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Autorennen Voll auf Rille

Mit historischen Rennwagen beharken sich wohlhabende Autonarren jährlich auf der Mille Miglia - ein gefährliches Vergnügen.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Die erste Feindberührung hatte der Teppichhändler John May aus Oxford am Rande des Gardasees. Mitten in der Nacht steuerte er seinen Acht-Liter-Bentley, Baujahr 1930, auf Verona zu, als sich der Gegner von hinten anschlich. May konnte ihn nicht erkennen, denn der Verfolger fuhr ohne Licht.

Kaum hatte der Herausforderer zum Überholen angesetzt, schaltete er die Scheinwerfer ein - und den Kompressor seines Motors. May erkannte den weißen Mercedes SSK, einen der großen Rennwagen der dreißiger Jahre. Nun gab es kein Halten mehr.

Mit voller Kraft donnerten die mehr als 200 PS starken Rivalen auf die nächste Ortschaft zu. Der Tacho des Bentleys zeigte 100 Meilen (160 km/h), als sie das Dorf erreichten. Am Straßenrand jubelten die Massen. May strahlt: »It was so great!«

340 historische Rennwagen gingen am zweiten Maiwochenende in Brescia an den Start, um die berühmten »Tausend Meilen« (Mille Miglia) auf kurvigen Landstraßen nach Rom und zurück zu absolvieren. Das einst größte Straßenrennen Italiens wird heute als harmlose Gleichmäßigkeitsfahrt ausgegeben.

Zugelassen sind ausschließlich Fahrzeuge mit »nachweislich direktem Bezug« zur echten Mille Miglia, die 1957 mit einem spektakulären Unfall endete: Ein Ferrari schlitterte damals in die Zuschauer und riß elf Menschen in den Tod. Seitdem sind Straßenrennen in Italien verboten.

Am werbewirksamen Mythos der Tausend Meilen zweifeln die Hersteller dennoch nicht. Acht Millionen Mark investierte der Sponsor Mercedes-Benz in die diesjährige Veranstaltung. Das Stuttgarter Unternehmen entsandte acht Werkwagen, teils mit prominenter Besatzung.

Zu den Stammpiloten des Mercedes-Teams zählt der Brite Stirling Moss, 66, der schnellste Mann der Tausend Meilen. Moss durchmaß die Strecke 1955 auf einem Mercedes 300 SLR in 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden. Sein Schnitt von 157,651 km/h wurde nie überboten.

Beifahrer Denis Jenkinson berichtete später über die Rekordfahrt: »Wir fegten die Berge runter in die flirrende Hitze des Nachmittags, nach Bologna, die staubigen Straßen mit ihren Tramschienen entlang, mit Horden von Zuschauern auf beiden Seiten, hier allerdings bestens unter Kontrolle, so daß wir mit Tempo 240 in Bologna einzogen.«

Der Wunsch, solchen Taten nachzueifern, verleitet nun auch manch weniger illustre Nachfahren zu erstaunlich forscher Gangart. Vor zwei Jahren ging Uwe Brodbeck, damals Chef der Mercedes-Presseabteilung, in einem 300-SL-Flügeltürer an den Start und protokollierte sein Tun wenig später in einem Aufsatz für das Buch »Mythos Mercedes«.

Auf den Landstraßen in Richtung Rimini, outete sich der Mercedes-Direktor, sei der Tacho »hin und wieder locker über der 200-km/h-Marke« gependelt - würde er in seinem Heimatland bei solchem Treiben gestoppt, wäre der flinke Pressesprecher allemal ein Kandidat für die medizinisch-psychologische Untersuchung, mit der die Behörden notorischen Rasern beizukommen hoffen.

Anders in Italien: »Die Rolle der Polizei«, läßt Brodbeck wissen, müsse »im gesamten Verlauf der historischen Mille Miglia ins rechte Licht gerückt werden: Sie duldet erstens kein Anhalten vor einer roten Ampel, sie scheucht Langsamfahrer in Tempo-50-Zonen auf mindestens Tempo 100 hoch, und in dichter gedrängten Ballungsgebieten prügelt sie die entgegenkommenden Fahrzeuge regelrecht von der Fahrbahn und macht frei für uns«.

Vom Sportsgeist der mediterranen Ordnungshüter profitiert ein großer Troß hurtiger Automobilisten mit modernen Gefährten, die die Mille Miglia als Schlachtenbummler begleiten. Ein Stuttgarter Zahntechniker mit Porsche Cabrio schwärmt von der schönen Route, die er häufig komplett mitfahre ("immer voll auf Rille").

Ein Rheinländer Optiker auf Alfa Romeo zählt sich zu den »jans jroßen Italienfreunden«, wenn ihm auch gelegentlich noch die Ortsnamen entfallen ("Wie heißt noch mal diese Lagunenstadt?"). Ganz allgemein betrachtet, sei Italien einfach viel liberaler. »Da kannste vor den Karabinieri die Reifen qualmen lassen« - die Apenninenhalbinsel als Freigehege für automobile Triebtäter.

Moralische Unterstützung erhalten die italophilen Sportfahrer auch von dem Formel-1-Kommentator und Ex-Rennfahrer Jochen Mass, der diesmal für Mercedes einen SL-Flügeltürer lenkte. »In unserer überreglementierten Welt« müsse es auch noch möglich sein, »Dinge zu tun, die ein gewisses Risiko bergen«.

Mass kam gerade von einem Oldtimerrennen im fernen Tasmanien angereist, bei dem ein Teilnehmer tödlich verunglückt war. »Das war ein ganz normaler Verkehrsunfall, wenn man so will.«

Auch die historische Mille Miglia ist nicht frei von solchen Normalitäten, auch wenn diese bisher im Enthusiasmus der lokalen Berichterstattung kaum Erwähnung fanden. Vor drei Jahren, erinnert sich Mass, verunglückte ein Bugatti-Fahrer am dritten Tag auf der Rückfahrt von Rom nach Brescia. Mass: »Autofahren fordert Opfer. Das ist ein alter Hut.«

Stirling Moss meldete vor dem Start in Brescia immerhin Bedenken an. Viele Teilnehmer seien »zu enthusiastisch«, erklärte der schnelle Brite, der sich jedoch später in den Bergen vor Rom selbst in einen erbitterten Zweikampf mit einem Ferrari verstrickt fand. Moss rutschte von der Bahn und verschrammte den rechten vorderen Kotflügel.

Von den Verkehrsbehörden der großen italienischen Städte werden die sportlichen Veteranen inzwischen nicht mehr mit ungebremstem Wohlwollen empfangen. So entfiel in diesem Jahr die Durchfahrt durch die Altstädte von Bologna und Florenz.

Die meisten Teilnehmer grämen sich ob solcher Restriktionen kaum. Ihr Interesse an den architektonischen Kostbarkeiten Italiens hat ohnehin Grenzen. Laut Bentley-Beifahrer Stefan Donat, Chefredakteur der Schweizer Auto-Illustrierten, haben die meisten »außer Fahren und Schlafen praktisch nichts im Sinn«.

Allmählich mache sich jedoch ein Generationenwechsel unter den betuchten Oldtimer-Freunden bemerkbar. Die Jungen, sagt Donat, entwickeln durchaus eine gewisse Affinität zum kulturellen Leben des Landes. »Die gehen hier und da auch schon mal in den Puff.«

[Grafiktext]

Route der Mille Miglia

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