Russische Raumfahrt "Angara"-Premiere mit beschränkter Wirkung

Russland probiert es wieder: Mit der "Angara"-Rakete will sich das Land endlich seinen unabhängigen Zugang ins All sichern. Der Start am Freitag wird wohl zunächst ein suborbitaler Hüpfer werden.

Hoffnungsträger: Mit der "Angara"-Raktengeneration hat Russland viel vor
AP/ RIA-Novosti

Hoffnungsträger: Mit der "Angara"-Raktengeneration hat Russland viel vor


Nach einem halben Jahrhundert legt Russland wieder ein neues Weltraumraketenprogramm auf: Am Freitag soll vom nordrussischen Militärkosmodrom Plessezk (Gebiet Archangelsk) der erste Träger der neuen dreiköpfigen "Angara"-Familie zu einem Testflug starten. Moskau verspricht sich davon den lang ersehnten garantierten Zugang zum All von seinem eigenen Territorium - und damit eine Befreiung aus der Abhängigkeit von Kasachstan. Doch bis es soweit ist, werden noch viele Jahre ins Land gehen, weil die Infrastruktur dafür fehlt.

Die Militärs sind die ersten Nutznießer

Den Vorrang beim Einsatz der neuen Raketengeneration haben die Militärs. Nicht von ungefähr steht der erste "Universalstartkomplex" (USK), von dem die leichten, mittleren und schweren Versionen aufsteigen können, in Plessezk. Von hier aus können die Truppen der Luft- und Weltraumverteidigung (WWKO) jetzt das gesamte Spektrum ihrer zumeist geheimen Satelliten in jede Umlaufbahn, einschließlich der geostationären, schießen, wie Sprecher Oberst Alexej Solotuchin stolz verkündete.

Obwohl das Projekt bereits Mitte der Neunziger begonnen wurde, ist die leichte "Angara-1.2PP" (PP steht für perwyj pusk - erster Start), die jetzt die neue Raketen-Ära einleiten soll, dem Vernehmen nach noch nicht ganz fertig. So könnte es sein, dass die Premiere lediglich zu einem suborbitalen Hüpfer ohne Oberstufe und Nutzlast gerät, bei dem vor allem der neuartige Startkomplex getestet wird, um Erfahrungen für Wostotschny zu sammeln.

Die Nachrichtenagentur RIA Nowosti berichtete nun am Donnerstag, der Start der Rakete erfolge zu dem Zweck, die zweite Stufe des Trägers mit einem untrennbaren Nutzlastmodell auf eine ballistische Umlaufbahn mit Niedergang auf der Halbinsel Kamtschatka zu bringen.

Die Zivilraumfahrt muss noch warten

Die Zivilraumfahrt muss indes noch warten. Erst 2015 soll auf dem neuen Kosmodrom Wostotschny im Amur-Gebiet, der selbst noch im Bau ist, mit der Errichtung einer zweiten "Angara"-Rampe begonnen werden. Der unbemannte Erststart von ihr wird hier nicht vor 2018 erwartet, der erste bemannte wohl erst um 2020 oder gar später. Dann soll die schwere "Angara" auch die "Sojus"-Raketen ablösen, die bisher nur von Baikonur in Kasachstan Raumschiffe zur Internationalen Raumstation ISS starten können. Die Crux dabei ist, dass der Nachfolger der bewährten "Sojus"-Kapseln bislang nur auf dem Papier existiert.

Die neue schwere Rakete soll dann auch die "Proton" ersetzen, die in Baikonur in letzter Zeit vor allem durch spektakuläre Fehlstarts von sich reden gemacht hat. Da sie mit hochtoxischen Treibstoffen fliegt, richtet sie bei Havarien in den Absturzgebieten nach Ansicht der kasachischen Behörden verheerende Umweltschäden an, deren Beseitigung die Russen viele Millionen Dollars kostet.

In den letzten Tagen wurde übrigens in Moskau bekannt, dass der vergangene Woche im Alter von nur 56 Jahren an Krebs verstorbene Ex-Chef der Raumfahrtagentur Roskosmos, Wladimir Popowkin, bei dem "Proton"-Absturz vom 2. Juli 2013 direkt auf dem Gelände des Kosmodroms offenbar eine Hydrazin-Vergiftung erlitten hatte.

Für "Sojus" und "Proton" gilt: durchhalten!

Bis die "Angara" also in Wostotschny voll verfügbar ist, müssen die "Sojus"- und "Proton"-Raketen noch in Baikonur durchhalten, das Russland bis 2050 von den Kasachen gepachtet hat. Zur Überbrückung der Zeit bis zur neuen bemannten Raumkapsel baut Russland hier am Amur derzeit mit Hochdruck eine Startrampe, von der ab 2018 weiter "Sojus"-Raumschiffe aufsteigen sollen.

Die "Angara", die vom Raumfahrtkonzern "Chrunitschew" kommt, ist für Nutzlasten zwischen 1,5 und 35 Tonnen ausgelegt und fliegt mit umweltfreundlichem Flüssigsauerstoff und Kerosin. Nach dem Baukastenprinzip kann die Zentralstufe durch zwei Booster für die mittlere und vier für die schwere Version Booster verstärkt werden.

Die Einführung der neuen Raketenfamilie platzt mitten in die Bemühungen der Russen, ihre krisengeschüttelte Raumfahrt technisch und organisatorisch neu zu ordnen und international wettbewerbsfähig zu machen. Ob das diesen Prozess sofort nachhaltig befördert, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch klar: Solange die Branche ihren eklatanten Mangel an Facharbeitern, Ingenieuren und Leitungspersonal nicht überwunden hat, leidet die Qualität ihrer Erzeugnisse. Das gilt jetzt auch für die "Angara".

