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RAUMFAHRT »Was bleibt, ist das Denken«

Astronaut Ulrich Walter über den Blick auf die Erde aus dem Weltraum, das Gefühl der Schwerelosigkeit und seine Mission im All
aus DER SPIEGEL 8/1997

Am Montag vergangener Woche startete zum neuntenmal ein deutscher Astronaut ins All. 18 Tage lang wird sich Reinhold Ewald in den engen Modulen der russischen Mir-Station zurechtfinden müssen. Den deutschen Steuerzahler kostet die Mission 30 Millionen Dollar. Wie fühlt sich der Astronaut, wenn er morgens schwerelos zum Frühstück schwebt? Wie putzt er sich die Zähne, was sieht er, wenn er aus den Luken der Raumstation auf die Erde hinunterblickt, und wie funktioniert die Bordtoilette? Vor vier Jahren flog der Physiker Ulrich Walter, heute Projektleiter des Deutschen Satellitendaten-Archivs, mit der US-Raumfähre Columbia zehn Tage lang um die Erde. Walter berichtet von seinen Erlebnissen und Empfindungen während der deutschen D-2-Mission:

Irgend etwas hat mich aus dem Tiefschlaf geholt. Ich wache auf und merke sofort: Ich liege nicht, ich schwebe in meinem blauen Leinenschlafsack. Durch zwei Ausschnitte an der Seite ragen meine schwerelos umherdriftenden Arme.

Ich entsinne mich: Ich habe die erste Nacht im Weltraum hinter mir. Unser Shuttle Columbia bewegt sich auf einer fast idealen Kreisbahn in 300 Kilometer Höhe. Unter uns dreht sich die Erde in 90 Minuten einmal unter uns hindurch, über uns die unerhörte Lebensfeindlichkeit und Schwärze des Kosmos.

Ich liege also vor mich hinschwebend in der Koje, die gerade einmal so groß ist wie meine Schultern breit, die Stahldecke 30 Zentimeter vor meiner Nasenspitze. Die Beine muß ich mit meinen 1,86 Meter Körpergröße leicht anwinkeln.

Für einen guten Schlaf braucht der Körper das Gefühl, auf irgend etwas zu liegen. Deshalb drücken mich zwei breite Bänder über Füßen und Bauch gegen den Kojenboden. Ein zusätzliches Band schnürt meinen Kopf an das keilförmige Kissen. Denn nichts ist beim Schlafen so ungemütlich wie ein lose herumbaumelnder Kopf.

Von Zeit zu Zeit, wenn das Shuttle seine kleinen Vernier-Düsen feuert, um wieder die richtige Orientierung im All einzunehmen, schlägt es mich leicht an die Kojenwand. Es ist stockdunkel. Neben mir surrt der kleine Ventilator, der frische Luft in die Koje bläst - lebensnotwendige Luft. Denn, eine der Tücken der Schwerelosigkeit, wegen der im Weltraum fehlenden Luftkonvektion steht die Luft dort im wahrsten Sinne des Wortes. Das ausgeatmete Kohlendioxid vermischt sich nicht mit der umgebenden Raumluft, sondern bildet vor dem Mund eine unsichtbare Blase: Der Astronaut droht an seiner eigenen Atemluft zu ersticken.

Ich schließe noch einmal die Augen. Doch, was ist das: Plötzlich ein Lichtblitz, bei geschlossenen Augen! Auch andere Raumfahrer berichteten von solchen Erlebnissen, meist mehrere, direkt hintereinander. Vor allem während des Überfluges über Südost-Amerika, etwa über Argentinien, treten diese Lichtblitze häufig auf.

Es handelt sich dabei um den Einschlag hochenergetischer Elementarteilchen ins Auge. Normalerweise werden die aus dem Weltraum kommenden Teilchen durch das Erdmagnetfeld abgelenkt. Durch eine Schwäche des Magnetfeldes über Südost-Amerika können sie dort die Flugbahn von Raumschiffen kreuzen.

Die Teilchen, meist Protonen, fliegen beinahe mit Lichtgeschwindigkeit auf das Auge zu und dringen fast ungehindert in das Innere des Auges ein. Im Glaskörper, einem transparenten Gel, reißen sie Löcher in die Atomhüllen der Moleküle. Beim Wiederauffüllen dieser Löcher entsteht eine kleine Lichtwelle.

