann noch stärker als der Wille, sie zu beherrschen, wenn das bewußte Denken die Ängste längst als unbegründet erkannt hat?

Die Antwort, so Hirnforscher LeDoux in einem Aufsatz, der in dem britischen Fachblatt Cognition and Emotion erscheinen wird, liegt im Aufbau des menschlichen Zentralorgans und einer seiner entwicklungsgeschichtlich ältesten Teile, des »Limbischen Systems«, begründet. Nach den Untersuchungen LeDoux' erscheint es, als könne das Limbische System, von der Gehirnforschung als Sitz der Emotionen, Einfallstor aller Sinneswahrnehmungen und Erinnerungsspeicher für das Kurzzeitgedächtnis identifiziert, den eigentlichen Denkprozessor, die Hirnrinde (Neocortex), gleichsam durch einen Kurzschluß überrollen.

Elementare Gefühle wie starke Angst könnten demnach, ungefiltert vom Bewußtsein, das Verhalten bestimmen: »Wenn Sie beispielsweise aus dem Augenwinkel ein schlangenähnliches Objekt wahrnehmen«, erläuterte LeDoux diese Art von Angstkurzschluß, »kann das Limbische System Sie veranlassen aufzuspringen« - noch ehe das Gehirn in vergleichsweise zeitraubenden Denkprozessen abklären konnte, ob nun tatsächlich eine lebensbedrohende Schlange oder nur das Ende eines Seils ins Blickfeld geriet.

Nach Studien an Ratten (deren Gehirn im Prinzip denselben Aufbau wie das menschliche Zentralorgan aufweist) glaubt LeDoux, daß auch der Denk- und Gefühlsprozessor des Menschen eine entwicklungsgeschichtlich uralte, im Überlebenskampf vorteilhafte Reaktion bewahrt: »präkognitive Emotionen«, wie der Gehirnforscher und Psychologe aus New York solche gefühlsgesteuerten Verhaltensweisen nennt, die ohne hemmenden Denkfilter ablaufen.

Aus seinen Experimenten leitete Le-Doux zudem die Schlußfolgerung ab, daß »Gefühle im Limbischen System ohne jegliche bewußte Wahrnehmung gebildet« werden können. Denn die für Emotionen zuständigen Hirnregionen könnten, entgegen der herrschenden Lehrmeinung, »anatomisch unabhängig« vom übrigen Gehirn agieren.

Kollegen wie etwa der Gehirnforscher Norman Weinberger von der University of California in Irvine spendeten dem New Yorker Wissenschaftler Beifall: Le-Doux habe so etwas »wie das fehlende Teil zu einem verwirrenden Puzzle« entdeckt. Sollten sich LeDoux' Experimente und Schlußfolgerungen bestätigen, so Michael Gazzaniga, Psychiater an der Dartmouth Medical School in Hanover (US-Staat New Hampshire), »könnte das erklären, weshalb es häufig so schwierig ist, Gefühle rational zu erfassen und zu verstehen«.

Nach dem gängigen Erklärungsmodell der Gehirnforschung werden Sinnesreize, etwa von den Augen empfangene Lichtsignale, unmittelbar an eine Art Relaisstation im Zwischenhirn, den Thalamus, geleitet. Der Thalamus sendet die Rohsignale über Nervenbahnen an den Denkprozessor Hirnrinde (siehe Grafik Seite 242).

Erst wenn die vom Thalamus empfangenen Reize in entsprechenden Zonen der Hirnrinde gleichsam zu Objekten zusammengesetzt und nach ihrer Bedeutung gewichtet wurden, gelangen die verarbeiteten Sinnesreize von der Hirnrinde in den »Mandelkern«, jenen Teil des Limbischen Systems, in dem Emotionen verarbeitet werden. Dieses Modell besagt: Gefühle werden von bewußten Wahrnehmungen abgeleitet.

Der Gehirnforscher LeDoux entdeckte nun in seinen Ratten-Experimenten neben den bekannten Reizleitungen, die vom Thalamus via Denkprozessor Hirnrinde zum Mandelkern führen, direkte Nervenbahnen zwischen Thalamus und Mandelkern. Das bedeutet: Das Emotionszentrum Mandelkern kann Reize unmittelbar vom Thalamus empfangen, noch ehe sie vom übrigen Hirn verarbeitet wurden.

Die Folge, so LeDoux: Gefühlsbestimmte Reaktionen auf Sinneseindrücke können ausgelöst werden, noch ehe das Gehirn Zeit hatte zu entscheiden, auf welchen Reiz es nun eigentlich reagieren soll.

Der Reizkurzschluß vom Thalamus zum Mandelkern unter Umgehung der Hirnrinde mag, wie LeDoux erläutert, eine »sehr krude Art der Informationsverarbeitung im Gehirn darstellen« - etwa so, »als würde man Noten erkennen, ohne die Melodie zu hören«. Der Vorteil der Gefühlskurzschlüsse, so LeDoux, liegt in den bis zu 40 Tausendstelsekunden, die das Gehirn durch präkognitive Emotionen gewinnt: »Es sind die womöglich lebensrettenden Sekundenbruchteile, die in der Evolution einen großen Vorteil bedeuten können.«

Die Entdeckung der Nervenverbindung zwischen Thalamus und Mandelkern, konstatiert Hirnforscher Gazzaniga, weise »erstmals Übermittlungswege für Gefühlsreaktionen nach, die nicht durch die Hirnrinde verlaufen«. Die Arbeiten LeDoux' zeigen, wie Neurologe Weinberger ergänzt, »daß Furcht auch ohne den Filter der Hirnrinde erlernt werden kann«.

Weinberger glaubt, daß die Entdeckung bedeutenden Einfluß auf das Verständnis »erworbener Krankheitserscheinungen wie Neurosen und Phobien« haben werde. So könnte LeDoux' Arbeit erklären, weshalb Patienten, die ihre Phobie nach einer Therapie überwunden glauben, mitunter durch ein einziges schreckhaftes Erlebnis in ihre krankhafte Angst zurückstürzen.

Es scheint, so LeDoux über seine Entdeckung einer vom bewußten Denken unabhängigen Gefühlsverarbeitung im Gehirn, daß »unser Emotionsprozessor nichts, was er einmal erlernt hat, je wieder fallenläßt«.

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