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TIERE Wal sucht Verwandtschaft

Ein 20-köpfiges Team kümmert sich auf den isländischen Westmänner-Inseln um den Orca Keiko, bekannt aus dem Hollywood-Film »Free Willy«. 15 Millionen Dollar hat die Mission, das Tier auszuwildern, bisher gekostet. Doch was ist, wenn Keiko gar nicht frei sein will?
aus DER SPIEGEL 28/2000

Die Welt braucht Helden, und manchmal ist es bequemer, wenn sie nicht reden können. Wenn Schwertwal Keiko beispielsweise reden könnte, würde er möglicherweise so etwas sagen wie Runólfur Gíslason: »Das ist doch totaler Blödsinn, was die Amerikaner hier treiben.«

Wahrscheinlich jedoch wäre der Wal vorher von seinem Manager Charles Vinick zur Seite genommen worden. Dann würde er sagen: »Ich bin ein Symbol dafür, was Menschen alles für den Lebensraum Ozean leisten können, wenn sie nur wollen.« Oder aber er hätte sich mit seinem Chef-Trainer Stephen Claussen abgesprochen. Dann könnten seine Worte sein: »Ich bin schon wieder so aggressiv, dass ich sogar den Seevögeln nachjage, die mir mein Futter streitig machen.«

Doch Schwertwale können nicht reden. Und deshalb muss man sich auf der Suche nach einer Erklärung für das Phänomen Keiko auf Menschen wie Gíslason, Vinick und Claussen verlassen. Alle drei haben gemein, dass sie derzeit mit dem Wal auf der kleinen Vulkaninsel Heimaey etwa 20 Kilometer vor Islands Südküste leben und Keiko von dort verschwinden lassen wollen - Isländer Gíslason mit Hilfe einer Harpune, mit der er den Wal zu »Fischbällchen« verarbeiten will; Vinick und Claussen dagegen mit eisernem Training und dem festen Willen, zu beweisen, dass Happy Ends auch in der wirklichen Welt letztendlich käuflich sind.

»Wir versuchen hier etwas zu tun, was die Herzen von Millionen von Menschen erreichen und ihr Denken über die Umwelt langfristig verändern kann«, sagt Vinick, Executive Vice President der Ocean Futures Society und Chef des 20-köpfigen Teams, das den Wal vor Ort betreut. Allein vier Bodyguards und mehrere persönliche Trainer sind für das Tier zuständig. Abgeschottet von der Außenwelt lebt Keiko in einem Freigehege in der Klettsvík-Bucht am Rand des Fischerhafens von Heimaey. Ein stabiles Netz trennt die Bucht vom offenen Ozean. Schroffe Klippen mit den klingenden Namen Hákollar, Midklettur und Ystiklettur, die zu betreten man besser den ortskundigen Papageitauchern überlässt, halten jeden Eindringling fern.

Denn Keiko wird den Menschen entwöhnt und befindet sich damit nach Aussage seiner Betreuer in der finalen Phase eines intensiven Trainingsprogramms, zu dem neben Liebesentzug auch Konditionstraining, Jagdtechnik und Gassi gehen gehört. Regelmäßig schwimmt der Wal, derzeit im Gefolge eines Bootes, für ein paar Stunden auf den Atlantik hinaus. Jeden Tag, so glauben Vinick und seine Mitstreiter, könne es gelingen, das Tier endgültig in die Freiheit zu entlassen und damit den Auftrag der internationalen Fangemeinde zu erfüllen, aus einem verkümmerten Kaspar Hauser der Tierwelt wieder einen wilden Schwertwal zu machen. Es wäre der Höhepunkt einer Geschichte, die genau hier im eisigen Seegebiet vor Islands Küsten vor 21 Jahren begann.

Damals war Keiko zwei Jahre jung und ein normales, noch nicht ganz abgestilltes Schwertwalbaby. Die Welt war unbegrenzt, und Mutter Wal stand immer zur Seite, um dem Kleinen die Tricks beim Fischefangen und die Grundzüge der Schwertwalsprache beizubringen.

Irgendwann im Jahr 1979 jedoch geriet Klein-Keiko in das Netz eines isländischen Fischers. Ein örtliches Aquarium war die erste Station seiner Odyssee durch die Menschenwelt. Über das kanadische Ontario gelangte der Wal 1985 nach Mexiko City. Im Reino Aventura Vergnügungspark balancierte Keiko fortan Bälle. Körperlich jedoch verfiel er zusehends.