Ich öffne die Augen wieder und schiebe die Tür neben meiner rechten Schulter langsam auf. Es dringt Licht in die Koje. Deutlich erkenne ich zwei meiner Kollegen - auf dem Kopf stehend. Nicht nur sie, alles steht auf dem Kopf. Bis mir einfällt: Ich bin es, der verkehrt herum in der Koje liegt. Wegen der konisch zulaufenden Shuttlespitze ist meine Koje, die unterste der vier an der Shuttlewand angebrachten, auf dem Boden etwas kürzer als an der Decke. Deswegen ist hier, anders als bei den drei anderen, der Schlafsack an der Kojendecke angebracht.

Ich schlüpfe aus meinem Schuhkarton und schwebe zur Küche. Ich durchquere die etwa drei Meter des Middecks bis zur Kücheneinrichtung, einem ungefähr 70 Zentimeter breiten Schrank, der vom Boden bis zur Decke reicht.

Mein Magen knurrt, während ich aus der Vielzahl von Tüten und Schalen die Sachen herausfingere, die einen kleinen braunen runden Aufkleber tragen - meine Farbe hier an Bord. Müsli und Rührei sind in kleinen Plastikschälchen mit Abdeckfolie eingeschweißt, das Kaffeepulver samt Zucker in einer flachen Alutüte.

Erst braucht das gefriergetrocknete Rührei etwas Wasser. Das Schälchen schiebe ich in eine Aussparung der Küchenvorderseite. Über einen Dorn strömt warmes Wasser hinein, den Inhalt muß ich mit den Fingern walken, damit sich das Wasser gleichmäßig verteilt. Bis Rührei und Kaffee im Ofen warm sind, dauert es etwa 20 Minuten. Mit einer Mikrowelle ginge es schneller, aber die gibt es im Shuttle nicht: Sie könnte die Bordelektronik stören.

Also bleibt mir Zeit für die Morgentoilette. Die Toilette selbst ist eine ganz besondere Erfindung der Nasa. Sie hat so viele Entwicklungsstadien durchlaufen, daß alle Shuttletoiletten zusammen 24 Millionen Dollar gekostet haben. Doch ihre Zuverlässigkeit ist nicht nur aus Sicht der Astronauten wünschenswert. Ein Ausfall kann den Abbruch der ganzen Mission bedeuten.

Die Toilettenecke läßt sich mit einem Ziehharmonika-Vorhang vom Rest des Middecks abgrenzen. Für das kleinere Geschäft findet jeder Astronaut über der eigentlichen Toilette einen etwa schnapsglasgroßen Trichter mit seiner persönlichen Kennungsfarbe, kreisrund für die Herren, oval für die Damen.

Als erstes steckt man den Trichter auf das Ende eines langen flexiblen Schlauchs und schaltet dann den Unterdruckmotor an. Jeder Astronaut im Middeck kennt den Ton des hochlaufenden Motors nur allzu genau: Erreicht er seine Enddrehzahl nicht, gibt es Probleme. Wenn das Wechselventil auf »Schlauch« steht, saugt der Motor nun viel Luft durch den Schlauch. Alles weitere kann ich der Phantasie des Lesers überlassen. Nur soviel sei gesagt: Männer wie Frauen können dabei stehen. Doch Vorsicht: Wer keinen sicheren Halt hat, driftet durch die Gegend.

Die größeren Geschäfte verlangen mehr Zeit und Aufwand. Auch hier läuft der Unterdruckmotor, doch jetzt steht das Wechselventil auf »Toilette«. Nach entsprechender Vorbereitung schwebt man rücklings auf eine Art ausladenden Traktorsitz. Mehr als irgendwo sonst ist hier ein fester Sitz das A und O: Zwei beige Bügel pressen die Oberschenkel fest auf den Sitz. Wer auf Nummer Sicher gehen will, kann sich noch die beiden Füße unten festschnallen.

Jetzt läßt sich mit einem Hebel rechts neben dem Sitz ein etwa handtellergroßer Schacht öffnen - es entsteht ein Luftstrom, der alles, was sich im Bereich des Schachtes befindet, mit sich in einen Hohlraum reißt und dort fein säuberlich an den Wänden verteilt.

