520 Tage eingesperrt Zum Mars für eine handvoll Euro

Jung, fit, bestens ausgebildet und 520 Tage lang eingepfercht: Die Esa sucht Freiwillige für eine gespielte Reise zum Mars. Gefragt sind echte Space-Idealisten - denn die Bezahlung wird wohl niemanden in die Metalltanks vor Moskau locken.

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Die Ausschreibung hat es in sich: Die Bewerber sollen zwischen 25 und 50 Jahre alt, körperlich fit und hoch motiviert sein. Sie müssen über Ausbildung und Berufserfahrung in Medizin, Biologie, Maschinenbau, Computer- oder Elektrotechnik verfügen oder aber Experten für Lebenserhaltungssysteme sein. Ferner müssen sie Englisch oder Russisch fließend sprechen und freiwillig an medizinischen und psychologischen Untersuchungen teilnehmen. Das alles 520 Tage lang rund um die Uhr, eingesperrt in drangvolle Enge mit fünf Leidensgenossen - für ein Monatsentgelt von 3600 Euro brutto.

Nachgestellte Reise: Hier simulieren US-Forscher das Leben auf dem Mars in der Wüste von Utah. So viel Freiheit werden die Teilnehmer der Esa-Studie nicht genießen
DPA

Nachgestellte Reise: Hier simulieren US-Forscher das Leben auf dem Mars in der Wüste von Utah. So viel Freiheit werden die Teilnehmer der Esa-Studie nicht genießen

Keine Frage, die europäische Raumfahrtagentur Esa sucht Idealisten. Ab sofort bis zum 30. September können sich Interessenten für das Projekt "Mars 500" bewerben, wie die Esa auf der Luftfahrtmesse in Le Bourget bei Paris verkündete. Sechs Menschen sollen sich 520 Tage lang in 200 Quadratmeter großen, mit Technik vollgestopften Metalltanks auf eine simulierte Reise zum Mars begeben. In der Praxis heißt das: Mit den immer gleichen Menschen auf engstem Raum eingepfercht sein und tun, was man eben so tut an Bord eines Raumschiffs unterwegs zum Mars. Zwei weitere sechsköpfige Gruppen sollen die Tortur jeweils 105 Tage lang über sich ergehen lassen.

Das Experiment dürfte zu den ehrgeizigsten seiner Art in der Raumfahrtgeschichte zählen. Abgesehen von sogenannten Bedrest-Studien, bei denen Freiwillige zur Simulation der Schwerelosigkeit teils Monate im Bett verbringen, hat es bisher nur wenige nachgestellte Weltall-Reisen von vergleichbarer Länge gegeben.

Realismus ist alles

Die Dauer gehört zum Realismus des Experiments, denn die Reise zum Mars und die Rücktour dauern mit heutiger Raumschifftechnik fast zwei Jahre - eine Zeit, in der die Frauen und Männer an Bord auf sich gestellt sind. Wie schwierig das sein kann, zeigen unter anderem die jüngsten Überlegungen der US-Raumfahrtbehörde Nasa zum Thema Sex und Tod im All. Geplant sind bei dem Esa-Test simulierte Notfälle. Als zusätzliche Schwierigkeit kommen Verzögerungen von bis zu 40 Minuten bei der Kommunikation zur "Bodenstation" hinzu. Unter den Testteilnehmern soll sich mindestens ein Arzt befinden, zudem Ingenieure und Wissenschaftler.

Bei jedem Test werden vier Russen und zwei Teilnehmer aus den Esa-Mitgliedstaaten an Bord sein. Für jeden von ihnen muss zudem ein Ersatz-Teilnehmer bereit stehen - die Esa sucht also insgesamt zwölf Freiwillige.

Wie leicht sie sich finden lassen, ist offen. Denn zu den 105 bzw. 520 Tagen Missionsdauer kommen die Ausbildung davor und diverse Tests danach. "Es könnte sein, dass manche Effekte noch nach einem Jahr oder später sichtbar sind", ließ die Esa wissen. Man werde die Teilnehmer deshalb "nach ihrer Rückkehr beobachten".

Keine größeren Chancen auf echte Weltraum-Mission

Das klingt nicht nur etwas beunruhigend, sondern auch beinahe so, als flögen die Möchtegern-Raumfahrer tatsächlich ins All. Davon aber kann keine Rede sein, denn nach Angaben der Esa gilt die Teilnahme an der Trockenübung - die übrigens in einer Vorstadt von Moskau stattfinden soll - nicht als Empfehlung für eine echte Weltraum-Missionen.

Die Freiwilligen würden zwar "nach ähnlichen Kriterien ausgewählt, wie sie beim Auswahlverfahren für Esa-Astronauten gelten", betonte die Raumfahrtagentur. Das Hauptgewicht liege "auf psychologischen Faktoren und Widerstandsfähigkeit gegen Stress". Doch eine größere Chance, einmal ein echter Astronaut zu werden, haben die Test-Teilnehmer nicht: Beide Auswahlverfahren haben nichts miteinander zu tun, teilte die Esa auf Anfrage mit.

120 Euro am Tag sollen die Teilnehmer des Langzeittests bekommen, wie Esa-Forscher Marc Heppener in Le Bourget ankündigte. Das wären 43.800 Euro im Jahr. Es drängt sich die Frage auf, warum sich ein Mensch mit eingangs erwähnter Top-Ausbildung eineinhalb Jahre lang rund um die Uhr einsperren lassen sollte, während er in Freiheit leicht das Doppelte verdienen könnte - von Urlaub, Wochenenden und Feierabend ganz zu schweigen.

Hartgesottene Idealisten gesucht

"Nur für das Geld macht das sicherlich niemand", sagte ein Esa-Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. "Dieser Aufruf richtet sich an Leute, die am Thema Raumfahrt und Forschung im All interessiert sind." Freunden trashiger Fernsehformate könnten derweil ganz andere Dinge in den Sinn kommen. Selbst Esa-Mann Heppener hatte im Vorfeld Ähnlichkeiten zu Reality-TV-Shows eingeräumt. "Man kann das durchaus so sehen", sagte er. Sowohl beim Mars-Experiment als auch in Shows à la "Big Brother" gehe es um das Zusammenleben zwischen Menschen in unterschiedlichen Situationen.

"Aber das hier", betonte Heppener, "ist ein ernsthaftes wissenschaftliches Experiment." Außerdem sei es der einzige Weg, sich angemessen auf eine Langzeit-Mission im All vorzubereiten. "Wenn man so will, gibt es sogar einen Preis", meint Heppener. "In einer realen Mission wäre man der erste Mensch auf dem Mars."

mit Material von AFP

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