Kaum größer als ein Tennisplatz war das Becken, in dem Keiko im künstlich gesalzenen, 27 Grad warmen Wasser leben musste. Auf nur 3500 Kilogramm magerte das von Hautausschlag gepeinigte Tier ab - fast eine Tonne zu wenig für einen Schwertwal seines Alters. Während Keikos wilde Verwandtschaft mehr als eine Viertelstunde am Stück tauchen kann, hielt er nur drei Minuten unter Wasser durch.

In dieses traurige Szenario stolperten Anfang 1992 Talent-Scouts des Hollywood-Studios Warner Brothers auf der Suche nach einem Film-Wal. Keiko bekam die Rolle, der Film »Free Willy« wurde zum Hit. Millionen von Kindern fieberten mit dem zwölfjährigen Jesse, der Schwertwal Willy aus den Fängen eines skrupellosen Freizeitpark-Besitzers befreite. Für die Bosse des Filmstudios währte die Freude über den Erfolg jedoch nur kurz. »Will nicht irgendjemand bitte diesen Wal retten?«, titelte das US-Magazin »Life« Ende 1993 und enthüllte die frappante Parallele zwischen Film und Wirklichkeit. Die Welt erfuhr: Keikos Schicksal ist dasselbe wie das von Filmwal Willy - nur ohne Aussicht auf Besserung.

Statt Dollarnoten hagelte es nun Proteste. Warner Brothers reagierte sofort. Gleichsam über Nacht wechselte das Studio die Fronten und setzte sich an die Spitze der neuen Bewegung: Free Keiko! Dem Wal muss doch zu helfen sein!

Eine seltsame Allianz fand sich zusammen: Filmproduzenten, die Umweltgruppe Earth Island Institute sowie der Millionär und Mobilfunk-Unternehmer Craig McCaw saßen plötzlich an einem Tisch, taten so, als wüssten sie, was Keiko will, und gründeten die Free Willy Keiko Foundation, die später mit dem Jean-Michel Cousteau Institute (geführt vom Sohn des Meeresforschers Jacques Cousteau) zur Ocean Futures Society fusionierte. Hunderttausende von Schulkindern weltweit schlachteten ihre Sparschweine. Für fast siebeneinhalb Millionen Dollar entstand im amerikanischen Newport ein neues Heim für Keiko, in das der Wal zügig verlegt wurde, um ihn wieder aufzupäppeln.

Dass Newport nicht das Ende der Geschichte sein würde, war zumindest den Menschen von Anfang an klar. Schließlich sollte Keiko wieder ganz frei sein - und zwar dort, wo er einst gefangen wurde: im Meer vor den Küsten Islands.

Die Vibrationen des PS-starken Jet-Motors der »Draupnir« sind bis in die Haarspitzen zu fühlen. Mit voller Kraft voraus pflügt das Boot durch die steilen Kreuzseen vor der Hafeneinfahrt von Heimaey. Beide Hände braucht der Zoologe Robin Baird, um sich vorn im Bugkorb zu halten. Über dem Boot knattert der Helikopter der Ocean Futures Society, eine Leihgabe des Keiko-Mäzens McCaw. »Eine Gruppe von Walen, vier Seemeilen westlich«, knarzt es aus dem Funkgerät. Die »Draupnir« dreht ihren Bug in Richtung Ozean.

»Der Hubschrauber weist uns den Weg«, schreit Baird gegen den Lärm an. Baird ist Schwertwalforscher an der Dalhousie University im kanadischen Halifax. Hier auf Island hat er den Auftrag, Keikos Verwandtschaft auszuspähen, um den Weg für die millionenteure Familienzusammenführung zu ebnen. Mit Hilfe von Datenschreibern, die Baird den Orcas auf den Speck heftet, vergleicht der Forscher Keikos Verhalten mit dem wilder Schwertwale, um die noch vorhandenen Trainingslücken des Auswilderungskandidaten ausfindig zu machen.

»Wale voraus«, meldet der Hubschrauber. Baird greift sich eine bereitliegende Armbrust. Mit brüllenden Motoren rauscht die »Draupnir« auf eine Gruppe Schwertwale zu, deren massige, schwarzweiß gescheckte Körper in regelmäßigen Abständen die Wasseroberfläche durchbrechen. Als sich ein Orca aus der Gruppe löst und nur wenige Meter neben dem Boot auftaucht, legt Baird blitzschnell an und schießt einen mit einem Saugnapf versehenen Pfeil inklusive eines 2000 Dollar teuren Minicomputers auf den Wal ab. Im Bruchteil einer Sekunde saugt sich das Gerät an der gummiartigen Haut des Tieres fest und versinkt mit ihm in der Tiefe.