Probleme gibt es dennoch: Im Hohlraum nämlich wird nicht alles gleichmäßig verteilt. Es ist Aufgabe des Bordingenieurs, in gewissen Abständen alles mit einem langen Schaft zu verteilen. Um ihm das Leben zu erleichtern, hat die Nasa den Durchmesser des Schachts relativ klein gewählt und so die Kraft des Luftstroms gesteigert.

Für die Astronauten bedeutet das, daß sie vor dem Start an einer Trainingstoilette in Houston das Zielen üben müssen. Vor dem Flug vergewissert sich jeder Commander bei seinen Mitfliegern einzeln und persönlich, ob sie dieses Training auch durchgeführt haben.

Zurück zum Tagesprogramm: Solange Kaffee und Rührei im Ofen sind, kann ich mich waschen. Gegenüber der Toilette hängt an einem Schlauch die Spritzpistole für Wasser. Damit feuchte ich das Handtuch an und reibe etwas Seife hinein, wische meinen gesamten Körper ab und hänge das Handtuch zum Trocknen auf.

Als letztes die Zähne putzen: Zahncreme auf die Zahnbürste und bürsten. Und wohin damit? Die einen schlucken einfach - alles nur eine Sache der Gewohnheit - die anderen spucken in das bereits feuchte Handtuch.

Nach der Morgentoilette ist das Frühstück warm. Das Essen im Weltraum macht geradezu Spaß: Man muß Speisen und Flüssigkeiten nicht immer zum Mund führen, sondern kann sie vor sich her schweben lassen.

Nur die Luft macht Probleme: Auf der Erde sucht sich wegen der Schwerkraft die mit dem Essen und vor allem Trinken hinuntergeschluckte Luft den Weg nach oben. In der Schwerelosigkeit kann sie sich im Magen nicht vom Essen trennen, ihr bleibt nur der Weg zum anderen Ausgang. Weil sich dem keiner entziehen kann, ist es an Bord gemeinhin akzeptiert.

Astronauten sind in Deutschland eine seltene Spezies. Acht von ihnen waren bisher im Weltraum, der neunte, mein Kollege Reinhold Ewald befindet sich gerade auf der Mir-Station.

In Deutschland gab es bisher zwei Auswahl-Durchläufe für Raumfahrer: 1978 und 1987. Zu einem dritten wird es Ende der neunziger Jahre für die internationale Raumstation kommen. Ich erfuhr von der Ausschreibung über die Tagesschau. Wer aber mit Sicherheit nichts verpassen will, sollte im Internet unter http://www.dlr.de auf die Ankündigung warten.

Mit mir bewarben sich 1798 weitere Kandidaten - im Alter zwischen 6 und 80 Jahren. Anders als vermutet stand zunächst die wissenschaftliche, operationelle und psychische Leistungsfähigkeit im Vordergrund. Erst nachdem die Zahl der Bewerber auf nur noch 23 geschrumpft war, folgten die medizinischen Tests. Von den tagelangen Untersuchungen möchte ich nur zwei näher beschreiben: die Zentrifuge und den Drehstuhl.

Der Zentrifuge muß sich der Astronaut nur einige wenige Male unterziehen: Eingeschlossen in einer Gondel, werden die Probanden dabei an einem etwa fünf Meter langen Stahlarm herumgeschleudert, bis das Vielfache ihres Körpergewichts auf ihnen lastet. Das Ziel ist, festzustellen, ob der Kreislauf den Belastungen während des Starts standhält. Für den Fall, daß der Kandidat bewußtlos wird, hält er einen Tote-Mann-Schalter in seiner Hand, der automatisch die Zentrifuge stoppt, wenn die erschlaffende Hand sich vom Knopf löst.

Gefürchteter ist der Drehstuhl. Hinter diesem unscheinbaren Wort verbirgt sich die neuzeitliche Folter für Astronauten. Raumfahrtmediziner gehen davon aus, daß die Störungen des Gleichgewichtssystems, die dieser Drehstuhl erzeugt, vergleichbar sind mit denen in der Schwerelosigkeit. Wie die Schwerelosigkeit, so erzeugt auch diese Folter Übelkeit - allerdings kontrolliert dosierbar.

