"ATV Johannes Kepler" Europas Weltraumfrachter erfolgreich gestartet

Mit einem spektakulären Start in den Nachthimmel hat sich der Raumfrachter "Johannes Kepler" auf den Weg zur Internationalen Raumstation gemacht. Eine "Ariane"-Rakete brachte den Transporter mit Versorgungsgütern und Treibstoff ins All. An Bord ist auch eine Mini-Version unserer Erde.

"Ariane"-Rakete mit "Johannes Kepler" an Bord vor dem Start: "Ereignis des Jahres"
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"Ariane"-Rakete mit "Johannes Kepler" an Bord vor dem Start: "Ereignis des Jahres"

Aus Kourou berichtet


Zuerst brennt der Himmel. Innerhalb von Sekunden färbt sich die abendliche Szenerie am europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch Guayana orange. Dann steigt der brennende Punkt auf. Erst langsam, später immer schneller. Mit Verspätung kommt dann das infernalische Grollen vom Startplatz, das den Boden erzittern und die Magengegend kurz verkrampfen lässt.

An Bord einer "Ariane 5 ES"-Rakete macht sich am späten Mittwochabend Europas Weltraumtransporter "Johannes Kepler" auf den Weg ins All. Es ist die schwerste Last, die eine europäische Rakete jemals in die Umlaufbahn befördert hat. Aus Sicherheitsgründen darf niemand der Rakete beim Start zu nahe kommen. Der am nächsten gelegene Beobachtungspunkt ist deswegen fünf Kilometer entfernt.

Die Zuschauer auf dem leicht erhöhten Aussichtspunkt quittieren das martialische Spektakel nach Sekunden der Atemlosigkeit mit freundlichem Beifall. Hände werden geschüttelt, Schultern geklopft. Währenddessen verschwindet die Rakete donnernd in den niedrig hängenden Wolken. Zwei Tonnen Treibstoff verbrennt das weiße Kraftpaket gerade pro Sekunde. Insgesamt hat die "Ariane" 633 Tonnen davon an Bord. Eine halbe Minute nach dem Zünden des Hauptmotors und der beiden Feststoffraketen künden nur noch riesige Türme aus Rauch vom Abheben der Rakete.

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Raumtransport "Johannes Kepler": Teures Transportvehikel made in Europe
Bis zur letzten Minute hat das Kontrollzentrum die Wetterlage mit Bangen verfolgt, vor allem aus Angst vor Blitzschlägen aus den Gewitterwolken. Der Start in einer Regenpause ging ohnehin erst im zweiten Anlauf über die Bühne. Ein erster Versuch musste am späten Dienstagabend in buchstäblich letzter Minute abgebrochen worden. Beim Nachtanken der "Ariane 5" mit gekühltem flüssigem Sauerstoff war es zu Problemen gekommen. Eine kurzfristige Verschiebung des Starts war nicht möglich, da der Transporter sonst nicht die ISS erreicht hätte. In den verbleibenden 24 Stunden war der betreffende Tank geleert und neu befüllt worden - mit Erfolg.

"Das Ereignis des Jahres"

Genau 127 Sekunden nach dem Start werden die Feststoffraketen von der Rakete abgesprengt. Rund 70 Minuten später gibt die "Ariane" dann den Raumtransporter für die Weiterreise frei. Im Kontrollzentrum "Jupiter" des Weltraumbahnhofs brandet Beifall auf. "Johannes Kepler ist im Orbit", sagt Esa-Chef Jean Jaques Dordain. Vor wenigen Minuten habe er mit dem Astronauten Paolo Nespoli an Bord der Internationalen Raumstation gesprochen. Deren Besatzung habe den Start durch die Aussichtskuppel beobachten und fotografieren können.

Währenddessen klappt der Raumtransporter in rund 270 Kilometern Höhe seine vier Solarpaneele aus. Insgesamt verfügen diese über eine Spannweite von gut 22 Metern. Die Module liefern mit 4800 Watt nur etwa doppelt so viel Energie wie ein haushaltsüblicher Wasserkocher braucht. Doch das reicht aus für den Betrieb des Transporters. "Für die Raumfahrt ist es das Ereignis des Jahres", sagt Alain Charmeau, Chef des EADS-Tochterunternehmens Astrium Space Transportation, wo "Johannes Kepler" gebaut wurde.

Insgesamt acht Tage dauert es nun, bis der Raumtransporter in die Nähe der ISS kommt. Auf seinem Weg orientiert sich "Johannes Kepler" zunächst an der Position der Sterne und an den Signalen der GPS-Satelliten. Auf letzten 250 Metern vor der Station kommt dann ein System zum Einsatz, auf das man bei der Esa besonders stolz ist: Ganz ohne menschliche Hilfe dockt der Raumfrachter am russischen Modul "Swesda" an. Ein ausgeklügeltes Laser-Abstands-Messsystem hilft "Johannes Kepler" am Nachmittag des 24. Februar dabei, sein Ziel auf wenige Zentimeter genau zu treffen.

Weil die ISS kein Fenster in Anflugrichtung hat, verfolgt Esa-Astronaut Paolo Nespoli die Prozedur mit Hilfe einer Kamera. Wenn beim Anflug etwas schief gehen sollte, dann löst der Italiener Alarm aus. Der Transporter bringt sich dann selbsttätig auf Sicherheitsabstand zur Raumstation. Mit dem Roboterarm der Station ließe er sich dagegen nicht zur Raison bringen, weil er dazu aus der falschen Richtung anfliegt.