Etwa in zwei Tagen wird sich der Datenlogger wieder von dem Wal lösen, aufschwimmen und von der »Draupnir« eingesammelt werden. Dann kann Baird dem Gerät, das Tauchtiefe und Geschwindigkeit des Wales misst, neue Details über das Leben der Meeresräuber entnehmen.

Orcas sind die Herrscher der Ozeane. Kein anderer Meeresbewohner kann es mit den urgewaltigen Säugern aufnehmen. Zu ihrer Beute gehören Islands Heringsschwärme genauso wie Tintenfische oder Seelöwen. Schwertwale sind dabei beobachtet worden, wie sie Blauwale angreifen und Weiße Haie zerfleischen. Vor der argentinischen Küste surfen sie in wagemutigen Manövern fast an Land, um Robben vom Strand in den Tod zu reißen.

Robin Baird hat herausgefunden, dass die Tiere ein Gebiet von etwa 90 000 Quadratkilometern durchstreifen. In Gruppen von 10 bis 15 Tieren ziehen die hochsozialen Wale durch die Meere. Unter Wasser verständigen sie sich mit einer eigenen Sprache. Ein raffiniertes Sonarsystem ermöglicht ihnen die Jagd selbst in der Dunkelheit der Ozeane.

Pro Tag legen die Schwergewichtler dabei 180 Kilometer zurück und tauchen routinemäßig bis auf 80 Meter Tiefe - eine Höchstleistung, die Keikos Chancen auf Reintegration in neues Licht rückt. »Es ist unmöglich, vorauszusagen, ob Keiko das schaffen kann und ob die wilden Orcas ihn als einen der Ihren akzeptieren werden«, sagt Baird. Bislang tauche der Wal beispielsweise noch viel zu flach, um mit der Verwandtschaft mithalten zu können.

Kann ein Schwertwal, der Zeit seines Lebens nur mit Menschen kommuniziert hat, wirklich wieder lernen, mit seinesgleichen umzugehen? Wird Keiko, der seine tägliche Heringsration bis heute gleichsam auf dem Silbertablett serviert bekommt, sich jemals wieder selbst ernähren können?

Über 20 Jahre hat Keiko in reizarmer Einzelhaft verbracht und ist bei den Menschen zu einem Wasser tretenden Autisten verkommen, der Lachse apportiert und kaum etwas mehr liebt, als von seinen Trainern stundenlang gekrault zu werden. Will so ein Tier überhaupt zurück in die Wildnis? Und letztlich: Lohnt der immense Aufwand von bislang rund 15 Millionen Dollar für den flossenlahmen Säuger?

Die meisten Bewohner von Heimaey haben auf diese Frage eine sehr eindeutige Antwort. Traditionell dem Wal eher kulinarisch zugeneigt, muss den Isländern Keikos Training etwa so sinnvoll erscheinen, wie der Versuch, hinter ihren kleinen, blau, weiß und rot getünchten Häusern Tomaten anzubauen. »Das hier ist ein Spielplatz für verzogene Amerikaner, die mit einer merkwürdigen Vorstellung von Tieren aufgewachsen sind«, sagt Runólfur Gíslason, Walfleischfan und Teilzeitkraft im Museum von Heimaey, der Hauptinsel des Westmänner-Archipels. »Wir sollten Keiko aufspießen und auf die Speisekarte setzen.«

»Für uns ist ein Wal nichts anderes als ein Kabeljau oder irgendein anderer Fisch«, kommentiert auch Ólafur Kristinsson, Hafenvorsteher des Ortes. Er ist Herr über eine stolze Flotte von Kuttern, die in den Gewässern um Island die reichsten Fischgründe des Nordatlantiks ausbeuten. Die raue Welt der Männer lässt keinen Platz für die Tierromantik Tausender Teenager und einiger solventer Idealisten, die der Illusion nachhängen, mit der Unterstützung für einen einzigen Wal die Ungerechtigkeit der Welt lindern zu können. »Ich bin ein Jäger«, sagt Kristinsson stolz und schweigt vielsagend.

