Militärischer Raketenstart Amateur-Astronomen belauschen iranischen Satelliten  

Das US-Militär will den Start des ersten iranischen Militärsatelliten als Kleinkram abtun. Das sei nichts als eine "taumelnde Webcam im Weltraum", so ein General. Doch Amateurastronomen sprechen von einem Erfolg.
Start der Rakete mit dem Satelliten "Nur" an Bord in der vergangenen Woche

Start der Rakete mit dem Satelliten "Nur" an Bord in der vergangenen Woche

Foto: Uncredited/ dpa

Schon einmal in seinem Leben war Robert Simmon ziemlich verblüfft. Das war im Sommer 2007, als sich der damalige Nasa-Angestellte gerade sein erstes iPhone gekauft hatte. Auf dem Sperrbildschirm sah er eine Ansicht, die er sehr gut kannte : Es war eine Visualisierung der Erde, er hatte sie im Rahmen seines Jobs bei der US-Weltraumbehörde erstellt.

Das Bild hieß "Blue marble", also blaue Murmel, und war ein bisschen zu schön , um echt zu sein. Deswegen erkannte er es wieder. Simmons Arbeit war aus US-Steuermitteln finanziert, deswegen kann jeder das Material kostenlos einsetzen. Bis heute. Apple hat trotz millionenfacher Verwendung keinen Cent gezahlt.

"Nie erwartet, dass ein Bild von mir die Spitze einer iranischen Rakete zieren würde"

Die vergangene Woche brachte für Simmon, der inzwischen beim Satellitenbetreiber Planet arbeitet, nun eine ähnlich große Überraschung: Als die iranischen Revolutionsgarden am Mittwoch vom Startplatz Schahrud eine Rakete ins All schossen, war darauf ein Logo gut zu erkennen. Es zeigte den an Bord befindlichen Satelliten "Nur", das heißt Licht, mit einem Bild der Erde im Hintergrund.

Es war ein Werk, das Simmon wieder einmal gut kannte: "Als ich mit der Fernerkundung und Datenvisualisierung begann, hätte ich nie erwartet, dass ein Bild von mir die Spitze einer iranischen Rakete zieren würde."   

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Seit vergangenen Mittwoch kreist "Nur" nun um die Erde, als erster iranischer Militärsatellit. Im US-Himmelskatalog ist er unter der Nummer 45529 verzeichnet. Für das Regime in Teheran, das gerade mit einem besonders schweren Corona-Ausbruch kämpft, ist es ein Prestigeerfolg. Die USA dagegen bemühen sich, die Sache kleinzureden. "Es ist eine taumelnde Webcam im Weltraum; es ist unwahrscheinlich, dass sie Informationen liefert", erklärte Jay Raymond, verantwortlicher General der U.S. Space Force.

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Marco Langbroek gehört zu den Menschen, die das etwas anders sehen. Der Archäologe und Amateur-Astronom hält von seinem Haus im niederländischen Leiden aus regelmäßig Ausschau nach Interessantem am Himmel. Sogar ein Asteroid ist nach ihm benannt. Regelmäßig beobachtet der Himmelsgucker geheime Spionagesatelliten und macht hochauflösende Fotos von Raumkapseln. Unmittelbar vor dem Telefonat mit dem SPIEGEL am Montagvormittag hat er, wie er sagt, gerade wieder einmal die Internationale Raumstation vom Boden aus aufgenommen.

Am Sonntag, so sagt Langbroek, habe er außerdem interessante Radiopulse registriert. Er sei sich sicher, dass sie vom iranischen "Nur"-Satelliten stammen. "Er strahlt ein starkes Signal auf der Frequenz 401,5 Megahertz ab, das sogar mit vergleichsweise einfacher Technik zu detektieren ist." Alle zehn Sekunden schicke der Flugkörper, dessen Bahn bekannt sei, solch ein Datenpaket zur Erde.

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Wenn man sich die Informationen des Satelliten näher ansehe, sagt Langbroek, gebe es keine Hinweise, dass dieser orientierungslos durchs All schlingere. Egal, was die Amerikaner behaupteten: "Wir sehen keine Variationen im Signal, da taumelt gar nichts. Der Start war ein Erfolg."

