Astronomische Ausblicke Kosmische Kollision

Wenn zwei galaktische Schwergewichte frontal zusammenstoßen, kann das kosmische Gleichgewicht gehörig durcheinander geraten. Doch derartige Unfälle haben mitunter auch positive Folgen.

Von Alexander Stirn




"Stephans Quintett", eine rund 270 Millionen Jahre von der Erde entfernte Ansammlung von fünf Galaxien, hat eine schlimme Vergangenheit. Eine jetzt veröffentlichte Aufnahme des Weltraumteleskops Hubble offenbart nicht nur filigran-fotogene Strukturen, sondern auch Spuren eines schweren Unfalls.

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Verwickelte Angelegenheit: Die Galaxien von "Stephans Quintett"
NASA

Verwickelte Angelegenheit: Die Galaxien von "Stephans Quintett"

Zumindest zwei der fünf Galaxien waren in der Vergangenheit in einen Frontalzusammenstoß verwickelt - vermutlich in Folge überhöhter Geschwindigkeit. Im Zuge dieses Unfalls wurden Sterne und Gas von benachbarten Galaxien abgezogen und in All geschleudert.

Doch der Unfall im Sternbild Pegasus hat auch den Boden für neues Leben bereitet: Aus den Trümmern haben sich mehr als 100 Sternenhaufen sowie zahlreiche Zwerggalaxien entwickelt. Die jungen Ansammlungen, die jeweils Millionen von Sterne beheimaten können, konnten jetzt zum ersten Mal detailliert auf Film gebannt werden.

Viele der Sternhaufen wurden offenbar im gasförmigen Müll zwischen den Galaxien geboren, fernab von den üblichen Heimstätten derartiger Sternenansammlungen. Zu verdanken haben sie das den Gravitationskräften der beteiligten Galaxien: Diese ballten im Laufe der Jahrmillionen die einzelnen Sonnen zu großen Haufen zusammen.

Der Hintergrund

Astronomen schätzen "Stephans Quintet" sehr. Die auch als Hickson 92 bekannte Struktur stellt ein typisches Opfer einer Kollision dar, die sich in den frühen Jahren des Universums vermutlich relativ häufig ereignete. Abstandmessungen der fünf Galaxien haben gezeigt, dass die Schwergewichte eine relativ eng begrenzte Region im dreidimensionalen Raum einnehmen. Dafür sprechen auch die sichtbaren Verwicklungen der einzelnen Spiralarme.

Dank der exzellenten Auflösung des schwebenden Teleskops war es nun möglich, das Alter der Sternenhaufen im Quintett zu bestimmen. Einen entscheidenden Anteil hatten dabei die fotografierten Farben: Wenn ein Sternenhaufen in die Jahre kommt, sterben zunächst die heißesten, blau erscheinenden Sterne. Die eher rötlichen Sonnen übernehmen das Kommando. Somit verschiebt sich während des Alterungsprozesses die Farbe des gesamten Haufens ins Rötliche.

Wie die Hubble-Astronomen in der Fachzeitschrift "Astronomical Journal" berichten, sind sie bei ihren Beobachtungen auf drei verschiedene Sternen-Kindergärten gestoßen, die ein Alter von rund zwei Millionen Jahren bis hin zu einer Milliarde Jahren abdecken.

Offensichtlich hat es, so die Folgerung der Experten, nicht nur einen einzigen schweren Zusammenstoß zwischen den galaktischen Schwergewichten gegeben. Der jüngste Crash vor 20 Millionen ereignete sich wahrscheinlich bei einer Geschwindigkeit von drei Millionen Kilometern pro Stunde.

Doch damit nicht genug. Das Astronomenteam stieß bei seinen Nachforschungen auch auf rund sieben Millionen Jahre alte Sternenhaufen, die scheinbar zufällig über eine immerhin 150.000 Lichtjahre große Region verteilt sind. Wie diese entstanden sein könnten, stellt die Experten bislang noch vor ein Rätsel.

Die Kamera

Bei ihren Studien der einzelnen Sternhaufen konnten die Astronomen einmal mehr auf die ausgezeichnete Auflösung des Weltraumteleskops Hubble zurückgreifen. Das mit der Weitwinkelkamera des Observatoriums aufgenommene Foto deckt dabei in der Höhe einen Bereich von rund 280.000 Lichtjahren ab.

Aufgenommen wurde das jetzt veröffentlichten Bild bereits Ende 1998 und Mitte 1999. Es setzt sich aus drei einzelnen Aufnahmen mit einer gesamten Belichtungszeit von knapp sieben Stunden zusammen.

Ähnlich wie bei einem Fernseher, bei dem sich das gesamte Bild aus den drei unterschiedlich hellen Farbpunkten Rot, Grün und Blau aufbaut, wurde auch die Hubble-Aufnahme aus drei verschiedenen Einzelfarben zusammenmontiert - nur dass diese im blauen, im gelben und im infraroten Bereich des Spektrums lagen.



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