Am meisten ärgert die Einwohner der Westmänner-Inseln jedoch, dass sich Keiko für sie als wirtschaftliche Null-Nummer entpuppt. Neue Touristenströme hatte sich etwa Sigridur Sigmarsdóttir von der örtlichen Touristeninformation erhofft, als der berühmte Wal Ende 1998 nach neunstündigem Flug in einer C17-Militärmaschine auf Heimaey eingeschwebt war.

Sigmarsdóttir gehörte damals zusammen mit Bürgermeister Gudjón Hjörleifsson zu den einzigen Inselbewohnern, die das Pressefloß betreten durften und Keikos Einzug in sein Freigehege in der Klettsvík-Bucht aus nächster Nähe verfolgen konnten. Seither ist der Wal für Einheimische wie Touristen tabu. »Die Situation ist sehr enttäuschend«, bilanziert Sigmarsdóttir. Gíslason legt nach: »Nur Schönheitsköniginnen, Models und ausländische Minister bekommen Keiko noch zu sehen.«

»Eine Menge Menschen haben viel Geld dafür gezahlt, dass wir versuchen, diesen Wal auszuwildern«, entgegnet Keikos Chef-Trainer Stephen Claussen. »Es ist selbstverständlich, dass wir dieses Geld jetzt auch verantwortungsbewusst und nur im Interesse Keikos ausgeben.«

Claussen glaubt, dass der Wal schon bald wieder mit seinen Verwandten durch den Nordatlantik ziehen könnte. Schon im amerikanischen Newport hat der Tiertrainer Keiko wieder an das Unterwasserleben gewöhnt, indem er den Lieblingsball des Tieres auf dem Grund des Swimmingpools fixierte und Keiko immer wieder anwies, nach ihm zu tauchen. Inzwischen kann der Wal schon wieder 18 Minuten am Stück unter Wasser verbringen. Täglich übt er sich in der Jagd auf lebende Fische.

In den nächsten Wochen wollen Keikos Betreuer versuchen, auf dem Meer wilde Schwertwale auszumachen, die in Zukunft Keikos Wahlverwandtschaft sein könnten. »Wenn wir eine Gruppe oder mehrere Gruppen von Walen finden, die ohnehin gerade miteinander interagieren, haben wir eine gute Chance, Keiko dort einzuführen«, glaubt Claussen und hofft, dass der Wal sein restliches Überlebenstraining dann im Kreise seiner Verwandtschaft absolvieren wird. »Viele Elemente des Verhaltens bei Schwertwalen sind ohnehin erlernt«, sagt der Trainer. »Ich glaube, dass Keiko keine Mühe haben wird, sich etwas von den anderen Walen abzugucken.«

Claussen ist mit dem kleinen Versorgungsboot der Ocean Futures Society zum täglichen Konditionstraining in die Klettsvík-Bucht gefahren. Mit einer Trillerpfeife ruft der Trainer den Wal heran und hält ihn an einer Rampe für einige Minuten unter Kontrolle. Dann gibt er ein paar zackige Handzeichen. Keiko taucht ab. Sekunden später schießt der schwarz-weiße Körper des Sechseinhalb-Meter-Tieres in der Mitte der Bucht aus dem Wasser. Viereinhalb Tonnen Speck und Muskeln hängen für Sekunden wie schwerelos in der Luft, krachen dann zurück auf die Wasseroberfläche. Per Trillerpfeife signalisiert Claussen dem Wal, dass er das Richtige gemacht hat, und wirft ihm wenig später ein paar Heringe als Belohnung in das offene Maul.

Welchen Grund könnte ein verhausschweinter Wal haben, zu seinesgleichen zurückzukehren, wenn ihm doch die Fische wie gebratene Tauben in den Mund fliegen? Bisherige Erfahrungen mit domestizierten Walen zeigen, dass viel Fingerspitzengefühl, intensives Training und eine gehörige Portion Glück notwendig sind, um den Tieren die Rückkehr in die Wildnis schmackhaft zu machen. Was also, wenn Keiko gar nicht frei sein will?

»Wir haben immer gesagt, dass wir für den Wal sorgen, so lange es ihn gibt«, sagt Vinick. »Wenn Keiko sich entscheidet, hier zu bleiben, werden wir es mit ihm tun.«

Es könnte eine lange Zeit im hohen Norden werden: Keiko ist heute 23 Jah-re alt. Mit Glück und einer gesunden Island-Diät bringt er es leicht auf ein Alter von 50. PHILIP BETHGE

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