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GENTECHNIK Was ist Kunst am Leucht-Kaninchen?

Ingeborg Reichle, 32, Kunsthistorikerin an der Berliner Humboldt-Universität, über die »transgene Kunst« des Amerikaners Eduardo Kac, der an diesem Montag in Berlin die Vortragsreihe »Neue Wege zur Wissenschaft« der Schering Stiftung eröffnet
aus DER SPIEGEL 43/2003

SPIEGEL: Die Kunst von Eduardo Kac gibt sich streng wissenschaftlich. Angeblich hat er das Kaninchen Alba durch Einschleusen eines Fluoreszenz-Gens zum Leuchten gebracht - zumindest präsentierte er der Öffentlichkeit das unter Schwarzlicht grün strahlende Tierbild. Kann so etwas wirklich funktionieren?

Reichle: Das ist genau das, was Wissenschaftler mich immer als Erstes fragen. In der Tat könnte es durchaus sein, dass es das berühmte Skandal-Kaninchen Alba gar nicht wirklich gibt - zumindest nicht so, wie wir es auf dem von Kac angefertigten Bild zu sehen bekommen. Forscher, mit denen ich darüber gesprochen habe, haben mir zum Beispiel gesagt, dass eigentlich nur die Haut und nicht das ganze Fell des Kaninchens leuchten dürfte. Wie Alba wirklich aussieht und ob es das Tier überhaupt gibt, werden wir wohl nie erfahren, denn es ist vom Genlabor nie ausgeliefert worden. Ich als Kunsthistorikerin denke allerdings, dass es überhaupt nicht entscheidend ist, ob Kacs Kreaturen alle wirklich entstanden sind. Für mich ist Kacs künstlerisches Konzept wichtig: Was will uns der Künstler damit sagen?

SPIEGEL: Sie haben über Kacs Kunst gerade Ihre Doktorarbeit geschrieben. Wie lautet Ihre Antwort?

Reichle: Als Künstler will Kac die Gentechnik aus dem Labor in die Öffentlichkeit und in unseren Alltag tragen. Ihn interessiert: Was passiert, wenn wir das tatsächlich tun? Schon als er nur ankündigte, das Gen-Kaninchen Alba mit nach Hause in seine Familie nehmen zu wollen, gab es massive Proteste von Tierschützern. Diese Reaktionen sind das, was seine Kunst ausmacht.

SPIEGEL: Kacs transgene Werke stammen aus den Jahren 1999 bis 2001. Wirkt der naive Glaube an die schier unbegrenzten Möglichkeiten der Genmanipulation nicht heute schon wieder antiquiert?

Reichle: Mich stört tatsächlich, wie unkritisch Kac Metaphern aus der Gen-Hype-Zeit übernommen hat. Zum Beispiel nennt er das Erbgut schwärmerisch das »Buch des Lebens«. Dass das alles viel komplizierter ist, zeigen uns die Epigenetiker, die davon ausgehen, dass die Gene nur Marionetten sind in den Händen von Proteinen, die sie an- oder abschalten können.

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