Die Prozedur ist einfach: Der Kandidat setzt sich mit abgedeckten Augen auf den absolut rüttelfreien Stuhl und wird angeschnallt. Danach wird der Stuhl in Drehungen versetzt. Wegen der Rüttelfreiheit nimmt der Kandidat die Drehung nach kurzer Zeit nicht mehr wahr, er hat das Gefühl, der Stuhl stehe fest auf dem Boden. Dann wird er aufgefordert, Kopf und Oberkörper in verschiedene Richtungen zu beugen. Erst jetzt merkt der Gleichgewichtssinn: »Hier stimmt etwas nicht.«

Er kommt mit den widersprüchlichen Sinnessignalen des Körpers ("Der Stuhl steht") und des Gleichgewichtsorgans ("Der Stuhl dreht sich") nicht zurecht und reagiert prompt: Kältegefühl, Schweißausbruch, Übelkeit, Erbrechen. Zwar reagiert der eine unempfindlicher als der andere, aber der Operateur hat alles im Griff. Er kann die Geschwindigkeit beliebig erhöhen, bis jeder soweit ist.

Für den, der nach monatelangen Tests zum Astronauten auserkoren ist, beginnt die zweijährige Basisausbildung. Weil die Erfahrung der Schwerelosigkeit im All so gänzlich anders als alles irdische Erleben ist, müssen alle Raumfahrer vor ihrem ersten Flug zudem an sogenannten Parabelflügen teilnehmen.

Auf dem Flugplatz Ellington Field, direkt neben dem Johnson Space Center, befindet sich eine umgebaute KC-135, eine fensterlose Militärversion einer Boeing 707. Mit etwa 10 bis 15 Kollegen nahmen wir auf den wenigen Sitzen im Heck der ansonsten komplett ausgeräumten Maschine Platz. Dann ging es hinaus über den Golf von Mexiko, wo der Pilot den Flieger in einen 45-Grad-Steigflug brachte.

Erst wenn er den Steuerknüppel leicht nach vorn drückt, geht es los. Als ob man im Auto mit großer Geschindigkeit über eine Bergkuppe fährt, so hat man jetzt das Gefühl abzuheben. Während das Flugzeug wie ein geworfener Stein antriebslos an Geschwindigkeit verliert und dann in die Tiefe schießt - wovon wir nichts mitbekommen, weil wir nicht nach draußen sehen können - sind wir wahrhaft schwerelos. Nach maximal 25 Sekunden fängt der Pilot das hinabschießende Flugzeug wieder ab und zieht es kräftig nach oben. Innen plumpsen wir auf den mit Schaumstoff ausgepolsterten Boden.

Nach fünf derartigen Parabeln legt der Pilot eine kleine Pause ein, korrigiert Flughöhe und Kurs, und schon geht es in die nächsten Parabeln, insgesamt 30 bis 40 am Tag, viermal die Woche.

Die Amerikaner nennen die KC-135 auch »Vomit Comet«, den »Kotzbomber« - und das aus gutem Grund. Denn in ihm lernt der zukünftige Raumfahrer, was Schwerelosigkeit für ihn bedeutet. Wie später im Weltraum reagiert der Körper prompt und entleert gewisse Körperinhalte in bereitgehaltene Tüten - eine nicht so erhebende, aber dennoch beeindruckende Erfahrung.

Mit Abstand die meiste Zeit verbrachten wir in Houston mit Notfalltraining: Simulationen des Notausstiegs vor dem Start, während des Aufstiegs, während oder nach der Landung. Selbst welche Fische wir bei einer Notwasserung im Pazifik essen dürften, wurde uns erklärt.

Kurz vor dem Flug liegt dann noch ein Kuvert im Postkasten: ein elfseitiges Formular, in dem für den Fall des Todes Angehörige, zuständige kirchliche Institutionen und Vermögensverhältnisse festgehalten werden, aber auch wo und wie beerdigt werden soll.

Der Starttag läuft ab wie ein Uhrwerk. Jeder Handgriff sitzt, jede Minute ist genauestens festgelegt und wurde von der Crew bis ins letzte Detail geübt.

Noch ein Uhrenvergleich, dann geht es los. Unter lautem Johlen der Zuschauer steigen wir in den Spezialbus, der uns zur Rampe bringt, vorbei am Startkontrollgebäude, dann weiter entlang dem Crawler Way, dem autobahnbreiten Weg für die gigantische Raupe, die das Shuttle befördert, bis zu einer der beiden Startrampen.

Ein Aufzug bringt uns auf die etwa 30 Meter hoch liegende Zugangsebene zum Shuttle. Wir schließen uns an die Apollokanister an, jene blauen Henkelmänner, groß wie Aktenkoffer, die wir ab sofort bis zum Einstieg mit uns herumtragen. Sie enthalten flüssigen Stickstoff, der den luftdichten Raumanzug über einen Schlauch angenehm erfrischend kühlt.

