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STAMMZELLEN Wann ist der Mensch Mensch?

Am Mittwoch stimmt der Bundestag über den Import embryonaler Stammzellen ab. Das Thema stürzt die Ordnung um: Links macht Front mit rechts, Bischöfe mit Kommunisten und Feministinnen mit Lebensschützern. Über allem steht die Urfrage, wann menschliches Leben beginnt.
Von Rafaela von Bredow und Gerd Rosenkranz
aus DER SPIEGEL 5/2002

Angeblich droht Inzest und Kannibalismus; es geht die Rede, dass Dämme brechen; und es heißt, die Wissenschaft schicke sich an, endgültig ihre Unschuld zu verlieren. Philosophen wie Jürgen Habermas machen sich schwere Gedanken darüber, ob die Menschheit nun endgültig auf die schiefe Bahn gerät, und wer in diesen Tagen Kardinal Joachim Meisner zuhört, muss annehmen, der deutsche Bundeskanzler wolle »kleine Menschen« morden.

Im Berliner Bundestag scheint, wenigstens für manche Abgeordnete, die Hölle losgebrochen zu sein. Dabei wollen sie am Mittwoch nur darüber abstimmen, ob künftig eine kleine Zahl winziger embryonaler Stammzellen (ES-Zellen) aus Israel, den USA oder Schweden nach Deutschland importiert werden darf.

In Wirklichkeit dreht sich die Abstimmung um sehr viel mehr. Es geht nicht nur um eine Einfuhrregelung für biologisches Labormaterial; es geht um Zellen, die Heilung schwerster Leiden versprechen. Aber um sie zu gewinnen, müssen Embryonen getötet werden. Und deswegen rührt die Frage, wie mit ihnen zu verfahren ist, an Urwerte der bürgerlichen Gesellschaft - die Kontrahenten im Bundestag führen zwei sich in diesem Fall widersprechende Grundrechte der Verfassung ins Feld.

Auf der einen Seite steht die Hoffnung auf Heilung - immerhin garantiert die Verfassung das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Auf der anderen Seite steht der erste Artikel des Grundgesetzes, der Schutz der Menschenwürde, und das Recht auf Leben im zweiten - Rechte, die, so meinen viele, auch schon einen fünf Tage alten Embryo schützen.

»Ich kann den einen nicht heilen auf Kosten eines anderen«, hat der Biologe und Bürgerrechtler Jens Reich einmal gesagt. Aber: Ist eine Blastozyste so »ein anderer«? Auf diese Frage scheint sich aller Eifer, aller Streit im Bundestag zu fokussieren. Die Abgeordneten müssen am Mittwoch entscheiden: Ab wann ist der Mensch Mensch?

Nur in wenigen Debatten zuvor ging es so dramatisch zu: In der Abtreibungsfrage haben Bürger, Bischöfe und Politiker ähnlich erbittert gestritten. 1997, bei der Bundestagsentscheidung zum Transplantationsgesetz, als es darum ging, ob der Hirntod als Todeszeitpunkt eines Menschen gelten soll, haben sich die Abgeordneten so bunt wie jetzt quer durch alle Fraktionen gemischt. Und bei der Diskussion um die künstliche Befruchtung ist Biotechnik schon einmal so politisch gewesen. Doch in keiner dieser Debatten konnten selbst Insider so schlecht voraussagen, wie es am Ende ausgehen würde.

Während die ES-Zellforschung in Frankreich gerade erst in der vorigen Woche anstandslos in erster Lesung durchgewinkt worden ist, vereinigt sie für Deutsche alle notwendigen Reizauslöser für eine tief gründelnde Moraldebatte. »Warum muss das denn sein?«, hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder gefragt, als er im Herbst vorigen Jahres erfuhr, dass der Bundestag über den Import abstimmen wolle - sein Instinkt sagte ihm wohl, welche Emotionen ein solches Thema freisetzen würde.

»Eine gemeinsame Position zu finden, das war diesmal schwieriger, als manch einer glaubte«, stöhnt Wolf-Michael Catenhusen, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, der sich schon seit den achtziger Jahren mit Biopolitik befasst. Auch Andrea Fischer von den Grünen, die ehemalige Gesundheitsministerin, klagt über den »beispiellosen kommunikativen Aufwand«.

Die Abgeordneten - jeder und jede für sich - müssen eine Entscheidung fällen, die manche von ihnen für die schwerste ihres Parlamentarierlebens halten. Schon im Vorfeld der Bundestagsentscheidung zerfiel die gewohnte Schlachtordnung, nicht nur im Parlament, sondern auch in der Gesellschaft. Linke reihen sich bei Rechten ein, Naturwissenschaftler koalieren mit Moralisten, Bischöfe mit Kommunisten und Feministinnen mit Lebensschützern.

