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Sonnenenergie Von null auf fast nichts

Die Photovoltaik boomt an Orten, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. In Deutschland stagniert sie.
aus DER SPIEGEL 22/1994

Rund 600 Kilometer vom westafrikanischen Festland entfernt ragen 15 Vulkaninseln aus dem Atlantik, die Kapverden. 350 000 Menschen leben auf dem Archipel. Nachts sind die Hütten dunkel. Der arme Inselstaat besitzt kein Kraftwerk.

Nun wird Abhilfe geschaffen. Spezialisten des Photovoltaik-Herstellers Siemens Solar installieren derzeit Tausende von Sonnenzellen auf den Eilanden. Die blauglänzenden Module versorgen Wasserpumpen, Schulen und Krankenhäuser mit Energie.

Ähnlich betriebsam geht es in Burkina Faso, Mali, Niger und im Tschad zu. Unter dem Motto »Solarstrom für die Sahelzone« haben sich neun Wüstenstaaten zum Einstieg in die Sonnenkraft entschlossen.

Knapp 700 Photovoltaiksysteme mit einer Gesamtleistung von 1,2 Megawatt sollen in dem Trockengürtel südlich der Sahara errichtet werden. Fast jede zweite Anlage wird aus München angeliefert.

Der schöne Auslandsauftrag aus dem fernen Süden steht für einen aktuellen Trend: Abgelegene Regionen im Windschatten der Zivilisation haben die Photovoltaik für sich entdeckt. Je öder, desto besser.

Gleichzeitig liegt im Inland das Geschäft mit dem Sonnenstrom darnieder. Auch die namhaftesten Hersteller hängen noch am öffentlichen Tropf (Bonn-Subventionen 1993: 88 Millionen Mark). Der mit Abstand größte Kollektorfabrikant Siemens Solar (Weltmarktanteil: 20 Prozent) erwirtschaftete im letzten Geschäftsjahr 80 Millionen Mark Umsatz - und machte 94 Millionen Mark Verlust.

Auch bei den Siemens-Konkurrenten im Solargeschäft, der Deutschen Aerospace (Dasa) und der Nukem, kommen die größeren Aufträge von weit her: *___Die Nukem hat Module von der Fläche eines Fußballfeldes ____nach Toledo geliefert. Dort wird am 7. Juni Europas ____größtes Solarkraftwerk eingeweiht. *___Die Dasa errichtet Solarpumpen im argentinischen ____Buschland und sonnengestützte TV-Relaisstationen in der ____Inneren Mongolei. Bis 1996 soll die Firma vier Dörfer ____auf Hainan, einer Insel im Südchinesischen Meer, ____komplett mit Sonnenenergie versorgen. Auf Inseln, wo ____der Strombedarf bisher mit kleinen Dieselgeneratoren ____gedeckt werden mußte, kommt Solarstrom billiger.

Beispielhaft ist die Planung für Indonesien. Etwa 60 Millionen Einwohner leben dort ohne Stromanschluß. Anstatt Kraftwerke zu bauen, hat sich die Regierung für ein dezentrales Sonnennetz entschieden. Eine Million Siliziumtafeln mit je 50 Watt Leistung sollen im Dschungel installiert werden. Die Energie reicht aus, um kleine Werkzeugmaschinen oder Fernseher zu betreiben.

Den deutschen Herstellern kommen solche Aufträge zupaß. Bonn hat in diesem Jahr die Solarsubventionen um 20 Prozent gekürzt. Auch der private Kauf von Kollektoren wird nicht mehr unterstützt. Im Inland stockt die Nachfrage. »Uns brechen die Kunden weg«, jammert eine Dasa-Sprecherin.

Dutzende von Kleinproduzenten bieten mittlerweile Siliziumwaffeln an. In der Szene herrscht ein »beinharter Verdrängungskampf«, sagt Nukem-Chef Winfried Hoffmann. Kein einziges Unternehmen macht Gewinn. Und niemand wagt den Sprung in die Großproduktion.

