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Raumfahrt: Die Macht der Traditionen

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ISS-Kommandant Alexander Gerst Ein Deutscher auf Gagarins Spuren

Von derselben Rampe wie einst Raumfahrt-Ikone Jurij Gagarin startet nun Alexander Gerst ins All. Zuvor muss der Deutsche eine lange Liste bizarrer russischer Rituale abarbeiten.
Aus Baikonur berichtet Christoph Seidler

Der Flug in den Weltraum beginnt mit einem Bürobesuch. Im Sternenstädtchen nahe Moskau hat Russlands Raumfahrtbehörde Roskosmos das Arbeitszimmer von Jurij Gagarin wie in einer Art Zeitkapsel konserviert. Als könnte der im März 1968 viel zu früh verstorbene Nationalheld gleich zur Tür hereinkommen, so sieht hier alles aus. An der einen Wand eine riesige Landkarte, an der anderen Porträts vom Raumfahrtvisionär Konstantin Ziolkowski und dem legendären Raketenbauer Sergej Koroljow.

Auf dem schmalen Besprechungstisch wird regelmäßig ein Gästebuch ausgelegt. Darin tragen sich all die Raumfahrer ein, die mit einer "Sojus"-Kapsel ins All fliegen. Auch der aus Deutschland stammende Esa-Astronaut Alexander Gerst war Mitte Mai dort, nach seiner Abschlussprüfung im Raumfahrertraining.

Die Mission "Horizons"

Alexander Gersts zweiter Flug ins All, die Mission "Horizons", startet am Mittwoch um 13.12 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. Die Mission dauert voraussichtlich bis zum 12. Dezember. Während des zweiten Teils seines Aufenthalts wird er als erster Deutscher das Kommando auf der ISS übernehmen. Auf dem wissenschaftlichen Programm stehen 67 europäische Experimente, 41 von ihnen kommen aus Deutschland.

Für Gerst geht es am Mittwoch nun zusammen mit dem Russen Sergeij Prokopjew und der Amerikanerin Serena Maria Auñón-Chancellor zur Internationalen Raumstation. Der Besuch in Gagarins Büro war für ihn einer von vielen Programmpunkten, auf die man in Russland vor jedem Start viel Wert legt.

Einige dieser Traditionen, wenngleich nicht alle, haben mit Gagarin zu tun, dem ersten Menschen im Weltall. Auf ihn ist man in Russland bis heute stolz, an vielen Stellen im Sternenstädtchen, aber auch am Weltraumbahnhof Baikonur ist das Andenken an ihn mit Händen zu greifen.

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Raumfahrt: Die Macht der Traditionen

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Für Russlands Raumfahrer und ihre zahlenden Gäste ist Gagarin bis heute eine Art Übervater. Seiner gedenken sie auch, wenn sie einige Wochen vor ihrem jeweiligen Start Blumen an der Kremlmauer niederlegen. Hier ruht die Asche des Helden, ebenso wie die seiner im Einsatz verstorbenen Kollegen Wladimir Komarow ("Sojus 1") sowie Georgi Dobrowolski, Wiktor Pazajew und Wladislaw Wolkow ("Sojus 11").

Gerst, Prokopjew und Auñón-Chancellor waren Mitte Mai mit Nelken hier. Auch das ein Muss auf dem Weg ins All. Gelöster ging es beim traditionellen Abschiedsfrühstück im Sternenstädtchen zu, vor dem Abflug der Crew und ihrer Ersatzmannschaft zum Weltraumbahnhof Baikonur. Ehemalige und im Dienst befindliche Kosmonauten kommen zu diesem Anlass gern vorbei, mit Tipps und guten Wünschen für die Mannschaft. Gerst und seine Kollegen wurden sogar von Walentina Tereschkowa verabschiedet, der ersten Frau im Weltall.

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Astronaut Gerst: Der Countdown läuft

Foto: Joel Kowsky / NASA via AP

Einmal wie immer, bitte! Man kann das strikte Beharren der Russen auf solchen Raumflugritualen für Aberglauben halten. Aber das würde verkennen, wie wichtig die Tradition für das Raumfahrtprogramm eben ist. Und nirgendwo lässt sich das besser fühlen als am Weltraumbahnhof Baikonur, wohin die "Sojus"-Besatzung etwa zwei Wochen vor dem Start fliegt.

