50 Jahre Mondlandung Das allererste Experiment der Apollo-Mission - eine Schweizer Idee

Noch vor der US-Flagge wehte auf dem Mond ein kleines silbernes Segel. Es sollte Partikel des Sonnenwindes einfangen - und stammte aus der Schweiz. Hier verrät ein Zeitzeuge, wie es dazu kam.

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Einen eigenen Fernseher hätten sie damals noch nicht gehabt, sagt Jürg Meister. "Wir haben extra einen gemietet." Denn den Augenblick zu verpassen, in dem der erste Mensch auf dem Mond läuft, das war für den jungen Doktoranden und seine Frau keine Option. Als Neil Armstrong seinen historischen Schritt machte, in Europa war es der frühe Morgen des 21. Juli 1969, sahen weltweit 500 bis 600 Millionen Menschen zu. (Zum Vergleich: Das Finale der letzten Fußball-WM hatte 1,12 Milliarden Zuschauer.)

Besonders fieberte man in Amerika mit, wo allein rund 400.000 Menschen am "Apollo"-Programm mitgearbeitet hatten. Doch auch in der Schweiz gab es eine kleine Gruppe von Menschen, deren Mitglieder die schwarz-weißen TV-Bilder vom Mond besonders gebannt verfolgten. Jürg Meister, damals Nachwuchsforscher am Physikalischen Institut der Universität Bern, war einer von ihnen. "Ich glaube, wir haben einen Champagner geöffnet", sagt der heute 80-Jährige.

Das lag daran, dass die Berner die US-Weltraumbehörde Nasa von einer beinahe aberwitzigen Aktion überzeugen konnten: Sie hatten es nicht nur geschafft, dass ein wissenschaftlicher Versuchsaufbau von ihnen zum Mond mitgenommen wurde. Das "Solar Wind Composition Experiment" der Schweizer war sogar das einzige der ganzen Mission, das nicht aus den USA stammte: ein 140 mal 30 Zentimeter großes und hauchdünnes Metallsegel, mit dem die Crew von "Apollo 11" erstmals Partikel des Sonnenwindes einfangen sollte.

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Der Sonnenwind ist ein Strom von Teilchen, die mit mehreren Hundert Kilometern pro Sekunde von unserem Stern hinaus ins Sonnensystem schießen. Er besteht aus Protonen, Elektronen, Heliumkernen sowie, zu einem geringeren Anteil, auch aus anderen Ionen wie denen der Edelgase Neon und Argon. Seine Spuren hatten die Berner Forscher im Gestein von Meteoriten gefunden, die aus dem All auf die Erde gefallen waren.

Auf der Erde bekommen wir sonst kaum etwas vom Sonnenwind mit, weil Atmosphäre und Magnetfeld die Teilchen von uns fernhalten. Weil der Mond beides de facto nicht hat, müssten die Partikel dort aber ankommen, so zumindest das Kalkül der Berner Forscher Johannes Geiss, Peter Eberhardt und Peter Signer. Und auf der Mondoberfläche ließen sich die Teilchen womöglich einfangen - mit einer einfachen Aluminiumfolie, wie man sie zu Hause für das Einpacken von Butterbroten verwendet.

Wer von dem Trio es genau war, der auf die geniale Idee kam, ließ sich später nicht mehr nachvollziehen. "Wir haben immer versucht, das herauszufinden. Aber die drei haben zusammengehalten wie Pech und Schwefel", sagt Meister. Aber klar ist: Als das Konzept einmal im Raum stand, starteten die Schweizer Forscher ihre Lobbyarbeit jenseits des Atlantiks. "Die haben bei der Nasa immer wieder die Türklinke geputzt", sagt Meister. Geiss legte gar ein Sabbatical ein, damit er neun Monate lang in Houston für sein Projekt werben konnte. Am Ende mit Erfolg. 1967 sagte die Nasa zu, das Sonnenwindsegel bei einer der "Apollo"-Missionen mit zum Mond zu nehmen.

Dass es dann gleich bei der ersten klappte, hatte mit einer weiteren Entscheidung der Nasa-Manager zu tun. Ein halbes Jahr vor dem Start von "Apollo 11" legten sie fest, dass Armstrong und Aldrin bei ihrem Flug nur ein kleines Wissenschaftsprogramm durchführen sollten. Wichtig bei der ersten Mondlandung waren vor allem die propagandistisch wertvollen Abdrücke der US-Mondstiefel im grauen Staub.

Frischhaltefolie aus dem Kaufladen

In der Folge wurde nur ein kleines Paket mit Gerätschaften eingepackt, unter anderem gehörten ein Seismometer zur Messung von Mondbeben dazu und ein Laserreflektor, den man von der Erde aus "anpingen" kann. Einen Hammer für geologische Experimente, wie zwischenzeitlich vorgesehen, brauchten die Raumfahrer dagegen nicht. Dadurch wurde im Werkzeugpaket ein Platz frei, allerdings musste der Ersatzgegenstand klein sein und durfte nicht mehr als 450 Gramm wiegen.