Das Lebensrettungssystem mit Fallschirm wird übergezogen, die Kappe mit eingebauten Kopfhörern und Mikrofonen aufgesetzt, schließlich koppeln wir uns vom Apollokanister ab. Ein kurzes Schulterklopfen, und mit einem letzten Wink an alle Zurückbleibenden kriechen wir auf allen Vieren durch die kreisrunde Öffnung in das Middeck des Shuttles.

Dort erwartet mich Troy, der mir helfen wird, rücklings in meinem Sitz Platz zu nehmen. Der Kopf samt Helm liegt etwas zu tief? Troy hat kleine Kissen bereit, die er mir in den Nacken legt. Die Wirbelsäule zuwenig in der Lendengegend unterstützt? Troy bläst ein kleines Lendenkissen auf, bis auch das stimmt.

Ich muß alles blind ertasten, denn der Helm und der starre Raumanzug versperren mir den Blick auf den Unterkörper. Genau wie jetzt habe ich vor einem Monat beim Training in diesem Sitz gesessen und alles peinlich genau bis sechs Sekunden vor dem Start durchgespielt.

Ein Heuchler, wer vorgäbe, nicht auch ein etwas ungutes Gefühl zu verspüren. Ich liege hier auf 2000 Tonnen hochexplosivem Treibstoff. Ich liege auf dem Rücken und schaue nach oben - auf die Kabinenwand über mir samt den darin angebrachten Schubladen. Sind sie sicher arretiert? Voll beladen wie sie sind, würden sie sich sonst durch die Vibrationen des Starts lösen und mich glatt erschlagen.

Wir sind jetzt allein auf uns gestellt, fest eingespannt in die Sicherheitsgurte. Keiner kann mehr helfen, wenn eine Druckstelle zur Qual wird. Und dann ist da noch das andere Problem beim Start. Jeder kann es selbst probieren: Legen Sie sich mit dem Rücken auf den Teppichboden und legen so viele Kissen unter Ihre Unterschenkel, bis die Oberschenkel senkrecht nach oben zeigen und Ihre Knie einen rechten Winkel bilden: die Startposition.

Dann warten Sie ganz einfach ab. Bald werden Sie empfinden, was die Mediziner den »Gauer-Henry-Reflex« nennen: Flüssigkeit stömt aus den Beinen in den Oberkörper. Sensoren in der Nähe des Herzens melden der Niere daraufhin: zuviel Flüssigkeit im Körper. Und die beginnt prompt zu arbeiten - und zwar kräftig. Zu Hause können Sie den Versuch nach 20 Minuten abbrechen, beim Start nicht.

Zudem ist es in dieser Stellung kaum möglich, dem Drang nachzugeben. Erst wenn man nach einer Stunde das Gefühl hat, die Blase platzt, geht es doch irgendwie, zwar unter anfänglichen Schmerzen, aber mit dem sich anschließenden Gefühl der Erlösung. Seit dem Jahr 1992 hat sich eine Pampers-Spezialanfertigung für Erwachsene bei der Nasa durchgesetzt.

Sechs Sekunden vor dem Abheben werden die drei Flüssigkeitstriebwerke am Shuttle gezündet. Die drücken die Spitze des Shuttles nach vorn, während Bolzen die Feststoffbooster noch am Boden halten. Die Astronauten schwingen wie in einer Schiffsschaukel etwa 1,5 Meter hin und her. Das Vibrieren und Schütteln des Shuttles geht durch Mark und Bein. Ich, der ich mit geschlossenem Visier und Kopfhörern auf den Ohren drinnen sitze, höre nichts von dem Gedonner, das den Zuschauern draußen das Zwerchfell erbeben läßt, und vom hellen, peitschenden Krachen der Feststoffbooster. Dann hören wir über Funk: »SRB ignition - Lift off« (Feststoffrakete Zündung - Abheben).

Die Feststoffraketen sind die Arbeitspferde, die das Shuttle durch die Wolkendecke drücken. Ihre Urgewalt bestimmt das Erlebnis der ersten zwei Minuten des Aufstiegs. Ihr leicht ungleichmäßiges Abbrennen versetzt dem Shuttle schnelle, starke Beschleunigungsschläge, die es durch und durch erschüttern. Es ist wie ein Ritt mit 100 Sachen über Kopfsteinpflaster.

