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ARCHÄOLOGIE Welt aus Glas

aus DER SPIEGEL 29/2001

Colonia, das antike Köln, gibt Rätsel auf. In der Spätzeit stieg die Stadt zu einer der reichsten Metropolen des Römischen Reichs auf. Zahlreiche Glasbläser lebten in der luxuriösen Festungsstadt, Batterien von Schmelzöfen wurden in der Innenstadt ausgegraben. Doch wie schufen die Urdeutschen ihre Kunstwerke? Flüssiges Glas entsteht erst bei 1300 Grad Hitze. Die kleinen Schmelzöfen in der Provinz Germania erzeugten aber nur Temperaturen von 1000 Grad. Nun zeichnet der Hamburger Experte Fritz Seibel ein völlig neues Bild vom gläsernen Handelskosmos in der Antike. Seibel zufolge importierte der Norden die Rohware aus Judäa, Ägypten und Palästina. Ausschließlich im Wadi Natrun, westlich der Pyramiden, fanden sich natürliche Vorkommen an Soda, das für die Verflüssigung des Glases unabdingbar ist. Und nur am Belus-Fluss in Palästina lagert jener feine Sand, der genau den richtigen Kalkanteil besitzt.

Diese Naturstoffe schmolzen die Handwerker im Heiligen Land und am Nil in Wannenöfen zu Rohglas und schreckten die glühende Masse in Wasser ab. Dabei entstehen Klumpen, die wie Kandiszucker aussehen und bei nur 800 Grad wieder aufgeschmolzen werden können. Über den Hafen Alexandria gelangte das Schüttgut bis nach Köln oder York (Britannien). In der Archäologie hat die neue These ein starkes Echo ausgelöst. Bislang galt die Lehrmeinung, die Mundbläser aus Köln hätten mit »heimischen Rohstoffen« gearbeitet. »Totaler Unsinn«, meint Seibel, »hinter den antiken Glasmachern stand ein Handelsnetz mit Kaufleuten aus drei Kontinenten.«

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