Asteroiden-Gefahr Europa verschläft den Weltuntergang

Ohne Schutz vor Beschuss aus dem All: Weil Politiker das Risiko nicht ernst nehmen, ist Europa schlecht auf den Einschlag von Asteroiden vorbereitet. Dabei drohen massive Verwüstungen. Bleibt nur die Hoffnung, dass die Amerikaner die Welt für uns retten.
Gefahr aus dem All (grafische Darstellung): "Kleine Asteroiden sind das größere Problem"

Gefahr aus dem All (grafische Darstellung): "Kleine Asteroiden sind das größere Problem"

Foto: AFP / NASA

In der spätherbstlichen Ruhe oberhalb von Heidelberg braucht es viel Phantasie, um sich die Apokalypse herbei zu denken. Die Bäume des Kleinen Odenwaldes und die Wiesen, die an das hier liegende Villenviertel grenzen, sehen aus wie aus dem Bilderbuch. Irgendwo unten liegt das Schloss, zu seinen Füßen fließt der Neckar. Wenn die Welt überhaupt irgendwo noch in Ordnung ist, dann hier.

Doch was wäre, wenn sich auf einmal der Himmel verfärbte, wenn ein gleißend helles Licht erschiene, das schnell größer würde? Wenn sich das Licht als glühender Ball entpuppte, der wenige Sekunden später einschlüge - und in einem riesigen Krater die traditionsreiche Universitätsstadt und ihr Umland unter sich begraben würde, Schockwellen durch die Erde sendend, Staub und Gestein aufwirbelnd.

Auf dem ehemaligen Anwesen des Chemienobelpreisträgers Carl Bosch brütet just in diesem Moment eine Expertenrunde über dem Horrorszenario eines Asteroideneinschlags. Eingeladen hat die Stiftung des ehemaligen SAP-Gründers Klaus Tschira - und es geht um nicht weniger als die Zukunft des Lebens auf der Erde. "Wir wissen, dass es in der Vergangenheit passiert ist. Und wir wissen, dass es wieder passieren wird", beschwört Alan Harris vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in einem fensterlosen Saal die Gefahr eines Treffers. "Wir können uns nur schützen, in dem wir die Objekte beobachten."

Hinter Harris zeigen zwei meterhohe Projektionsflächen die Bahnen von ein paar hundert bekannten Asteroiden an: bunte Kreise und Ellipsen in derem Inneren die Sonne liegt. Die Flugkörper gibt es zu Hunderttausenden in unserem Sonnensystem. Sie sind Relikte aus der Zeit, als Zentralgestirn und Planeten noch jung waren.

Weil viele von ihnen weit von uns entfernt ihre Bahnen ziehen, können nur wenige der Erde überhaupt gefährlich werden. Wissenschaftler sind sich einig, dass eine konkrete Gefahr kurzfristig nicht besteht, doch immer wieder rasen Flugkörper nahe an der Erde vorbei. Als heißester Kandidat für einen möglichen Zusammenstoß gilt derzeit der Asteroid Apophis, der die Erde im Jahr 2036 mit einer aktuellen Wahrscheinlichkeit von 0,0022 Prozent treffen könnte. Zwischenzeitlich veröffentlichte Schätzungen eines deutschen Schülers, der im Rahmen einer "Jugend forscht"-Arbeit auf weit höhere Werte gekommen war, hatten sich als falsch herausgestellt.

Doch größere Gefahr droht vermutlich von bisher noch gar nicht bekannten Objekten. Viele der lichtschwachen Asteroiden werden nämlich nur mit unglaublich kurzer Vorwarnzeit erspäht. Als Astronomen Anfang Oktober zum ersten Mal den Einschlagsort eines Objekts im Sudan richtig voraussagten, hatten sie das Kommen von 8TA9D69 gerade einmal mit wenigen Stunden Vorlauf vorausgesagt. "Die kleineren Asteroiden sind das größere Problem", sagt Eberhard Faust von der Münchener Rück. Der Versicherungskonzern befasst sich mit Georisiken, die als großes Schadensereignis viele Versicherungsnehmer betreffen könnten. Dazu gehören eben auch Asteroideneinschläge.

Kleine Brocken mit verheerender Wirkung

Unglücklicherweise hat sich Europa von der Suche nach potentiell gefährlichen Flugkörpern fast komplett verabschiedet. Zwar flog unlängst die "Rosetta"-Sonde der Europäischen Weltraumagentur (Esa) dicht am Asteroiden Steins vorbei, doch wenn heute beinahe jede Nacht ein neuer erdnaher Asteroid aufgespürt wird, dann sind fast immer US-Forscher seine Entdecker. Allein in der Nähe unseres Planeten sind mittlerweile 5600 Asteroiden bekannt. Vor allem in den vergangenen ein, zwei Jahren ist durch computergestützte Auswertung von Himmelsbildern eine große Zahl dazugekommen. Ein Siebtel der bekannten erdnahen Asteroiden könnten uns eines Tages gefährlich werden. Das Problem: "Wir haben nur einen Bruchteil der Objekte entdeckt, die kleiner als 200 Meter sind", gesteht DLR-Mann Harris ein.