Nur wenige Worte werden zwischen der Missionskontrolle und dem Commander gewechselt. Jeder der Beteiligten weiß: Dies sind die kritischsten Momente der ganzen Mission. Wenn jetzt etwas Unvorhergesehenes passiert, gibt es keine Rettung. Feststoffraketen sind wie Silvesterraketen, sie lassen sich nicht abschalten.

Die Kraft, mit der wir in den Sitz gepreßt werden, hat inzwischen langsam zugenommen. Kurz vor dem Abschlußbrand der Feststoffbooster, genau zwei Minuten nach dem Abheben, lastet auf uns das 1,8fache unseres irdischen Gewichts. Der Schub der ausgebrannten Booster geht schnell auf Null zurück, gleich darauf werden sie abgesprengt.

Der eine oder andere kann sich ein »Yeah« nicht verkneifen. Alle Probleme, die jetzt noch auftreten können, lassen sich irgendwie meistern. Nun erzeugen nur noch die Flüssigkeitsantriebe den Schub. Ihr Abbrand ist gleichmäßiger. Außerdem haben wir schon die dichten, turbulenteren Bereiche der Atmosphäre verlassen. Es sind kaum mehr Vibrationen zu spüren.

Nach insgesamt etwa 7,5 Minuten, wenn der riesige, rostrote externe Tank zu 90 Prozent entleert ist und das Shuttlesystem weniger als 200 Tonnen leicht geworden ist, drückt uns der Schub der drei Flüssigkeitsantriebe mit unserem dreifachen Gewicht in den Sitz. Ich muß mich zwingen zu atmen, nur mühsam kann meine Lunge den Brustkorb samt dem schweren Anzug nach oben stemmen.

Kurz bevor der Tank vollkommen leer ist, läßt der Commander wissen: »In 10 seconds we have MECO« (In 10 Sekunden werden die drei Hauptantriebswerke abgeschaltet). Innerhalb weniger Sekunden fährt er den vollen Schub auf Null herunter. Genauso plötzlich endet der Druck, mit dem wir in den Sessel gepreßt werden: Wir sind im Weltraum.

Bereits in der ersten Phase der Schwerelosigkeit beginnt das unangenehme Druckgefühl im Kopf, als wenn ich auf einem Berghang mit dem Kopf nach unten läge. Flüssigkeit schießt in den Kopf und findet keinen Abfluß, weil die Halsmanschette des Raumanzuges die Halsvenen abdrückt.

Jetzt kann ich mich des lästigen Raumanzuges entledigen, der nur zur Sicherheit beim Start und zur Landung dient. Aus einer Schublade hole ich ein T-Shirt, eine dieser blauen Hosen und - endlich - frische Unterwäsche.

Spätestens jetzt wird ein anderes Problem der Schwerelosigkeit offenbar: Vielen von uns wird bei jeder Drehung, bei jeder schnellen Kopfbewegung mulmig. Die Weltraumkrankheit hat zugeschlagen. Einziger Trost: Nach spätestens 36 Stunden ist alles vorbei.

Trotz allem erwacht Neugier in uns. Ich schwebe auf das Flugdeck, dort wo sich die Fenster des Shuttles befinden. Ich schaue hinaus und sehe - Wasser. Nichts als tiefblaues Wasser. Erst wer mit 28 000 Kilometern pro Stunde über den Pazifik fliegt und immer noch 25 Minuten für die Überquerung braucht, weiß, wie groß dieser Ozean ist.

Auch, was es bedeutet, daß der Durchmesser der Erde zwar 12 750 Kilometer beträgt, die Atmosphäre aber nur etwa 20 Kilometer dünn ist, begreife ich erst jetzt: Die irdische Schutzhülle erscheint wie eine hauchdünne Reifschicht, so zerbrechlich, daß man glauben könnte, jede Berührung müsse schwere Kratzer hinterlassen. In dieser gebrechlichen, zarten Schicht spielt sich all das ab, was wir Leben nennen - ein Balanceakt zwischen der undurchdringbaren Masse Erde und dem lebensfeindlichen Nichts des Alls.

