Astronomische Ausblicke Walzer der Welten

Um ein neues Instrument am chilenischen Gemini-Teleskop zu testen, haben Astronomen ein kosmisches Tanzensemble ins Visier genommen. Die Galaxien umkreisen sich im Jahrmillionentakt.


Gemini-Aufnahme der Galaxiengruppe HCG 87: Kosmische Ballettgruppe
Gemini Observatory

Gemini-Aufnahme der Galaxiengruppe HCG 87: Kosmische Ballettgruppe

Ein Fotograf, der Tänzer fotografiert, muss mit einer Beschränkung leben: Er kann die Bewegungen nur als statische Szenen festhalten. Noch schlimmer ergeht es jedoch dem Astronomen, wenn er ins tiefe Weltall blickt. Er sieht dort eine einzige Momentaufnahme - ohne jede Hoffnung, die sich über Jahrmillionen erstreckenden Abläufe miterleben zu könnten.

Dennoch hat die starre Ansicht ihren Reiz, wie eine neue Aufnahme des Gemini-Teleskops auf dem Cerro Pachón in Chile beweist. Der südliche von zwei Zwillingen - sein nördlicher Gegenpart steht auf dem Mauna Kea auf Hawaii - hat ein Galaxienensemble im Sternbild Steinbock abgelichtet. Die Mitglieder der "Hickson Compact Group 87", kurz HCG 87, wirken wie fotografierte Tänzer, die noch die eigentliche Choreografie erahnen lassen.

Das Bild

Die kosmische Ballettgruppe in 400 Millionen Lichtjahren Distanz besteht aus mindestens drei Galaxien, die einander in majestätisch langsamen Tempo umkreisen - um ihre Bewegungen nachvollziehen zu können, müsste sich ein Beobachter Hunderte Millionen Jahre Zeit nehmen. Treibende Kraft ist die gegenseitige Anziehung, die letztlich zur Kollision der Sternansammlungen führen wird.

Hubble-Foto von HCG 87: Gezerre der Galaxien
NASA/ STScI/ AURA

Hubble-Foto von HCG 87: Gezerre der Galaxien

Schon jetzt ist zu erkennen, dass das Gezerre bei den Galaxien Spuren hinterlassen hat. Das größte Mitglied der Gruppe, eine in Seitansicht zu sehende Spirale, präsentiert dem Betrachter ein verformtes Staubband. Der Knick im dunklen Gürtel geht, so glauben die Wissenschaftler, auf die Gezeitenwirkungen der anderen Galaxien zurück.

Die Spirale sowie ihr ellipsenförmiger nächster Nachbar besitzen ungewöhnlich aktive Kerne, die vermutlich gefräßige Schwarze Löcher beherbergen. Auch der Dritte im Bunde zeigt vermehrte Aktivität: Die Spirale ganz oben scheint eine Phase starker Sternenbildung zu durchlaufen. Beide Phänomene - die Kerntätigkeit und die Sonnenfabrikation - könnten durch die Interaktion verstärkt worden sein. Ob die kleine Galaxie im Zentrum zur Gruppe gehört oder im Hintergrund liegt, ist unklar.

Die Kamera

Das eindrucksvolle Foto - laut Gemini-Observatorium eine der schärfsten astronomischen Aufnahmen, die je vom Erdboden aus gewonnen wurden - diente den Forschern zum Test des "Gemini Multi Object Spectrograph". Das Instrument, das kürzlich am Acht-Meter-Teleskop in Chile in Betrieb genommen wurde, kann mit seinem 28 Millionen Bildpixel großen Sensorenfeld mehrere hundert Spektren simultan aufzeichnen, lässt sich aber auch als Allzweckkamera verwenden.

Am nördlichen Zwillingsteleskop auf Hawaii ist ein identisches Zwei-Tonnen-Gerät bereits seit Sommer 2001 im Einsatz. Doch auch die Premiere des zweiten Instrumentes konnte die Wissenschaftler noch begeistern. Das am 25. Mai geschossene Foto von HCG 87 reiche in seiner Qualität, so die Gemini-Betreiber stolz, an die Bilder des Weltraumteleskops Hubble heran - obwohl dieses eine ungestörte Sicht ins All hat.

Martin Paetsch

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