Astronomische Ausblicke Kosmisches Kräftemessen

Das Weltraumteleskop Hubble hat einen dramatischen Nahkampf am Nachthimmel festgehalten. Im Sternbild Schlange haben sich gleich vier Galaxien zu einem gewaltigen Materieknäuel verflochten.

Von Martin Paetsch


Hubble-Aufnahme von Seyferts Sextett: Fernes Sterngemenge
NASA/ STScI

Hubble-Aufnahme von Seyferts Sextett: Fernes Sterngemenge

Rudelbildung gibt es auch unter Galaxien - und manchmal kommen sich die Kontrahenten dabei gefährlich nahe. Sind an dem Sterngemenge genügend kosmische Einzelkämpfer beteiligt, dann kann es, wie ein jetzt veröffentlichtes Bild des Weltraumteleskops Hubble zeigt, zu spektakulären Verwicklungen kommen. Das Observatorium hat ein Knäuel abgelichtet, das sich aus vier mehr oder weniger entstellten Galaxien zusammensetzt.

Das Bild

Der beeindruckende Nahkampf ereignet sich rund 190 Millionen Lichtjahre entfernt im Sternbild Schlange. Die Galaxiengruppe mit der Katalognummer NGC 6027 wurde erstmals in den späten vierziger Jahren vom US-Astronomen Carl Seyfert genauer beobachtet, deshalb ist sie auch als Seyferts Sextett bekannt. Die nicht ganz korrekte Benennung - in Wahrheit handelt es sich um ein Quartett - zeigt bereits, wie schwer in dem dichten Gedränge noch einzelne Teilnehmer erkennbar sind.

Die falsche Zahl kam durch zwei optische Täuschungen zustande: Die kleinere, in Aufsicht zu sehende Spiralgalaxie rechts des Zentrums ist tatsächlich fünfmal weiter entfernt als der Rest der Gruppe. Und der schwächer leuchtende Ausläufer ganz rechts, der auf weniger detaillierteren Aufnahmen als eigenständiger Fleck erscheint, gehört zu einer der Galaxien - die Sternenschleppe wurde von gewaltigen Gravitationswirkungen in die Länge gezogen.

Vom einen Ende zum anderen misst die Versammlung nur rund 100.000 Lichtjahre, was gerade einmal der Ausdehnung unserer Milchstraße entspricht. Der enge Kontakt hat bei den Galaxien unterschiedlich starke Spuren hinterlassen. Drei von ihnen, die große Ellipse und die beiden unteren Spiralen, sind vom kosmischen Kräftemessen gezeichnet: Ihre zerzauste Gestalt deutet auf große Sternenverluste hin. Die bläuliche Spirale oben, die noch fast alle Sterne besitzt und nur leicht eingedellt ist, wirkt dagegen fast unbeteiligt.

Der Hintergrund

Galaxienknäuel wie diese sind im Weltall keine allzu große Rarität. Doch das falsche Sextett weist eine Besonderheit auf: Es fehlen die charakteristisch strahlenden Sterngeburtsstätten, die normalerweise bei solchen Zusammenstößen entstehen. Möglicherweise ist es dafür aber noch zu früh. Astronomen nehmen an, dass sich die Gemeinschaft vor nicht allzu langer Zeit gefunden hat, so dass es bislang nicht zu einer höheren Produktion von Sternen kommen konnte.

Ohnehin wird sich der Nahkampf sogar nach astronomischen Maßstäben eine ganze Weile hinziehen. In den nächsten Milliarden Jahren, so schätzen Forscher, werden sich die Kontrahenten immer enger ineinander verkeilen, bis sie endlich zu einer einzigen neuen Galaxie verschmelzen. Diese dürfte dann eine Ellipsenform haben - wie Wissenschaftler vermuten, sind die meisten Sternansammlungen dieser Gestalt das Ergebnis von Kollisionen.

Die Kamera

Das ferne Ensemble porträtierte Hubble bereits im Juni 2000, wobei das bewährte Hauptinstrument des Weltraumteleskops zum Einsatz kam, die Wide Field and Planetary Camera 2. Die nun veröffentlichte Ansicht besteht aus Einzelaufnahmen mit vier verschiedenen Filtern - auf diese Weise können Forscher zum Beispiel Sternentstehungsgebiete leicht identifizieren. Insgesamt war das fliegende Observatorium 4,1 Stunden lang auf das Galaxienquartett gerichtet.



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