Innerhalb nur weniger Minuten verschwinden die noch sichtbaren Strukturen in einem grau-schwarzen Einerlei. Anders als auf der Erde, verläuft der Sonnenuntergang hier oben zunächst unspektakulär. Die Sonne wird nicht, wie auf der Erde, durch die Atmosphäre optisch aufgebläht, sondern bleibt ein nur stecknadelkopfgroßer, stechend kleiner Strahler. Doch dann geht alles ganz schnell: Innerhalb von kaum 15 Sekunden durchläuft sie den dünnen Streifen der Atmosphäre und läßt ihn aufglühen. Eingebettet in die Regenbogenpalette der leuchtenden Atmosphärenschichten erkenne ich bizarre schwarze Wolkenstrukturen.

Es ist sechs Uhr morgens Houston-Zeit. Die Stadt ist als elektrisches Lichtermeer im Dunkel der Nacht zu erkennen. Unglaublich, welche Details ich sehen kann: die Ausfallstraße Highway 45, die ich meist nach einem Stadtbummel nach Hause fahre; kurz danach, mit dem Wagen 20 Fahrminuten entfernt, die Abzweigung zur Nasa Road 1. In einem der Wohnblocks dort unten, so weiß ich, befindet sich jetzt meine Familie. Sie kann unser Shuttle als leuchtenden Punkt über den dunklen Himmel ziehen sehen.

Nicht nur die unerwartete Fülle der Details, auch der grandiose Überblick ist überwältigend. Bald lernten wir, Kontinente an ihren Farben zu erkennen: Südamerika ist dunkelgrün. Afrika präsentiert sich in ockerbraunem Ton. Australien ist ein Kontinent in purpurrotem Gewand.

Die mir wohl meistgestellte Frage lautet: »Was war für Sie das Beeindruckendste Ihrer Mission?« Die Antwort darauf lautet: Neben dem faszinierenden Blick auf die Erde war es das Gefühl der Schwerelosigkeit.

Selbst bei den Parabelflügen während des Trainings bekam ich es nur sehr begrenzt mit. Zu beherrschend waren der schnelle Wechsel von Steigflug und Fall und die damit einhergehende Verwirrung der Sinne. Noch weniger vermochte das Tauchen beim Training das Gefühl im All zu vermitteln. Auch wenn wir unter Wasser die Augen schlossen, wußten wir noch, wo oben und unten ist.

Nein, das Gefühl der Schwerelosigkeit ist von ganz anderer Art. Anders als beim Parabelfliegen oder Tauchen ist man völlig unbeschwert. Wenn ich in Ruhe die Augen schloß und mich langsam durch den Raum driften ließ, Arme und Beine leicht angewinkelt, dann gab es nichts, was mich noch beeinflussen konnte.

Es war, als wiederhole sich ein Traum. In meiner Jugend träumte ich oft, ich liefe vor unserem Haus eine abschüssige Straße hinunter. Ich wurde leichter und leichter, und irgendwann hob ich ab und schwebte. Ich flog nicht, ich schwebte.

Zunächst fällt auf, daß etwas Wichtiges fehlt. Wo ist oben, und wo ist unten? Der Bezug zur Umgebung hat sich radikal gewandelt, und damit ändert sich mein Empfinden. Ich fühle mich nicht mehr in eine Welt eingebettet, die mich gerade noch umgab. Alles Sein reduziert sich nur noch auf mich. Ich habe das elementare Gefühl, allein zu sein. Ich bin die Welt - sonst nichts.

Diese Hinwendung auf das Ich läßt mich meinen Körper ganz neu erspüren. Nichts belastet mich mehr. Die Kleidung schwebt wie eine Hülle um den Körper. Das ist so eigenartig, daß ich mit den Schultern wackele, um zu fühlen, ob das Hemd noch da ist.

Aber auch die Last des eigenen Körpers ist verschwunden. Kein Körperdruck mehr auf den Fußsohlen. Die Arme liegen nirgendwo auf. Erst in dieser Situation erkenne ich, welchen Belastungen mein Körper auf der Erde ausgesetzt ist. Erst seither ist mir das kaum spürbare Herunterhängen der Wangen bewußt oder daß dieses leichte Schmetterlingsgefühl in meiner Magengegend vom Ziehen der Eingeweide unter dem Einfluß der Erdschwere herrührt.