Wenn nicht bald etwas geschehe, werde die europäische Solarproduktion »verschwinden« wie eine Eintagsfliege, warnt der SPD-Bundestagsabgeordnete Herrmann Scheer. Die Politiker seien in einen »unerträglichen Trott« verfallen.

Als Präsident des Lobbyvereins Eurosolar trommelt Scheer derzeit in ganzseitigen Zeitungsanzeigen für den - subventionsträchtigen - Einstieg in die Serienproduktion von Solarzellen. Unterzeichnet ist der Aufruf von über 200 Promis, darunter Günter Graß, Michael Ende und Peter Maffay.

Doch das geldklamme Bonn mauert. Die Euphorie der achtziger Jahre ist verpufft. Auch nach zehn Jahren Forschungsarbeit kostet, trotz langsam fallender Preise für die Module, ein Kilowatt Solarstrom immer noch zwei Mark. Nur knapp ein hundertstel Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms wird bislang mit Sonnenkraft erzeugt.

Bei »optimistischen Prognosen«, gibt Siemens-Solarchef Eckart-Alfred von Unger zu, könnte sich der deutsche Solarenergieanteil in den nächsten zehn Jahren auf 0,1 Prozent erhöhen. Eine Steigerung von quasi null auf fast nichts.

Immerhin: Auf einigen Gebieten hat die Industrie Erfolge vorzuweisen. In der Fabrik gefertigte Module erreichen heute einen Wirkungsgrad von etwa 17 Prozent. Noch vor wenigen Jahren lag er unter 10 Prozent.

In den Forschungslabors stehen noch viel effektivere Lichtfallen. Den Weltrekord hält der australische Solarpionier Martin Green. Die von ihm gebastelte Hochleistungszelle hat einen Wirkungsgrad von 23,5 Prozent.

Vorletzte Woche sorgte der Rekordhalter aus Sydney erneut für Schlagzeilen. Mit einem Spezialverfahren will Green das teure Silizium (Kilopreis: 80 Mark) nur noch als hauchdünnen Film auf ein Trägermaterial aufdampfen. Durch die ersparten Materialkosten würden die Modulpreise um 90 Prozent sinken - endlich »billiger Solarstrom«, jubelte die Süddeutsche Zeitung.

So schön Greens Erfindung klingt, bislang ist sie erst im frühen Stadium der Erprobung. Auch das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme in Tübingen, mit 400 Mitarbeitern größte solare Experimentierstube der Welt, tüftelt seit zwei Jahren an der Dünnfilmtechnik herum - bislang ohne befriedigendes Ergebnis.

Im stillen sind die Solarmanager längst von dem Anspruch abgerückt, den atomar oder fossil betriebenen Kraftwerksdinosauriern Konkurrenz machen zu wollen. Marktchancen rechnen sich die Sonnen-Produzenten eher an Orten aus, wo weit und breit keine Steckdose in der Nähe ist.

Den Städten und Kommunen werden ausgefeilte Spezialgeräte angeboten: solarbetriebene Warnleuchten für gefährliche Autobahnabschnitte, Laternen für öffentliche Parks. In der Kölner Innenstadt werden gut 200 Parkscheinautomaten mit Sonnenenergie versorgt (was aufwendige Erd- und Kabelarbeiten erspart). Auf der Photovoltaik-Messe letzten Monat in Amsterdam präsentierten die Hersteller *___sonnengestützte Leuchtbojen zum Einsatz auf hoher See; *___Luftmeßstationen, die in freier Flur stehen; *___solarbetriebene Geigerzähler und sonnenstromversorgte ____Sägen für Waldarbeiter.

Auch die Firma Siemens backt inzwischen solche kleinen Brötchen. Sie präsentierte in Amsterdam einen »Wechselrichter«, der die schlappe Solarspannung auf 230 Volt hochpowert.

Mit dem Zusatzgerät ausgestattet, können elektrische Kleingeräte direkt ans Sonnenpaddel angeschlossen werden. Ein Firmensprecher: »Das ist was für Schrebergärtner.« Y

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