Dabei können schon kleine Brocken verheerende Wirkung haben: Das sogenannte Tunguska-Objekt, das vor rund hundert Jahren am Himmel über Sibirien explodierte, war nach Expertenschätzungen wohl nicht einmal hundert Meter groß - und verwüstete doch ein riesiges Gebiet. "Nach unserer Rechnung ist mit einem solchen Ereignis, das weit mehr als tausend Quadratkilometer verwüsten könnte, statistisch einmal in 300 Jahren zu rechnen", sagt Eberhard Faust von der Münchener Rückversicherung. Die Wahrscheinlichkeit bezieht sich allerdings auf einen Treffer an irgendeiner beliebigen Stelle der Erde. "Von einem Einschlag in einem Ballungszentrum gehen wir statistisch gesehen nur einmal in 300.000 Jahren aus", sagt Faust.

Das klingt wenig, doch der Risikoforscher Friedemann Wenzel von der Universität Karlsruhe relativiert: "Wenn man bei Kernreaktorunfällen mit jährlichen Wahrscheinlichkeiten rechnet, kommen auch Zahlen heraus, die man scheinbar vernachlässigen kann." Trotzdem versucht sich die Menschheit gegen die Atomgefahren zu schützen - kaum aber gegen Asteroidentreffer.

Besonders wenig wissen die Astronomen über Flugkörper, die zwischen Erde und Sonne ihre Bahnen ziehen - und ebenfalls auf einen Kollisionskurs abgelenkt werden könnten. Von den dort vermuteten tausend Objekten sind bis jetzt gerade einmal neun identifiziert, weil sie von uns aus gegen die Sonne kaum zu erspähen sind. Beim DLR wird derzeit über die Zukunft einer Mission debattiert, bei der ein Mini-Satellit zwischen der Erde und der Sonne nach Asteroiden spähen soll. Doch ob der "AstroFinder" tatsächlich im Jahr 2013 fertig ist, ist noch völlig unklar. Im kommenden Frühjahr soll feststehen, ob die mit rund 15 Millionen Euro vergleichsweise billige Sonde gebaut und gestartet wird.

"Mit den heutigen Mitteln ließe sich eine Gefahr abwenden"

Das Zögern könnte gefährlich werden. Schließlich kommt es bei der Abwehr von Asteroiden entscheidend auf die Vorwarnzeit an. "Mit den heute zur Verfügung stehenden technischen Mitteln ließe sich eine Gefahr abwenden", sagt Michael Khan von der Esa. Experten gehen davon aus, dass für eine Rettungsmission vor riesigen Asteroiden - der Gedanke erinnert zugegebenerweise ein wenig an den Bruce-Willis-Film "Armageddon" - eine Vorwarnzeit von zehn bis 20 Jahren nötig sein dürfte. Für kleine Himmelsobjekte mit Kurs auf die Erde dürfte es kaum Warnmöglichkeiten geben, doch die Folgen werden auch als weniger schwerwiegend eingeschätzt.

Der Einsatz selbst könnte das gefährliche Objekt dann entweder komplett zerstören - oder es, zum Beispiel durch einen gezielten Crash, auf eine andere Bahn lenken. Eine solche Aufgabe soll zum Beispiel die bei der Esa diskutierte Mission "Don Quichote" übernehmen. In ihrem Rahmen würden Forscher gern mit einem 500 Kilogramm schwerer Einschlagkörper ("Hidalgo") ausprobieren, wie man einem gefährlichen Steinbrocken den entscheidenden Stoß geben könnte, der ihn an der Erde vorbeibugsiert.

Doch weil bei der Esa das Geld knapp ist, könnte es sein, dass ausgerechnet "Hidalgo" eingespart wird. Oder dass "Don Quichote" vielleicht gar nicht abhebt, berichtet Michael Khan zerknirscht. Bei der Nasa wird hingegen darüber nachgedacht, nach der geplanten Rückkehr der Amerikaner zum Mond einen Asteroiden ins Visier zu nehmen . Astronauten könnten auf dem Himmelskörper landen und die rund einjährige Reise als Probelauf für Langzeitmissionen zum Mars zu verwenden. Außerdem würden so interessante Fernsehbilder generiert, um die heimische Bevölkerung bei Laune zu halten. Die "Planetary Society", ein Verein mit rund hunderttausend Mitgliedern, unter ihnen viele Ex-Nasa-Manager und Planetenforscher, schlägt genau solch eine Mission auch in einem aktuellen Strategiepapier vor . Vielleicht erweisen sich die Amerikaner so nötigenfalls als Weltretter, während die Europäer zaudern - wie so oft.

Wolfgang Stinnesbeck, Geowissenschaftler von der Universität Heidelberg, macht indes noch eine andere Rechnung auf: Er sagt, dass selbst bei großen Asteroideneinschlägen noch ein Mindestmaß an Hoffnung besteht. "Das Szenario, wie wir es aus Filmen wie 'Deep Impact' oder 'Armageddon' kennen - bums, Impact, alles tot - ist zu einfach", sagt er in schönstem rheinischem Singsang. Die fünf auf der Erde bekannten großen Massensterben ließen sich - bis auf einen Fall vor 65 Millionen Jahren - nicht mit Meteoriteneinschlägen erklären. Stattdessen seien vulkanische Ereignisse wohl viel gefährlichere Artenkiller.

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