Doch es gibt eine wichtige Frage, die der Amateur-Astronom derzeit noch nicht beantworten kann: Was macht "Nur" eigentlich in seinem Orbit in rund 430 Kilometer Höhe? Die Iraner erklärten nach dem Start, es handle sich um einen "Multifunktionssatelliten". Die Vermutung liegt nahe, dass er eine Kamera an Bord hat, harte Beweise dafür gibt es allerdings nicht.

Offenbar handelsübliche Bauteile verwendet

Der Satellit passiere etwa alle vier Tage denselben Punkt auf dem Boden, sagt Langbroek, allerdings nicht immer beim selben Sonnenstand. Die jeweils unterschiedlichen Beleuchtungsverhältnisse könnten das Vergleichen von aufgenommenen Bildern daher schwierig machen. Die Bahnneigung verrate, dass "Nur" die Erde zwischen 60 Grad Nord und 60 Grad Süd überfliege.

Zwischen den einzelnen Satellitenbahnen liegen Langbroek zufolge jeweils etwa 20 Breitengrade, am Äquator entspricht das einer Entfernung von 2220 Kilometern. Womöglich schicke er über iranischem Staatsgebiet die von ihm gesammelten Daten dann zur Erde. Eine Bodenstation gibt es unter anderem in der Stadt Täbris.

US-Amateurastronomen erklärten am Wochenende, sie hätten sogar die Telemetriedaten des iranischen Satelliten decodieren können. Demnach hätten die Iraner für den Bau handelsübliche Bauteile für sogenannte Cubesats verwendet. Das sind vergleichsweise preiswerte Mini-Satelliten, die vor allem im Hochschulsektor gern verwendet werden. Aber auch kommerzielle Anbieter nutzen die Technik, die mit der Vermarktung von Satellitendaten Geld verdienen wollen.

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Dass "Nur" ein vergleichsweise kleiner Satellit ist, steht außer Frage. Den Angaben des US-Generals Raymond zufolge wäre er etwa 34 mal 10 mal 10 Zentimeter groß. Der US-Astronom Jonathan McDowell vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics hält ihn jedoch für doppelt so groß, also 34 mal 22 mal 10 Zentimeter. Denn das ist das Maß, das sich aus dem Logo auf der Rakete rekonstruieren lässt, für das auch Simmons Bild verwendet wurde.

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Mit einem optischen Teleskop konnte Amateur-Astronom Langbroek nach eigener Auskunft bereits die dritte Raketenstufe der Iraner als leuchtenden Punkt am Nachthimmel beobachten. Den Satelliten selbst habe er bisher noch nicht gesehen. Aber dass ihm auch das gelinge, halte er für möglich.

Rakete ist strategisch wichtiger als der Satellit

Dass der Satellit so klein sei, sage nicht viel über dessen Einsatzmöglichkeiten aus, sagt der Niederländer. "Selbst wenn er nur einfache Technik beinhalten sollte, kann er seinen Aufgaben gut gewachsen sein." Wer einfach nur Fotos machen wolle, für den reiche ein Gerät dieser Größe aus. "Eine Menge Länder machen interessante Sachen mit einfacher Technologie", lautet Langbroeks Fazit.

Die strategische Bedeutung des Starts vom Mittwoch liegt ohnehin wohl eher bei der Rakete. Die Neuentwicklung der Revolutionsgarden basiert auf einer ersten Stufe mit Flüssigantrieb, die sich auf eine nordkoreanische Rakete des Typs "Nodong" zurückverfolgen lässt. Die Oberstufen werden dagegen mit Feststoff angetrieben. Die iranischen Paramilitärs erklärten, man arbeite an komplett mit Feststoffantrieb ausgestatteten Modellen.

Solche Langstreckenraketen wären schnell und ohne Betankung von mobilen Startfahrzeugen aus abzufeuern. Sie hätten auch einen hohen militärischen Wert. An ihrer Spitze könnte man nämlich nicht nur Satelliten befördern. Sondern auch Sprengköpfe.

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