Eis-Negativrekord in der Nordpolarregion Die Arktis will nicht zufrieren

Eigentlich sollte vor der sibirischen Küste jetzt das Eis des Arktischen Ozeans nachwachsen. Doch es tut sich kaum etwas. Forscher schauen besorgt auf die Folgen der Klimakrise.
Der Arktische Ozean vor der sibirischen Küste (Archivbild)

Der Arktische Ozean vor der sibirischen Küste (Archivbild)

Foto: Roger Tidman / Getty Images

Über Jahrtausende hinweg waren die Flachwasserbereiche der russischen Schelfe die Kinderstube des Arktiseises. Über viele Monate entstanden hier jedes Jahr aufs Neue die Eismassen, die dann später - immer dicker werdend - über den Pol drifteten, um schließlich in der Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen wieder zu schmelzen. Das war lange Zeit der Mechanismus der Arktis. Doch die Eismaschine stottert schon länger. Nun vermelden Forscher einen dramatischen Negativrekord: "In der sibirischen Arktis hat es in den Zeitskalen, die für Menschen relevant sind, noch nie so wenig Eis gegeben wie derzeit", sagt Gunnar Spreen, Leiter der Sektion Fernerkundung der Polarregionen am Institut für Umweltphysik der Universität Bremen.

Spreen untersucht die Meereisausdehnung mit Satelliten. Und wenn er derzeit auf die Bilder der Laptew- und der Ostsibirischen See schaut, dann sieht er da – so gut wie nichts. Jedenfalls kein Eis. "Normalerweise müsste die Laptewsee zu diesem Zeitpunkt des Jahres komplett bedeckt sein", sagt Spreen. Doch bestenfalls direkt vor der Küste sind einige gefrorene Bereiche zu sehen.

Foto: University of Bremen

Schon im Frühjahr habe man bei der Eisausdehnung einen Negativrekord verzeichnet, so der Forscher. Insgesamt landete die Arktis in diesem Sommer bei der zweitniedrigsten Eisausdehnung seit Start der Satellitenmessungen vor gut 40 Jahren. Am Ende des Sommers waren im hohen Norden noch 3,8 Millionen Quadratkilometer Ozeanfläche von Eis bedeckt. Selbst direkt am Nordpol berichtete die "Polarstern"-Crew  von "weichem und löchrigem" Eis, die Situation sei "historisch" gewesen.

In die Zeit vor den Satellitenmessungen schauen die Wissenschaftler mit Computermodellen zurück, die mit einigen Unsicherheiten behaftet sind. Doch selbst wenn man das mit einbeziehe, sagt Spreen, sei die aktuelle Mini-Eisausdehnung außergewöhnlich. Doch wie kommt es nun dazu, dass offenes Wasser schwappt, wo schon längst wieder Schollen wachsen sollten?

Extreme Lufttemperaturen

Wenn das Eis mit seiner weißen Oberfläche schmilzt, wird im Sommer weniger einströmendes Sonnenlicht ins All reflektiert. Stattdessen speichert das dunklere Meerwasser einen Teil der Energie wie, sagen wir, ein riesiges Heizkissen. Das sorgt dann dafür, dass sich weniger Eis bildet - und die Temperaturen infolge weiter steigen. Die Erwärmung der Arktis fällt im langfristigen Mittel schon jetzt deutlich stärker aus als auf dem Rest des Planeten.

Hell und dunkel: Aufbrechendes Meereis in der kanadischen Arktis

Hell und dunkel: Aufbrechendes Meereis in der kanadischen Arktis

Foto: David Goldman/ dpa

Doch dieser Effekt könne den aktuellen Negativrekord bestenfalls teilweise erklären, sagt Spreen. Denn dass es im Sommer in der Laptewsee kein Eis gebe, sei nicht ungewöhnlich. Die Sonnenstrahlung habe das Wasser also auch in anderen Jahren aufgeheizt. Allerdings waren in diesem Frühling große, offene Wasserflächen bereits im April zu sehen - deutlich früher als in anderen Jahren. Starke Winde drückten das Eis vom Land weg in die zentrale Arktis, das offene Wasser der Küstenmeere hatte länger Zeit, Wärme aufzunehmen. Womöglich sorgten die Stürme auch für eine stärkere Durchmischung der Wassersäule im Ozean - und damit einen effektiveren Wärmetransport auch in tiefere Schichten.

Der andere Teil der Erklärung für den aktuellen Negativrekord findet sich in der Atmosphäre: "Die Lufttemperaturen in diesem Bereich liegen mindestens zehn Grad über dem aktuellen Mittel", sagt Spreen. Auch weltweit gesehen könnte 2020 das wärmste Jahr seit Start der Messungen werden.

Fragt man AWI-Forscher Thomas Krumpen nach den Gründen für den Eismangel vor Sibiriens Küste, verweist auch er auf die hohen Temperaturen. Schon im Sommer hatte es Hitzerekorde auf dem sibirischen Festland  gegeben. Die Hitze reichte auch bis weit aufs Meer hinaus. Eine Studie  der Initiative "World Weather Attribution" hatte gezeigt, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel die arktische Hitzewelle in diesem Sommer 600-mal wahrscheinlicher gemacht hat. Normalweise würde es eine so heiße Jahreszeit in der Region nur alle 80.000 Jahre geben.  

"In der Region scheint ein Rekord den nächsten zu jagen"

Doch nicht nur der Sommer sei extrem gewesen, sagt Krumpen, auch im Frühjahr habe das Eis in der Region bereits sehr schlecht ausgesehen. Und im vergangenen Sommer. Damals war der sogenannte Nördliche Seeweg vor Sibiriens Küste, von manchen auch Nordostpassage genannt, über 93 Tage komplett eisfrei - auch dieser Wert war vorher noch nie erreicht worden. "In der Region scheint ein Rekord den nächsten zu jagen", sagt der Forscher. "Das ist echt krass."

Foto: University of Bremen

"Es ist viel Wärme im System", so der Meereisexperte Dirk Notz von der Universität Hamburg. Die müsse erst einmal vom Meer an die Atmosphäre abgegeben werden, damit die sibirischen Küstenmeere zufrieren könnten. "Wenn es aber mal losgeht, geht es richtig los." Paradoxerweise sorge gerade das fehlende Eis dann dafür, dass sich das Wasser relativ schnell abkühlen könne - unter anderem, weil kein Schnee auf den neuen Schollen liege, der den Wärmetransport stört.

Notz weiß aber auch: Was jetzt ein Extremfall ist, wird schon bald Normalität sein. Eine von ihm geleitete Analyse  von 40 Computermodellen hatte in diesem Sommer ergeben: Der Arktische Ozean wird mit hoher Wahrscheinlichkeit noch vor dem Jahr 2050 in vielen Sommern eisfrei sein - selbst wenn sich die Menschheit noch zu Klimaschutzmaßnahmen durchringen sollte, die diesen Namen verdienen. Langfristig ist das Eis am Nordpol also nicht mehr zu retten.

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