Es war die Stunde der Schweizer und ihres zarten Sonnenwindsegels. Für erste Vorversuche nutzten sie noch gewöhnliche Aluminiumfolie, wie man sie in jedem Kaufladen bekam. Später kauften sie dann gleich eine ganze Ladung direkt vom Hersteller, insgesamt zweieinhalb Kilometer. Durch eine spezielle Behandlung der Rückseite war auch dafür gesorgt, dass sich die Folie auf dem Mond nicht zu sehr erhitzte, was den Nachweis der gesuchten Ionen unmöglich gemacht hätte.

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Experiment bei "Apollo"-Missionen: Ein Segel auf dem Mond

Die Folie war an einer Teleskopstange befestigt, die nach Tests mit dem US-Astronauten Don Lind so optimiert worden war, dass sie für die Raumfahrer kinderleicht zu bedienen war. "Das hätten auch Sie und ich beim ersten Mal gekonnt, problemlos", sagt Jürg Meister. "Das ist einfache Mechanik."

Zunächst musste die Stange ausgezogen werden, dann die Folie ausgerollt, die wie ein Fensterrollo ins oberste Segment eingeschoben war. Anschließend galt es, die Einheit in den Mondboden zu rammen. Buzz Aldrin von "Apollo 11" war es, der die Aufgabe auf dem Mond schließlich erledigte - übrigens noch bevor er die amerikanische Flagge aufstellte. So sollte das Experiment möglichst lange Zeit bekommen, um die Partikel zu sammeln.

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Spuren der Mondmissionen: So sehen die "Apollo"-Landestellen aus

Aldrins Ausrollen habe er nicht mehr im Fernsehen verfolgen können, sagt Meister. Das sei nicht Teil der Übertragung gewesen. Erst kürzlich, 50 Jahre später, habe er die Szene im Nasa-Filmarchiv zum ersten Mal gesehen. (Sehen Sie hier einen Clip mit restaurierten Aufnahmen der Fernsehkamera.)

Am Ende bekam das Solar Wind Composition Experiment mehr als 70 Minuten auf dem Mond. Dann rollte die Crew die Folie wieder auf und verpackte sie in einen Teflonbeutel, das Gestänge blieb auf dem Mond.

Nach der Landung und der anschließenden Quarantäne - man hatte Angst vor unbekannten Mondmikroben - durften die Schweizer ihr Experiment dann wieder bei der Nasa einsammeln. "Ohne große Umschweife gegen Unterschrift konnte man das abholen", sagt Meister. Er war es, den das Team zum Transport nach Houston schickte. Er hatte die Folie auch bereits vor dem Start in die USA gebracht, beide Male im Handgepäck seines Swissair-Fluges. Routiniert, präzise, eben typisch schweizerisch könnte man sagen: "Man ist vorbereitet, man weiß, was abläuft. Überraschung und Emotionen halten sich in Grenzen."

Störender Staub

Ob er sich den Koffer mit der besonderen Fracht nicht ans Handgelenk gekettet habe, wie man das manchmal im Film sieht? Ach was, sagt Meister: "Der monetäre Wert ist ja nicht so groß." Der wissenschaftliche hingegen schon, dem Berner Team gelang es tatsächlich, Helium, Neon und Argon auf der Folie nachzuweisen - allerdings erst, nachdem sie mühevoll ein paar wenige Bereiche der Folie identifiziert hatten, die nicht zu sehr von Mondstaub verschmutzt sind. Denn den hatten Armstrong und Aldrin massenweise aufgewirbelt.

Die Ergebnisse des Teams wurden in den wissenschaftlichen Berichten der Nasa veröffentlicht. Sonnensegel aus Bern flogen auch bei "Apollo 12" bis "Apollo 16" mit, wobei das von "Apollo 13" wegen des bekannten Unglücksfalls an Bord den Mondboden nie erreichte. Eine eigene wissenschaftliche Publikation mit allen Ergebnissen existiert allerdings erst seit 2004 - warum, das weiß keiner so genau.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Schweizer so lange einfach nur verblüfft darüber waren, wie gut das damals alles geklappt hat. "Es ist ein Wunder, dass wir das durchgebracht haben", sagt Jürg Meister. "Für mich ist es das achte Weltwunder". Ein Stück der Folie von damals lagert bis heute in einem gesicherten Keller der Uni Bern, hinter Panzerglas.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes hieß es, das Berner Team habe die Folie für seine ersten Versuche in einem Migros-Laden gekauft. Das trifft nicht zu, wir haben den Zeitzeugen falsch verstanden und bitten den Fehler zu entschuldigen.



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