Pannen der russischen Raumfahrt
Russlands Raumfahrtbehörde Roskosmos hat am Dienstag eine Rakete mit drei Satelliten verloren. Moskauer Raumfahrtexperten sind derzeit mit einer Serie von Pannen konfrontiert.
Februar 2013
Nur 20 Sekunden nach dem Start von einer schwimmenden Plattform im Pazifik stürzt eine Rakete mit einem Kommunikationssatelliten ins Meer. Experten vermuten, dass die russischen Antriebssysteme versagten.
August 2012
Durch einen Fehler bei der dritten Stufe der russischen Proton-Trägerrakete geraten ein russischer und ein indonesischer Satellit in eine falsche Umlaufbahn. Roskosmos kostet der Fehlstart rund 150 Millionen Euro.
Januar 2012
Die 120 Millionen Euro teure Marsmondsonde "Phobos Grunt" stürzt unkontrolliert in den Pazifik. Eine Mischung aus menschlichem Versagen und technischen Fehlern soll die Ursache gewesen sein.
Januar 2012
Wegen einer undichten Landekapsel und einem Kurzschluss nach einem Kabelbruch verschiebt Russland zwei bemannte Weltraumflüge und den Start einer Trägerrakete mit einem Satelliten. Durch die Pannen müssen drei der sechs Crew-Mitglieder der Internationalen Raumstation ISS einen Monat länger als geplant im All bleiben.
Dezember 2011
Wegen einer fehlerhaften Zündung der dritten Stufe einer Sojus-Rakete verliert Russland einen militärischen Kommunikationssatelliten. Der "Meridian"-Satellit stürzt in Sibirien ab. Der Schaden wurde auf rund 50 Millionen Euro geschätzt.
August 2011
Ein unbemannter Versorgungstransporter mit 2,6 Tonnen Nachschub für die ISS stürzt ab. Kurz nach dem Start des Raumschiffs vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan traten Probleme mit der Zündung der dritten Stufe der Sojus-Trägerrakete auf. Erst wenige Tage zuvor war kurz nach dem Start von Baikonur der Kontakt zu einem Nachrichtensatelliten abgerissen. Der "Express AM-4"-Satellit stürzt im März 2012 in den Pazifik.
Dezember 2010
Wegen des Fehlstarts einer Proton-Rakete in Baikonur verliert Russland auf einmal drei Satelliten für sein geplantes Navigationssystem Glonass. Der Schaden wird auf mehrere 100 Millionen Euro geschätzt. Die Satelliten fallen in den Pazifik.

Quelle: dpa

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cum infamia 26.06.2014
1. Häme en gross
Die Häme dieses nichtgezeichneten Artikels passt sich nahtlos der" Berichterstattung" von den Winterspielen an. Ein Unbedarfter könnte vermuten, Russland muss erst zu den "Raumfahrtnationen" aufschließen: Raketen müssen "durchhalten", der Treibstoff ist toxisch, Fehlstarts an der Tagesordnung. Der Schreiberling scheint Zugang zu den Konstruktionsbüros zu haben, da er messerscharf erkennt, dass die ganzen Mannschaften unterqualifiziert sind. Da kann ich nur ausrufen : Um Gottes Willen, mit so etwas fliegen unsere deutschen, amerikanischen, japanischen und wer weiß noch was Kosmonauten zur Raumstation ? Jetzt wird mir auch klar, warum ein Russe ( weiß nicht mehr wer) den USA empfohlen hat, mit einem Trampolin zur ISS zu gelangen. Das ist dann wahrscheinlich sicherer ! Und als Krönung des Ganzen: Eine Pannenstatistik... Nachtigall, ich hör Dir trapsen...
fabio 26.06.2014
2. Ähem..
Wieviele bemannte Raumflüge hat die ESA selbst durchgeführt?? Genau...keine ! Liegt wohl daran,dass die ESA nur unqualifiziertes Personal hat,frei nach des Schreiberling's Logik.
prawoweg 26.06.2014
3.
Was für eine Berichterstattung ist das denn? Ist doch typisch für dieses kleine unfähige und abhängige Packt von möchtegern Sellen. Welche Errungenschaft hat den die EU in der Raumfahrtforschung zu verzeichnen? Ah ja, die Amis machen das ja für die EU. Auch dieser Text wurde bestimmt von den USA bezahlt. Ich schäme mich für solch ein Deutschland.
anders_denker 26.06.2014
4. Sind in den USA nicht in den letzten Jahren
Mehrere Atlas Raketen beim Start verunglückt, haben sich die Shuttles nicht auch als anfällig bis hochgefährlich erwiesen? Abgesehen von China hat derzeit nur Russland ein funktionierendes, wenn auch unmodernes System für die bemannte Raumfahrt. Und waren es nicht gerade die USA die muffensaussen haben als sie kürzlich feststellten das sie von russischen Importtriebwerken abhängig sind. So schlecht kann die (post)sowjetische Technik also nicht sein!
herkurius 26.06.2014
5. Raumflughafen???
Ist das Ding nicht Quatsch, so hoch im Norden? Baikonur ist wenigstens auf dem halben Weg in Richtung Äquator, dem Startpunkt, wo ein Raumfahrzeug den meisten Schwung mitbekommt.
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