Beinahe-Crash mit Airbus Experten zweifeln an Weltraumschrott-Theorie

Bei den glühenden Objekten, mit denen ein Passagierflugzeug über dem Pazifik beinahe kollidiert ist, handelte es sich wahrscheinlich um Meteoriten. Raumfahrtexperten glauben nicht, dass Weltraumschrott aus dem All abgestürzt ist.

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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Pro Jahr gehen 40.000 Tonnen Meteoriten auf der Erde nieder und lediglich 200 bis 300 Tonnen Weltraumschrott, erklärte Heiner Klinkrad vom European Space Operations Centre (Esoc) der Esa in Darmstadt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Meteorit vom Himmel falle sei deswegen viel größer, als das ein Stück Weltraumschrott in die Atmosphäre eintauche.

Meteorit: Dieser Brocken traf am 5. März ein Haus in Bloomington (USA). Auch bei den glühenden Objekten über dem Südpazifik könnte es sich um Meteoriten handeln
AP

Meteorit: Dieser Brocken traf am 5. März ein Haus in Bloomington (USA). Auch bei den glühenden Objekten über dem Südpazifik könnte es sich um Meteoriten handeln

Gleichwohl will Klinkrad nicht hundertprozentig ausschließen, dass es sich doch um Weltraumschrott gehandelt haben könnte, der am Montagabend beinahe ein chilenisches Flugzeug getroffen hatte. Der Pilot des Airbus A340 der "Lan Chile" hatte berichtet, dass die glühenden Flugkörper knapp acht Kilometer vor seiner Maschine aus dem Himmel gefallen seien. Das Flugzeug sei nur 20 Sekunden von den Objekten entfernt gewesen, erklärte der neuseeländische Luftfahrtexperte Tony Dickson. Das Rumoren der abstürzenden Objekte habe die Geräusche des Flugzeugs übertönt, berichten neuseeländische Zeitungen.

Auch Detlef Albes vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bonn will keine Ferndiagnose wagen, was die Piloten gesehen haben: "Das ist schwer zu beurteilen". Einen Hinweis könne womöglich die Flugbahn des Objektes geben. "Wenn es fast senkrecht vom Himmel fällt, kann man Weltraummüll ausschließen", sagte Alwes. Es bestehe immer ein Risiko, dass Teile von Raumstationen oder Raketen unkontrolliert vom Himmel fallen. Bisher sei aber nie ein Mensch verletzt worden.

Esa-Experte Klinkrad sagte, abstürzende Objekte von Satellitengröße erreichten das Maximum der Aufheizung in 80 Kilometern Höhe. "Dabei zerfallen sie meistens." Ob ein Stück Weltraumschrott auf der Erde ankomme, hänge von seiner Größe ab und vom Material. Rostfreier Stahl und Titan seien beispielsweise sehr hitzebeständig und könnten bis zum Boden durchkommen.

"Es gibt zum Beispiel zahlreiche Berichte über bestimmte Teile von Delta-2-Raketen, die auf der Erde gefunden wurden." Dazu gehöre der 250 Kilogramm schwere Edelstahltank der letzten Raketenstufe, ein Gasbehälter aus Titan und die Brennkammer." Mit Delta-2-Raketen schießen die Amerikaner unter anderen ihre GPS-Satelliten ins All.

"Die Russen sind Experten"

Airways-New-Zealand-Sprecher Ken Mitchell hatte erklärt, es könne sich um die Reste des russischen Frachtraumschiffs "Progress M-58" gehandelt haben, die in der Erdatmosphäre verglüht seien. Die russische Raumfahrtbehörde dementierte dies jedoch umgehend. Zum Zeitpunkt des Zwischenfalls sei der Progressfrachter noch an der ISS angedockt gewesen, sagte ein namentlich nicht genannte Experte der Agentur Interfax. Das Transportraumschiff sei erst zwölf Stunden später in den Südpazifik gestürzt. Der Experte vermutete, die Piloten hätten Teile eines abstürzenden Satelliten oder eines Meteoriten gesehen.

Der Esa-Weltraumschrottexperte Klinkrad glaubt nicht, dass das "Progress"-Raumschiff zwölf Stunden früher abgestürzt ist als angekündigt. "Die Russen sind Experten, was die Berechnung des Wiedereintritts-Zeitpunkts betrifft", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Raumfahrtagenturen würden vorab über geplante Abstürze von Weltraumschrott informieren, so Klinkrad. "Wenn man weiß, dass größere Objekte abstürzen oder gezielt zum Absturz gebracht werden, wird eine Warnung an Flugzeuge und Schiffe herausgegeben" - eine sogenannte Notice to Airmen (NOTAM). Flugzeugen werde empfohlen, den Bereich zu umfliegen, Schiffe sollten sich dort möglichst nicht aufhalten.

Explosion beim Eintritt

Berichte von Piloten über glühende Objekte gibt es laut Klinkrad immer wieder. Man wisse jedoch meist nicht, ob es sich um Weltraumschrott oder kosmische Objekte handle. "Größere Meteoriten, die aus Eisen und Nickel bestehen, kommen im allgemeinen unten an", sagte der Esa-Wissenschaftler. "Meteoriten aus Stein explodieren hingegen, sofern sie nicht deutlich größer als 60 bis 70 Meter sind." Ein Beispiel dafür sei das Tunguska-Ereignis, bei dem 1908 ein großes Stück Wald in Sibirien zerstört wurde.

Was genau am Montagabend über dem Südpazifik passiert ist, lässt sich womöglich rekonstruieren. In den USA werden alle im All schwebenden Müllteile erfasst. Die Informationen laufen bei der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa zusammen. "Wenn ein größeres Weltraumteil herunter gekommen ist, dann werden die Amerikaner das in ein paar Tagen wissen", sagte DLR-Experte Alwes.



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