Das wissenschaftliche Programm (Auswahl)

"Myotones" ist eines der medizinischen Experimente, an denen Gerst teilnehmen wird. Wissenschaftler wollen damit die biomechanischen Eigenschaften des ruhenden menschlichen Muskels untersuchen. Die Ergebnisse sollen auch in die Rehabilitation nach Knochenbrüchen einfließen.

In der einst streng abgeriegelten Stadt ziehen sie immer am gleichen Ort ein, dem "Cosmonaut"-Hotel. Gagarin hat hier noch nicht geschlafen, aber dazu gleich mehr. Ach ja, und als Gagarin flog, hieß der Ort in der Steppe auch noch nicht Baikonur, sondern Tjuratam.

Das "Cosmonaut"-Hotel ist bis zum Start der Raumfahrer jedenfalls ihr Zuhause. Nach anstrengenden Monaten des Trainings haben sie hier eine vergleichsweise entspannte Zeit, auch wenn sie - aus Angst vor Viren und Bakterien - nur eingeschränkt Besuch empfangen dürfen. Dafür haben sie Zeit, um zum Beispiel das Museum des Kosmodroms zu besuchen. Auf dem Gelände stehen auch zwei kleine weiße Häuser, in einem wohnte Konstrukteur Koroljow, im anderen soll Gagarin die Nacht vor seinem Start verbracht haben.

Gagarins Haus in Baikonur (im Mai 2014)

Gagarins Haus in Baikonur (im Mai 2014)

Foto: Christoph Seidler

Am Hotel zieht die Besatzung auch die Fahnen ihrer Heimatländer auf, Anfang letzter Woche war das soweit. Und hinter dem Gebäude, in unmittelbarer Nähe des Flusses Syrdarja, gilt es noch einen weiteren Punkt auf der langen Liste der Traditionen zu absolvieren. Hier pflanzen die Raumfahrer einen Baum - weil das, Sie ahnen es, Gagarin so gemacht haben soll.

Längst ist auf dem Areal eine Allee der Kosmonauten gewachsen. "Es war ein Gänsehautmoment, ein Blatt des Baumes liegt bei mir zu Hause im Regal", hat Gerst die Pflanzaktion nach seinem ersten Start beschrieben. Dass seine Pappel von damals bis heute eher überschaubar aussieht - geschenkt. Mitte vergangener Woche hat er seinen Mannschaftskollegen, im Gegensatz zu ihm beides All-Neulinge, beim Pflanzen ihrer Bäume geholfen.

Allee der Kosmonauten in Baikonur (im Mai 2014)

Allee der Kosmonauten in Baikonur (im Mai 2014)

Foto: Christoph Seidler

Nicht alle der frischen Setzlinge überleben freilich das harte Klima der kasachischen Steppe, die eiskalten Winter und die brennend heißen Sommer ohne Regen. Notfalls werden junge Bäume wohl stillschweigend ersetzt. Bei aller Tradition braucht es manchmal auch etwas Pragmatismus.

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Bei einer anderen Sache sind die Russen freilich eisern: Die Crew sollte niemals dabei sein, wenn ihre Rakete genau zwei Tage vor dem Start per Eisenbahn aus einer Werkhalle zum Startplatz gebracht wird - das, so heißt es, bringt Unglück. Am Montagmorgen war es soweit.

Glück dagegen, soll es bringen, wenn Zuschauer dieser Zeremonie Kleingeld auf die Eisenbahnschienen legen, das dann von Lok und Anhängern plattgewalzt wird. Allerdings sehen das die Wachleute überhaupt nicht mehr gern.

Eine "Sojus" auf dem Weg zur Startrampe (im Mai 2014)

Eine "Sojus" auf dem Weg zur Startrampe (im Mai 2014)

Foto: Christoph Seidler

Die Rakete wird, das ist erst seit Mitte der Neunzigerjahre Tradition, vor dem Start von einem russisch-orthodoxen Priester gesegnet. Und gesegnet wird später auch die Crew, so sie das will, wenn sie das "Cosmonaut"-Hotel verlässt. Zumindest beim letzten Mal hatte Gerst nichts dagegen, so wird es wohl auch diesmal passieren.

Aber vorher gibt es traditionell noch so einiges zu erledigen. Zwei Tage vorm Start geht's, wie einst Gagarin, zum Friseur. Im Fall von Alexander Gerst…, naja, egal. Dann steht noch eine Pressekonferenz an, zu absolvieren hinter Glas. Wieder aus Angst vor Keimen.