Experimentelle Mini-Welt im All

Der Transporter bringt insgesamt sieben Tonnen Versorgungsgüter und Sprit zur Raumstation. "Jeder Astronaut braucht im Schnitt sechs Kilogramm Nahrung pro Tag", sagt Simonetta di Pippo, Esa-Direktorin für bemannten Raumflug, Johannes Kepler sei "einer der fundamentalen Pfeiler" bei der Versorgung der Raumstation.

Der Raumfrachter hat aber auch ein wissenschaftliches Experiment an Bord. "Geoflow 2" heißt es - und ist in etwa so groß wie ein Schuhkarton. "Das Ganze ist ein miniaturisiertes Modell der Erde", erklärt Christoph Egbers von der Universität Cottbus. In der Experimentieranordnung gibt es zwei Kugeln, eine größere und in deren Inneren noch eine kleinere. Zwischen den beiden Sphären fließt eine honigartige Flüssigkeit. Sie soll das Magma simulieren, das im Erdmantel wabert.

Mit dem Experiment wollen die Forscher prüfen, ob ihre Computermodelle zum Innenleben unseres Planeten einigermaßen stimmen. Weil die äußere Kugel aus Glas ist, lässt sich die Bewegung der zähen Masse unter den klar definierten Bedingungen des Alls gut beobachten. Die innere Kugel wird beheizt, vergleichbar mit dem Erdkern. Zusätzlich legen die Forscher an die äußere Kugel eine Spannung von zehn Kilovolt an, um in der Mini-Welt das Gravitationsfeld unserer Erde nachzubilden.

Wenn "Johannes Kepler" an der ISS festgemacht hat, wird das Experiment ins Europäische Weltraumlabor "Columbus" gebracht. Von März bis Ende Juni läuft es dann dort. Die Forscher in Cottbus können jederzeit in die Abläufe eingreifen, gerade einmal 15 Sekunden Zeitverzug sind zu beachten. Ob die Versuchsanordnung wieder zurück zur Erde gebracht wird, wissen Forscher Egbers und seine Leute noch nicht.

Vielleicht teilt sie auch das Schicksal von "Johannes Kepler" und verglüht nach Ende ihrer beruflichen Laufbahn in der der Erdatmosphäre. Im Juni soll der Raumtransporter von der ISS abkoppeln, gefüllt mit Müllsäcken und flüssigem Abfall. Wenig später wird das europäische Hightechprodukt in der Erdatmosphäre auseinanderbrechen und verglühen, rund 70 Kilometer über dem Südpazifik.

Doch daran mag an diesem Abend kaum jemand in Kourou denken. Zu groß ist die Begeisterung über den geglückten Start - auch wenn Esa-Chef Dordain einschränkt: "Einen Erfolg verkünden wir erst in sechs Monaten - wenn die Mission zu Ende ist."

insgesamt 27 Beiträge
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.Wajakla. 17.02.2011
1. Planeten juhuuu!
Was würde ich darum geben, die Besiedelung anderer Planeten miterleben zu können ... ;-)
Der_Widerporst 17.02.2011
2. Logikproblem - macht mich mal schlau
Zitat aus dem Artikel von gestern: Technik-Problem verhindert Start von Europas Raumfrachter (http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,745837,00.html) ---Zitat--- Nach ursprünglicher Planung sollte der Raumtransporter mit sieben Tonnen Treibstoff und Versorgungsgütern an Bord am 23. Februar an der Internationalen Raumstation festmachen. Schon einen Tag später wäre dann das Space Shuttle "Discovery" vom Kennedy Space Center in Florida Richtung ISS abgehoben. Weil aber nicht beide Raumfahrzeuge gleichzeitig dort ankommen dürfen, könnte dieser Zeitplan nun in Gefahr geraten. ---Zitatende--- Das Modul soll ja die abgesunkene ISS mit dem mitgebrachten Treibstoff wieder in eine höhere Umlaufbahn heben. Weshalb hat man nicht von vorneherein geplant ERST das Space Shuttle anlegen zu lassen? Zu der niedrigeren Umlaufbahn könnte das Shuttle mehr Nutzlast transportieren. In der geplanten Reihenfolge muß das Space Shuttle, das ja vor allem auch sich selbst transportieren muß und daher eine wesentlich schlechtere Nutzlast/Treibstoff- Effektivität als Kepler hat der angehobenen ISS "hinterherfliegen". Oder wird der Treibstoff nur auf die ISS umgepumpt und erst nach dem Besuch des Shuttle der Orbit angehoben? Dann wäre die Reihenfolge wurscht. So wie ich es verstanden habe, hebt Kepler *angedockt* die ISS an.
felisconcolor 17.02.2011
3. Herzlichen Glückwunsch
für den gelungenen Start. Wieder ein weiterer Schritt der Europäer auf dem Weg in den Weltraum. Wir brauchen uns technologisch nicht zu verstecken. Sondern können als gleichwertiger Partner mit anderen Nationen den weiteren Weg zu anderen Zielen gehen.
kaykr 17.02.2011
4. Fettansätze
Bei 6 kg Nahrung jeden Tag sollte die Astronauten eigentlich doch bald platzen? Oder habe ich was falsch gelesen?
fotograf-ffm 17.02.2011
5. Blick aus dem All
"Vor wenigen Minuten habe er mit dem Astronauten Paolo Nespoli an Bord der Internationalen Raumstation gesprochen. Deren Besatzung habe den Start durch die Aussichtskuppel beobachten und fotografieren können." Die Fotos würde ich gern sehen!
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