Der Bundeskanzler, der die Abgeordneten der Regierungsfraktionen bei der Entscheidung über den Afghanistan-Einsatz im vergangenen November noch in die Koalitionsdisziplin gezwungen hatte, hat dieses Mal die Abstimmung im Parlament freigegeben. Auch die Zuchtmeister der Fraktionen verzichten darauf, Abweichler auf Linie zu bringen, und erklären die Entscheidung zur Gewissensfrage - es blieb ihnen gar nichts anderes übrig.

Denn wer in der StammzellFrage zu den Dissidenten zählt und wer zum Mainstream einer Fraktion, ist kaum mehr auseinander zu halten. In allen Parteien quälen sich Abgeordnete mit bemerkenswertem Ernst und ergebnisoffen wie selten durch zellbiologische Zusammenhänge, machen sich vertraut mit nie zuvor gehörten Begriffen wie »Embryoblast« oder »Nidation« und entdecken dabei oft verblüffende Details der menschlichen Fortpflanzung.

Die Unionsfraktion zerbrach bei diesem Prozess gleich in drei Lager: Die Befürworter des Stammzell-Imports scharten sich um den Ex-Pastor Peter Hintze, der so unterschiedliche Parteigrößen wie Wolfgang Schäuble, Rita Süssmuth, Heiner Geißler und Friedbert Pflüger (siehe Interview Seite 174) zu seinen Gesinnungsgenossen zählt. Die etwas Skeptischeren sammelten sich um die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Maria Böhmer, CDU, und Horst Seehofer von der CSU.

Beide Gruppierungen unterlagen bei einer Probeabstimmung am Dienstag vergangener Woche den strikten Import-Gegnern um den kirchenpolitischen Sprecher Hermann Kues und den früheren Bauernminister Jochen Borchert. So eindeutig war das Abstimmungsergebnis, dass Hintze schon spottete: »Was ist der Unterschied zwischen der Union und den Grünen?« Die Antwort gab er gleich selbst: »Bei den Grünen setzen sich die Realos durch.«

In den anderen Fraktionen ist die Lage kaum übersichtlicher. Überall formierten sich in den vergangenen Wochen Gegner, Befürworter und Skeptiker und machten sich auf die Suche nach Mitstreitern jenseits der Fraktionsgrenzen.

Selbst bei den Freien Demokraten, die nicht nur die Einfuhr der umstrittenen Zellen forcieren wollen, sondern auch die Herstellung neuer Zelllinien aus denjenigen Embryonen, die hier zu Lande bei der künstlichen Befruchtung übrig geblieben sind, trügt der Schein der Geschlossenheit. »Sauschwer«, stöhnte Ende vergangener Woche der frühere Außenminister Klaus Kinkel, falle es ihm als Katholik, die forsche Position von Guido Westerwelle und Co. mitzutragen.

Bei den Grünen spricht sich voraussichtlich eine Mehrheit gegen den Import der umstrittenen Zellen aus, ebenso bei der PDS. Auch in der sozialdemokratischen Fraktion verläuft ein Riss zwischen Skeptikern und strikten Gegnern des Imports. Selbst einen renommierten sozialdemokratischen Wissenschaftler wie den Physiker und Biologen Ernst Ulrich von Weizsäcker quälen Zweifel an der Lauterkeit der Heilsversprechen seiner Forscherkollegen (siehe Interview Seite 175).

Innere Spaltung und neue unorthodoxe Fraktionsbildung der Abgeordneten mündeten Mitte vergangener Woche zunächst in einer Flut von Positionen und Anträgen, die teilweise nur die Beteiligten selbst noch auseinander halten konnten - alle anderen zeichneten Übersichtsgrafiken, in denen sich Rot mit Schwarz und Grün mit Schwarz fröhlich mischten.

Auf die von manchen Kommentatoren bereits herbeigeschriebene »Sternstunde des Parlaments«, frotzelte Andrea Fischer, falle schon im Vorfeld »manch tiefer Schatten«. Was die grüne Gen-Expertin sagen wollte: Tagelang wurde quer durch die Lager für die eigene Mehrheit getrickst, koaliert und wechselseitig ausgebootet.

Erst als sich die Wortführer Ende vergangener Woche zur ernsthaften Konsenssuche zusammenfanden, lichtete sich das Antragschaos. Am Freitagabend schließlich waren vier Positionen übrig geblieben (siehe Grafik Seite 172).

