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Kerstin Kullmann

Schulmängel Lesen rettet Leben

Warum unsere Kinder dringend lernen müssen, Meinungen von Tatsachen zu unterscheiden.
aus DER SPIEGEL 3/2020
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Florian Gaertner/ Photothek/ Getty Images

Als die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie öffentlich wurden, war man beruhigt, weil die Kenntnisse der Schüler in Deutschland weiterhin über dem Durchschnitt der OECD-Staaten lagen. Alarmiert war man über die große Kluft zwischen Arm und Reich. Sie ist nicht hinzunehmen.

Eine weitere Erkenntnis der Studie fand indes wenig Beachtung, bis heute: Nur elf Prozent der Schüler waren fähig, in einem Text sowohl Inhalt als auch Zuverlässigkeit der Quellen so gut zu verstehen, dass sie zwischen Meinung und Tatsachen unterscheiden konnten. Ihnen gegenüber stehen 21 Prozent Schüler, die kaum in der Lage sind, den Sinn von Texten zu erfassen.

Die Pisa-Forscher entwickelten zum Beispiel einen Test, der zwei Texte zum Thema Milch enthielt. Im ersten warb eine Molkerei mit Zitaten einer Lobbyorganisation. Im zweiten blickte ein Wissenschaftsjournalist kritisch aufs Milchtrinken und zitierte eine Langzeitstudie aus dem "British Medical Journal" – welcher Quelle kann man trauen? Diese Frage jeweils richtig beantworten zu können kann lebenswichtig sein.

Im pazifischen Inselstaat Samoa ist dies gerade in großem Maße schiefgelaufen. Der Inselstaat beklagt 83 Maserntote, die meisten davon Kleinkinder. Der Impfstoff war vorrätig. Ein anderes Beispiel: In den USA raten die Ärzte seit Jahren zur Grippeimpfung. Diesen Winter hat die Krankheit bereits 27 Kinder getötet, im vorigen 143. Rund 80 Prozent der Verstorbenen waren nicht geimpft. Im Internet wird verbreitet, dass der Impfstoff ein Giftgemisch sei, nur die Pharmafirmen profitierten.

Wer will, dass wissenschaftlicher Forschung mehr Glauben geschenkt wird, muss Menschen befähigen, zwischen Meinung und Tatsachen zu unterscheiden. Um dies zu erreichen, müssen Eltern, müssen Lehrer vor allem eines tun: mit den Kindern lesen, lesen, lesen. So viel wie möglich. Und so kritisch wie möglich.

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