Dann, am Abend vor dem Start, gibt es einen weiteren fixen Programmpunkt: Zusammen mit ihren engsten Familienangehörigen sehen sich die Raumfahrer den Film "Weiße Sonne der Wüste" an. Der 1969 gedrehte sowjetische Western, ein Eastern also, gilt als Kultfilm - wenngleich es Menschen gibt, die ihn eher langatmig finden.

Egal, wer seit den Siebzigern von Baikonur aus ins All geflogen ist, hat den Streifen höchstwahrscheinlich gesehen. So will es die Tradition. Und so verhält es sich auch mit dem Brauch, dass die Raumfahrer vor dem Auschecken aus dem "Cosmonaut"-Hotel ihre Zimmertüren signieren - auch wenn sie wegen Umbaumaßnahmen in diesem Jahr ihre Unterschrift in Wahrheit aktuell auf eine andere Tür setzen - und dass sie, auch seit den Siebzigern, zu einem schmissigen Rocksong der Band Zemlyane, Erdlinge heißt das, nach draußen laufen.

Zwei getrennte Busse - Tradition!- bringen Crew und Ersatzmannschaft dann auf das Gelände des Kosmodroms. Dort, im Gebäude 254, müht sich die Besatzung einer nach dem andern in ihre weißen Raumanzüge. Hinter verschlossenen Türen gibt es noch einmal eine Verabschiedung von den Familien. Dann treten die drei nach draußen, vor dem Gebäude sind blau-weiße Quadrate auf dem Boden. Dort müssen sie stehen und sich bei russischen Verantwortlichen den offiziellen Startbefehl abholen.

Getrennte Busse für Besatzung und Backup-Crew (im Mai 2014)

Getrennte Busse für Besatzung und Backup-Crew (im Mai 2014)

Foto: Christoph Seidler

Wenig später kommt die Sache mit dem Pinkeln. Auch sie hat mit Gagarin zu tun. Der soll unmittelbar vor seinem Start am 12. April 1961 nämlich um eine Pause gebeten haben. Und sich in selbiger am rechten Hinterrad des Busses erleichtert haben. Ob es stimmt? Schwer zu sagen.

Genauso schwer ist es zu sagen, wie viele Raumfahrer seit dem tatsächlich diesem Geschäft nachgegangen sind. Wichtig zu wissen: Man müsste dafür den Raumanzug öffnen, ihn wieder zumachen - und danach den obligatorischen Drucktest absolvieren.

Und daher, so hört man, wird eben viel so-getan-als-ob. Astronautinnen dürfen Pipi in einem Reagenzglas mitbringen, wenn sie mögen. Bei winterlichen Starts soll es aber auch schon mal Kommandanten gegeben haben, die eine direkte Fahrt zur Startrampe angewiesen haben.

Dort gibt's dann die letzte Verabschiedung - gegebenenfalls inklusive einem freundlichen Tritt in den Hintern vom Roskosmos-Chef. Das ist übrigens seit kurzem der - nicht ganz unumstrittene - frühere Vizeregierungschef Dmitrij Rogosin. Wenn die Crew mit dem Aufzug zur Raketenspitze gefahren ist, steigen die drei nacheinander ein. Alexander Gerst, der Co-Pilot, sitzt links in der Kapsel, klettert deswegen als erster hinein und fährt die Systeme hoch.

Wenn dann alle an ihrem Platz sind, heißt es warten bis zum Start. Die Crew darf sich Musik wünschen, damit die Zeit nicht lang wird. Gersts aktuelle Hitliste ist eine eklektische Mischung, von Sido und Andreas Bourani ("Astronaut") über Kraftwerk ("Die Mensch-Maschine") bis Hannes Wader ("Heute Hier Morgen Dort").

Dann zündet irgendwann die Rakete, mit 26 Millionen PS geht es ins All. Ach ja, wann man in der Schwerelosigkeit angekommen ist, stellt die "Sojus"-Crew übrigens mit einem Spielzeug fest. Eine letzte Tradition. Am Mittwoch, zum Beispiel, ist es so: Wenn WM-Maskottchen Zabivaka, ein Wolf mit Sonnenbrille, und die Maus aus der ARD-Kindersendung durch die Kabine schweben, haben Gerst, Prokopjew und Auñón-Chancellor die Erde erfolgreich verlassen.

Video: 166 Tage im Weltall - Mit Alexander Gerst auf der ISS

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