Auch über das Abstimmungsverfahren mussten sich die Parlamentarischen Geschäftsführer mit den Initiatoren der Anträge erst verständigen - sie trieb die Sorge um, am Ende könnte keiner der Anträge eine Mehrheit erhalten. Nun soll in einem ersten Wahlgang über alle Vorlagen gemeinsam abgestimmt werden. Danach entscheidet eine Stichwahl, sofern nicht schon im ersten Abstimmungsgang ein Antrag die absolute Mehrheit erreicht.

Die größten Chancen wurden Ende vergangener Woche zwei Vorschlägen eingeräumt, von denen der eine den Import völlig verwirft und der andere eine streng geregelte Einfuhr ausschließlich solcher Stammzellen vorsieht, die zum Zeitpunkt der Abstimmung bereits existieren (juristisch: »Verbot mit Erlaubnisvorbehalt").

Mit dieser Kompromiss-Position soll vermieden werden, dass wegen deutscher Begehrlichkeiten im Ausland weitere Embryonen getötet werden. Die 65 weltweit bereits existierenden Stammzelllinien müssten nach Meinung der Antragsteller ausreichen - manch Forscher indes bezweifelt das.

Formuliert haben den möglichen Mehrheitstext, nach siebenstündigen Verhandlungen am Donnerstagabend, die Vorsitzende der Ethik-Enquete-Kommission Margot von Renesse (SPD) zusammen mit der stellvertretenden CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Maria Böhmer und der Grünen Andrea Fischer, die mit ihrer moderaten Haltung in ihrer Partei eine Minderheit vertritt. »Embryonen«, heißt es in dem Papier, »sind zukünftige Kinder zukünftiger Eltern«, eine »verbrauchende Embryonenforschung« solle deshalb in Deutschland auch in Zukunft verboten bleiben.

Schon lange wird der Gewissenskonflikt auch im Kabinett ausgefochten. Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn kämpft unentwegt für die Forschungsfreiheit, damit die Deutschen nicht die Zukunft verpassen.

Justizministerin Herta Däubler-Gmelin lehnt den Import dagegen strikt ab. Im Vorfeld der Entscheidung verwies die Protestantin noch einmal auf ihre schwer wiegenden ethischen Bedenken. Das Verhältnis der beiden SPD-Damen gilt deshalb schon seit einem Jahr als nachhaltig zerrüttet.

Wo der Bundeskanzler in diesem Grundsatzstreit steht, ist seit Ende 2000 bekannt, als er öffentlich gegen »eine Politik ideologischer Scheuklappen und grundsätzlicher Verbote« polemisierte. Der Aufsatz wurde zum Startschuss der Debatte. Was Schröder dann im Mai vorigen Jahres im Parlament über die überzähligen Embryonen, die in Deutschland bei künstlichen Befruchtungen übrig geblieben sind, von sich gab, ließ endgültig keine Zweifel mehr aufkommen: »Ist es nicht doch vertretbar«, fragte der Kanzler, »angesichts der Alternative, dass diese Embryonen weggeworfen werden, begrenzte Forschung an ihnen zu ermöglichen?« Mit seinen forschen Vorstößen provozierte er heftige Gegenreaktionen, auch an höchster Stelle.

Im gleichen Monat verglich Bundespräsident Rau die Forschung an embryonalen Stammzellen mit der Kernenergie-Euphorie früherer Zeiten: »Werden wir zu Zauberlehrlingen, die Entwicklungen in Gang setzen, deren Folgen wir weder überblicken noch beherrschen können?«, fragte er in seiner »Berliner Rede«, die vor allem deshalb für Aufsehen sorgte, weil sie so eklatant von der Linie des Bundeskanzlers abwich.

Seither hält sich Schröder in der heiklen Angelegenheit zurück und lässt »die Edelgard« machen - die teilt, zumindest inoffiziell, seine liberale Haltung in der Importfrage bis hin zum Umgang mit den überzähligen Embryonen in den Gefrierbehältern deutscher Fortpflanzungskliniken. Am Mittwoch allerdings will der Regierungschef sich im Bundestag höchstpersönlich zu Wort melden - nicht als Bundeskanzler, sondern als Abgeordneter Schröder.

Und Edmund Stoiber? Am Tag vor seiner Kandidatenkür versprach der Herausforderer nach einem Treffen mit bayerischen Bischöfen beider Konfessionen »den Schutz des menschlichen Lebens von seinem Anfang bis zum Ende«. Doch gleichzeitig empfahl der Oberbayer, den Stammzell-Import unter restriktiven Bedingungen zuzulassen.