Woran merke ich dann eigentlich noch, ob ich einen Körper habe? Die Antwort ist verblüffend: Es scheint so, als gäbe es ihn tatsächlich nicht mehr. Nichts deutet mehr auf ihn hin. Ein Sein ohne Körper. Das einzige, das mir bleibt, ist das Denken.

Auch nach der Landung spüre ich noch die Nachwirkungen des Erlebens im All. Ich will aufstehen - prompt fällt mein Körper wie ein nasser Sack wieder in den Sitz zurück. Ich fühle mich, als sei ich mindestens um die Hälfte schwerer geworden.

Schließlich stehe ich wieder auf meinen Füßen, atme tief durch - die Sauerstoffversorgung des Gehirns funktioniert noch nicht wieder so richtig. Angestrengt schnaufe ich und schließe unwillkürlich die Augen. Aber hoppla, ich muß mich festhalten, weil ich drohe umzukippen.

Nein, es war kein Schwindelgefühl wegen Sauerstoffmangels. Es ist das statische Gleichgewichtsorgan, die Macula, die nicht mehr richtig funktioniert. Sie meldet dem Gehirn, wie es die Beinmuskeln steuern muß, um den Körper senkrecht zu halten. In der Schwerelosigkeit - ohne Oben und Unten - hat sie ihre Aufgabe verlernt.

Ich mache die ersten Schritte, komme mir dabei vor wie ein auf den Hinterbeinen tapsender Bär. Die Ausstiegsluke liegt schräg links hinter meinem Sitz. Ich muß zunächst eine Körperdrehung nach links, dann wieder nach rechts vollziehen. Doch mein Körper will nicht, wie ich will. Bei jeder Drehung drohe ich umzukippen. Das dynamische Gleichgewichtsorgan, das mit der Macula eine Einheit bildet, erzeugt einen lästigen Kreiseleffekt.

Als ich draußen ankomme, nimmt mir ein Nasa-Techniker zunächst einmal den Camcorder aus der Hand - nicht aus Höflichkeit, sondern weil die Nasa das inzwischen vorschreibt. Zu viele dieser teuren, weltraumqualifizierten Geräte sind direkt nach dem Aussteigen zu Bruch gegangen.

Denn in der Schwerelosigkeit haben wir uns daran gewöhnt, einem Kollegen Gegenstände nicht mehr in die Hand zu drücken. Man wirft sie sich zu, im erlernten Vertrauen, sie flögen geradlinig weiter. Das macht der Camcorder jetzt natürlich nicht mehr, statt dessen fliegt er stracks vor die eigenen Füße.

Noch eine Zeitlang haben wir mit derartigen Problemen zu kämpfen. Wir sind inzwischen liegend in die medizinische Abteilung gefahren worden. Einer der schlimmsten Tests ist der Stehtest: einfach bewegungslos stehenbleiben, bis einem schwarz vor Augen wird. Der Körper hat verlernt, den Kreislauf im Stehen stabil zu halten, das Hirn wird nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt.

Nach dem Test tappe ich langsam den Korridor hinunter, wo ich eine reizende junge Schwester treffe, die ich nach der Toilette frage. »Gleich rechts, dort vorn.« Ich gehe noch die letzten paar Schritte, will schwungvoll die Kurve nehmen, kippe dabei aber fast um und - treffe die Türe nicht. Fast wäre ich direkt gegen den Türrahmen gelaufen. Ich schaue mich um: Hat mich jemand gesehen? Die nette Schwester lächelt verständnisvoll, und ich merke, wie ich einen roten Kopf bekomme.

Wenige Stunden später habe ich mich mit meinem irdischen Gewicht wieder abgefunden. Das statische Gleichgewichtsproblem verliert sich nach ein bis zwei Tagen. Nur die verflixte, vermasselte Kurvendynamik will lange nicht so recht. Selbst noch nach einer Woche hatte ich Probleme damit, zum Beispiel beim Fußballspielen, meiner großen Leidenschaft.

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Schnitt durch das Cockpit eines Space Shuttle

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Schnitt durch das Cockpit eines Space Shuttle

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* Während eines Parabelflugs mit der KC-135; Walter untersucht,ob sich für ein biologisches Experiment leere Behälter blasenfreimit Wasser füllen lassen.Walters Aufzeichnungen sollen im Sommer dieses Jahres beimStürz-Verlag erscheinen.* Im Raumlabor des Shuttle.* Während der D-2-Mission; im Blickfeld die hell beleuchteteKüste Floridas.

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