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Schon lange ist der Rote Planet der Erde nicht mehr so nahe gekommen wie Ende Juni. Das Weltraumteleskop Hubble hat die ungewöhnliche Intimität für ein spektakuläres Foto genutzt.

Von Alexander Stirn


Nicht mondsüchtig, sondern marssüchtig konnten Sternenfreunde in den vergangenen Wochen werden. Der Rote Planet zeigte sich am Nachthimmel in selten gesehener Pracht. Auch vom Weltraum aus bot sich ein faszinierender Anblick. Das beweist ein aktuelles Foto des Weltraumteleskops Hubble, das die US-Weltraumbehörde Nasa jetzt veröffentlicht hat.

Das Foto

Nahaufnahme: Der Mars am 26. Juni
DPA

Nahaufnahme: Der Mars am 26. Juni

Frostige Winter an den Polen, tobende Staubstürme am Äquator - die aktuelle Aufnahme portraitiert den Mars als äußerst lebendigen Planeten. Am 26. Juni, als sich der Rote Planet der Erde bis auf 68 Millionen Kilometer näherte und damit die geringste Entfernung seit 1988 einnahm, drückten die Hubble-Astronomen auf den Auslöser.

Deutlich sind die eisigen Polkappen zu erkennen, die wahrscheinlich aus großen Mengen gefrorenem Kohlendioxid (so genanntem Trockeneis), vielleicht auch aus Wasserschnee bestehen. An den Polen wird es selten wärmer als minus 130 Grad Celsius.

Ganz anders rund um den Äquator. Hier wurden Temperaturen bis rund 25 Grad Celsius gemessen - also durchaus angenehm. Weniger angenehm sind allerdings die riesigen Staubstürme, die derzeit über den Roten Planeten fegen. Ein Wirbel ist direkt über der nördlichen Polkappe am oberen Ende des Bildes zu sehen. Ein weiterer, ebenfalls großer Staubsturm tobt am Rande des großes Hellas-Kraters am unteren rechte Ende der Marsscheibe.

Der Hintergrund

Wie zwei Rennwagen, die auf unterschiedlichen Bahnen um die Sonne rasen, ziehen Erde und Mars ihre Bahnen. Da der Blaue Planet dem Zentralgestirn deutlich näher ist, bewegt er sich auch schneller. Rund 365 Tage benötigt die Erde für einen Umlauf, beim Mars sind es 780 Tage - etwas mehr als das Doppelte.

Dank dieses Geschwindigkeitsvorteils überholt die Erde ihren Nachbarplaneten etwa alle zwei Jahre und 50 Tage. Astronomen sprechen, wenn sich die Erde und ein oberer Planet (also Mars bis Pluto) besonders nahe kommen, von einer Opposition: Sonne, Erde und Planet liegen ungefähr auf einer Linie. Der Planet geht von der Erde aus betrachtet bei Sonnenuntergang auf und bei Sonnenaufgang unter, ist also die gesamte Nacht über sichtbar.

Für das exakte Gegenstück hat sich der Begriff Konjunktion eingebürgert. Zum Zeitpunkt der größten Entfernung steht der Planet hinter der Sonne. Dadurch wird er - von der Erde aus betrachtet - unsichtbar.

Bei der Entfernungsmessung kommt aber ein weiterer Aspekt ins Spiel: Der Mars umkreist die Sonne auf einer stark elliptischen Umlaufbahn. Dadurch variiert der Abstand zwischen Erde und Mars während der Überholmanöver sehr stark. Im günstigsten Fall liegen zwischen den beiden Himmelskörpern zu Zeiten der Opposition gerade einmal 56 Millionen Kilometer. In schlechten Jahren trennen Erde und Mars dagegen mehr als 100 Millionen Kilometer.

Die Kamera

Das Weltraumteleskop Hubble hat den Roten Planeten schon oft ins Visier genommen, ein derart scharfes und detailgetreues Bild ist dabei allerdings noch nie entstanden. Strukturen bis hinunter zu einer Größe von 16 Kilometern sind auf der Oberfläche auszumachen.

Das Foto, das mit der Weitwinkelkamera des schwebenden Observatoriums aufgenommen wurde, setzt sich aus sechs verschiedenen Wellenlängen zusammen, die den gesamten sichtbaren Bereich bis hinein in die infrarote Strahlung abdecken. Aus diesen sechs Einzelaufnahmen wurde schließlich das Gesamtbild zusammengesetzt - vorsichtig und mit einer möglichst realistischen Farbmischung, wie die Hubble-Forscher betonen.

Allerdings: Astronomen sehen die jetzt gemachten Aufnahmen nur als eine Art Generalprobe an, denn die wirklich spektakuläre Opposition stellt sich erst in zwei Jahren ein. Dann werden sich Erde und Mars bis auf 56 Millionen Kilometer annähern - so weit wie seit 1924 nicht mehr.

Hubble wird dann 13 Jahre alt sein und, so hoffen zumindest seine Betreiber, nach einer erneuten Frischzellenkur in altem Glanz erstrahlen. Das schwebende Teleskop täte auch gut daran. Denn eine identische Konstellation zwischen Mars und Erde stellt sich erst wieder im Jahr 2287 ein.



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