Als Kanzlerkandidat schweigt Stoiber zum Thema - weniger aus Überzeugung denn aus Not. Denn: Wettert der CSU-Mann gegen mögliche Exzesse der Biomedizin, wie es die Bischöfe tun, setzt er sein Modernisierer-Image ("Laptop und Leder-

hose") aufs Spiel. Umgarnt er dagegen die Wissenschaftler, ist ihm das Wutgeheul aus den Kirchen gewiss.

Geholfen hat die Strategie der Uneindeutigkeit wenig: Katholische Kirchenobere erhöhten im Vorfeld der Bundestagsentscheidung aggressiv den Druck auf die Parteien. Sollte das Parlament den Stammzell-Import nicht radikal ablehnen, drohe die »Barbarei«, prophezeite Kardinal Meisner vorletzte Woche in einem von Verbalinjurien gegen die Union strotzenden Beitrag in der »Welt«. ImportBefürworter, so der Kirchenmann, wollten »von der Tötung kleiner Menschen« profitieren.

Wie auch immer sich die Abgeordneten entscheiden, sie sind gefangen in einem Doppelmoral-Dilemma. »Was machen die Import-Gegner, wenn im Ausland irgendwann mit Hilfe der ES-Zellen eine Alzheimer-Therapie gefunden wird?«, fragt Ministerin Bulmahn. »Dürfen dann Patienten in Deutschland nicht von den Früchten der Forschung an ES-Zellen profitieren?«

Andersherum müssen sich Bulmahn und andere Import-Verfechter den Vorwurf gefallen lassen, selbst nicht folgerichtig zu entscheiden: Denn wer wie sie den Import befürwortet, nimmt in Kauf, dass dafür im Ausland Embryonen getötet werden mussten. Damit, so argumentieren die Lebensschützer, ließen die Stammzell-Freunde andere die frevelhafte Tat, den Embryomord also, begehen, dessen Früchte sie dann ernten wollen.

Die Import-Gegner erhielten neue Munition, als am Freitag Zeitungsmeldungen über Forschungen an der University of Minnesota in die Debatte platzten. Darin war von viel versprechenden Experimenten mit adulten Stammzellen aus dem Knochenmark die Rede. Das ist eine Zellfamilie, die sich beim Menschen in etwa 15 Geweben und Organen findet. Auch sie lassen sich potenziell verwandeln in verschiedene Ersatzgewebe und gelten deswegen manchen Forschern als Alternative zu den ES-Zellen.

Schließlich hat einer der deutschen Stammzell-Forscher, der Kölner Neurophysiologe Jürgen Hescheler, Gegner wie Befürworter mit der Aussicht auf eine völlig neue Alternative zu den importierten Zellen verwirrt: Er will an einer Methode tüfteln, mit der man Stammzellen ohne Tötung des Embryos gewinnen könnte.

Aber diese Versuche kommen zu spät, um die Bundestagsabgeordneten von ihrer moralischen Entscheidung zu befreien. »Alle tun so, als gebe es einen absoluten Zeitpunkt, an dem das Leben beginnt«, sagt der Soziologe Wolfgang van den Daele, ein Mitglied des Nationalen Ethikrats. »Aber das ist ein Fehlschluss.«

Der Lebensbeginn, erklärt er, sei vielmehr willkürlich festgelegt. »In Israel wird der Embryo zum Beispiel erst ab dem 40. Tag nach der Zeugung geschützt, bei uns ist der Lebensbeginn mit der Verschmelzung des Erbguts von Ei- und Samenzelle definiert. Aber warum eigentlich nicht vier Stunden vorher, kurz vor der Kernverschmelzung, wenn das Spermium schon die Eizelle befruchtet hat?« Solche so genannten Vorkernstadien entstehen auch in Deutschland zu Tausenden bei der künstlichen Befruchtung. Achtlos werden sie weggeworfen; sie kümmern niemanden - und doch steckt in ihnen schon das Potenzial menschlichen Lebens.

Van den Daele plädiert daher für einen abgestuften Lebensschutz, wie es der menschlichen Intuition entspreche. Es sei schließlich kein Zufall, dass der Schwangerschaftsabbruch bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in der fötalen Entwicklung möglich sei. Außerdem: Dem natürlichen Empfinden nach inszenierten Eltern ja auch kein Beerdigungsritual für jeden durch frühe Fehlgeburt verlorenen Embryo.

RAFAELA VON BREDOW, GERD ROSENKRANZ

* Im März 2001 an die Uniklinik Lübeck gelieferte Proben; derImport wurde erst im Juli bekannt, was zu heftigen öffentlichenProtesten führte.

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