Gefahr aus dem Weltall Einschlag von Asteroid Bennu wahrscheinlicher als gedacht
Asteroiden Bennu aus Sicht der Nasa-Sonde »Osiris Rex«
Foto: AFP / NASA / Goddard / University of ArizonaAls die Nasa 2016 in einer mehrjährigen Mission ihre Sonde »Osiris Rex« zum Asteroiden Bennu schickte, tat sie das aus gutem Grund: Die Beobachtungen und Berechnungen der Flugbahn des Brockens hatten gezeigt, dass er die Erdbahn immer wieder kreuzt und uns in rund 150 Jahren ziemlich nahe kommen könnte.
Der Klumpen mit einem durchschnittlichen Durchmesser von rund 500 Metern und einer Masse von mehr als 60 Millionen Tonnen gehört zu den sogenannten erdnahen Asteroiden.
Um der Gefahr eines Einschlags zu begegnen, hat die Nasa Bennu kartiert sowie zahlreiche Daten gesammelt: Die bisher verfügbaren haben Forscher um Davide Farnocchia vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa nun ausgewertet und daraus die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags präziser als zuvor berechnet. Demnach liegt das Risiko laut der in der Fachzeitschrift »Icarus« veröffentlichten Studie bei 1:1750, dass Bennu bis zum Jahr 2300 mit der Erde kollidieren könnte. Frühere Berechnungen fielen etwas beruhigender aus und kamen auf eine Wahrscheinlichkeit von 1:2700 für einen Einschlag bis 2200.
Entscheidend für das Einschlagrisiko ist der Einfluss der Erde auf einen Vorbeiflug von Bennu im Jahr 2135. Dann wird er uns näher sein als der Mond und ungefähr den halben Abstand unseres rund 380.000 Kilometer entfernten Erdtrabanten einnehmen. Für die Flugbahn bei zukünftigen Passagen ist entscheidend, wie nahe Bennu der Erde in diesem Moment genau kommt – und ob die Schwerkraft der viel massereicheren Erde an dem vergleichsweise winzigen Brocken zieht und ihn ablenkt.
Dazu müsste Bennu aber bestimmte, winzige Gebiete in der Nähe unseres Planeten passieren, Astronomen sprechen von sogenannten Gravitationsschlüssellöchern. Um 24 dieser 26 Schlüssellöcher, die größer als ein Kilometer sind, macht Bennu 2135 einen Bogen. Trotzdem könnte Bennu mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1750 oder 0,057 Prozent irgendwann später mit der Erde kollidieren, weil sein Kurs entsprechend abgelenkt wird. Die Forscher haben sogar ein mögliches Einschlagdatum ausgerechnet. Es ist der 24. September 2182. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ereignis eintritt, liegt bei 1:2700 (0,037 Prozent).
Flugbahn von Bennu im Jahr 2135
Foto: Goddard / NASAAllerdings besteht aufgrund der neuen Studie kein Grund zur Panik. Astronom Farnocchia spricht gegenüber der »New York Times« von keiner wesentlichen Änderung. Er mache sich nicht mehr Sorgen als zuvor, da die Aufprallwahrscheinlichkeit weiter sehr gering bleibe, heißt es. Einen Einschlag bis zum Jahr 2300 können die Forscher aber auch nicht ausschließen. Auf der Palermo-Skala, die anzeigt, wie hoch das Risiko eines Impakts ist, steht Bennu damit zusammen mit dem Asteroid (29075) 1950 DA, der zusätzlich die Bahn des Mars kreuzt, ganz oben.
Zu Bennu, der nach dem altägyptischen Totengott benannt ist und 1999 durch das inzwischen eingestürzte Arecibo-Teleskop in Puerto Rico entdeckt wurde, liegen längst nicht alle Daten für eine bessere Kollisionsabschätzung vor. »Osiris Rex« ist beispielsweise derzeit noch mit den Bodenproben unterwegs und wird damit voraussichtlich erst 2023 die Erde erreichen. Die Ergebnisse der Oberflächenbeschaffenheit von Bennu sind durchaus von Relevanz. Denn bei den Veränderungen der Flugbahnen spielt der sogenannte Jarkowsky-Effekt eine Rolle, benannt nach einem russischen Ingenieur.
Dabei nimmt die unterschiedlich starke Erwärmung der Asteroidenoberflächen durch die Sonne einen Einfluss auf die Bewegungsablenkung des Asteroiden. Das Sonnenlicht wird von einem Asteroiden oder einem Meteoriten zunächst absorbiert und dann als infrarote Strahlung etwas verzögert wieder in den Weltraum abgegeben. Doch weil durch die Rotation des Körpers seine Seiten unterschiedlich stark aufgewärmt werden, entsteht eine Differenz bei der Abstrahlung, die Bennu leicht nach innen oder außen ablenken kann. Wie stark der Effekt ausfällt, ist beispielsweise auch vom Reflexionsvermögen und somit von der Oberflächenbeschaffenheit des Himmelskörpers abhängig. Deshalb ist es eines der Ziele von »Osiris Rex«, den Jarkowsky-Effekt von Bennu möglichst genau zu bestimmen. Dieser Effekt hat auf viele Flugbahnen von Asteroiden einen Einfluss und lenkt große Brocken aus dem Asteroidengürtel wohl häufiger in das Innere des Sonnensystems, als es durch Zusammenstöße mit anderen Klumpen der Fall ist.
Gut möglich, dass in Zukunft noch genauere Modellierungen von Bennus Flugbahn erfolgen. Andere dieser Überbleibsel aus der frühen Phase unseres Sonnensystems sind laut Schätzungen von Forschern ohnehin noch gar nicht entdeckt worden – oder fliegen schon jetzt bis auf wenige Tausend Kilometer an der Erde vorbei. So passierte der etwa kleinwagengroße Asteroid »2020 QG« den südlichen Indischen Ozean im August 2020 in einer Höhe von knapp 3000 Kilometern.
Manchmal kommt es auch zu Kollisionen: Vor einigen Jahren verursachte die Explosion eines 20-Meter-Brockens über der russischen Millionenstadt Tscheljabinsk Verwüstungen. Durch den Meteoritenregen aus den Trümmern des schätzungsweise 16.000 Tonnen schweren Himmelskörpers wurden Hunderte Menschen verletzt, die meisten durch zersplitternde Scheiben. Forscher schätzen, dass Asteroiden ab einer Größe von mehr als 500 Metern auf der Erde bei Einschlägen überregionale Schäden anrichten. Die Kratergröße bei solchen Ereignissen entspricht in der Regel der zehn- bis 20-fachen Größe des Objekts. Bennu würde die Existenz der Erde also nicht bedrohen, aber er könnte massive Schäden anrichten und viele Opfer fordern.
In jedem Fall arbeiten Expertinnen und Experten schon länger an Techniken, um gefährliche, erdnahe Asteroiden von der Erde fernzuhalten. China rechnete beispielsweise aus, dass der Einsatz von 23 Raketen des Typs »Langer Marsch 5« Bennu vom terrestrischen Kurs abbringen könnte. Bislang gehen die meisten Fachleute davon aus, dass der Einsatz eines solchen sogenannten kinetic impactor, der den heranrasenden Brocken aus der Bahn schießt wie eine Billardkugel, im Ernstfall die einzige Chance für die Erde ist.