"Beagle 2" Europas PR-Crash auf dem Mars

Die Amerikaner haben die Europäer im Rennen zum Mars spektakulär abgehängt. Tag für Tag zeigt die Nasa atemberaubende Bilder ihres Rovers "Spirit". Die Europäer aber haben sich mit "Beagle 2" einen unnötigen Fehlschlag geleistet und sind nun unfähig, den Erfolg des viel wichtigeren "Mars Express"-Orbiters zu vermitteln.

Fast fünfhundert Millionen Kilometer durch die Ödnis des Alls, dann sechs Tage vor dem Ziel noch ein unscharfes Abschiedsfoto - das war's. Nach den erfolglosen Kontaktversuchen zum Mars-Lander "Beagle 2" stellt sich die europäische Mission als Totalflop dar, rausgeworfenes Geld und Wasser auf die Mühlen der Raumfahrtskeptiker. Die Nasa zelebriert derweil ihren Erfolg mit ihrem Mars-Vehikel "Spirit". Nach dem problemlosen touchdown im Gusev-Krater füttert die PR-Küche der US-Weltraumbehörde die hungrige Öffentlichkeit täglich mit "sexy pictures" und gutgelaunten Forscher-Statements.

Orbiter kreist im Verborgenen

Doch der Schein trügt. Das Trauerspiel mit dem bockigen "Beagle" überdeckt die Tatsache, dass der wichtigste Teil der Esa-Mission, nämlich der "Mars Express"-Orbiter, ein voller Erfolg ist. In der Umlaufbahn um den Mars wird die Sonde in den kommenden Jahren ihren ambitionierten Forschungsauftrag erfüllen können. Dumm nur, dass kaum jemand von "Mars Express" gehört hat, dessen deutsche High-Tech-Kameras die Marsoberfläche kartieren sollen.

Die Esa hatte zunächst ausschließlich den Orbiter geplant. Doch im Verlauf der Planungen überzeugte der britische Weltraumforscher Colin Pillinger die Esa-Chefs, einem Passagier an Bord der Express-Sonde eine Mitfahrt zu spendieren: "Beagle 2", ein klappbarer Lander in Leichtbauweise, dem die Briten sogar Instrumente für einfache biologische Experimente einbauten.

Die schöne Idee hatte allerdings einen Haken: Niemals zuvor hatte die Esa eine Landekapsel auf einem planetaren Himmelskörper abgesetzt. Der Mars, unter Raumfahrttechnikern als Sonden verschlingender Todesplanet berüchtigt, war bis dato von europäischen Robot-Besuchern gänzlich unbehelligt.

Nasa-Desaster vor vier Jahren

Der Lander war nicht nur technisch ein riskantes Unternehmen, sondern vor allem, weil die Konstruktion als Billigprojekt durchgeführt wurde. Finanznöte plagten "Beagle 2", für den weniger als 20 Prozent der gesamten Missionskosten ausgegeben wurden. Die Nasa hatte sich 1999 bereits mit einer Billigsonde blamiert: Ihr "Polar Lander" hatte, wie "Beagle 2", eine problemlose Anreise, versagte aber beim Abstieg zur Südpolregion des Mars.

Als wahrscheinlichste Ursache gilt heute ein Konstruktionsfehler im Bremstriebwerk, der durch eingesparte Tests unentdeckt blieb. Und es kam noch dicker: Im selben Jahr scheiterte ein Nasa-Orbiter beim entscheidenden Bahnmanöver. Das Doppeltrauma von 1999 im Hinterkopf, betonte die Nasa im Vorfeld ihrer diesjährigen Landung immer wieder die Gefahren für die Landegeräte - wohl um die öffentliche Wirkung eines möglichen Scheiterns abzufedern.

Esa ließ Vorsprung verstreichen

Während "Beagle 2" Mitte Dezember auf Nimmerwiedersehen in die getrübte Gashülle des Mars stürzte, schwenkte der "Express"-Satellit sicher in seinen vorgesehenen Orbit ein. Somit hat die Esa seit Weihnachten die beste Orbiter-Kamera vor Ort, die je den Mars umkreist hat. Zusätzlich genossen die Europäer gegenüber der Nasa einen Vorsprung von zehn Tagen. Als "Beagle 2" beharrlich schwieg, hätten die Bilder der deutschen Orbiter-Kamera die Erfolgsgeschichte der "Mars Express"-Sonde erzählen können.

Doch bis heute wurden keine Mars-Fotos von der Esa veröffentlicht - obwohl bereits spektakuläre Bilder vorliegen, wie die Raumfahrtbehörde gegenüber SPIEGEL ONLINE bestätigte. Die Esa-Leitung habe aber entschieden, sie erst am kommenden Dienstag zu zeigen. Typisch für die Europäer: Der Streit um den Urheber-Hinweis unter den Bildern hat bei der Esa Tradition - und bremst die PR-Maschine zusätzlich.

Wo ist Plan B?

Mit der "Spirit"-Landung in der staubigen Wüstenei des Gusev-Kraters verwandelte die Nasa ihren Rückstand in einen beeindruckenden Sieg, den die nach dem "Columbia"-Unglück angeschlagene Behörde dringend benötigte. Kurz nach seinem Aufsetzten, noch vor der ersten Erkundungstour des Marsgefährts, rollte bereits die PR-Maschine der Nasa auf Hochtouren.

Ein Plan B für einen negativen Ausgang der "Beagle"-Landung scheint bei der Esa nie existiert zu haben. Drei Wochen lang prägten vielmehr Negativschlagzeilen das Bild von Europas erstem Marsflug. Der Misserfolg von "Beagle 2" überschattet auch die gelungene Mission des Orbiters. In der Öffentlichkeit dürfte vor allem ein Eindruck hängen bleiben: Die Nasa triumphiert, die Europäer können es nicht. Nach der "Spirit"-Landung verspielte die Esa zudem mit dem zögerlichen Einsatz der Orbiter-Kamera die Chance, der Nasa doch noch etwas entgegenzusetzen.

Mitte Februar wird wohl das endgültige Scheitern der "Beagle"-Landung verkündet werden. Pillinger fordert dennoch neue Landeversuche im Jahr 2007. Angesichts des doppelten PR-Ausfalls darf man auf die Unterstützung für solche Ideen gespannt sein.

Sollte die Esa es noch einmal versuchen, wird das "Beagle"-Desaster sie weiter verfolgen: Der Billig-Lander war nicht dafür ausgelegt, während des Landemanövers Daten zu senden. Eine Fehleranalyse als Grundlage für die Verbesserung von Nachfolgesonden wird deshalb zwangsläufig spekulativ. Unterdessen werden sich Wissenschaftler in aller Ruhe über die hochauflösenden Fotos des "Mars Express"-Orbiters beugen. Die breite Öffentlichkeit aber wird das wahrscheinlich kaum mehr zur Kenntnis nehmen.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.