Schürfmissionen im Sonnensystem Forscher warnen vor Ressourcen-Raubbau im All

Droht ein neuer Goldrausch? Forscher sorgen sich um die Ringe des Saturn und warnen vor Ressourcen-Raubbau im Weltraum. Schutzgebiete wie auf der Erde seien eine mögliche Lösung.

Bergbau im All: Eine Art zweiter Goldrausch
Tobias Roetsch/ Stocktrek Images/ Getty Images

Bergbau im All: Eine Art zweiter Goldrausch


Das Sonnensystem muss vor Ressourcen-Raubbau geschützt werden. Das fordern Forscher in einer Studie im Fachmagazin "Acta Astronautica". Nach ihrer Einschätzung sollten gut 85 Prozent unseres Sonnensystems vom Bergbau im All verschont bleiben.

Noch vor wenigen Jahren galt die Idee, auf Asteroiden oder fernen Planeten Metalle und andere Rohstoffe zu schürfen, als Science-Fiction. Nun nimmt das Vorhaben immer konkretere Züge an. Am 10. Mai 2019 haben die USA und Luxemburg eine detaillierte Absichtserklärung unterzeichnet, nach der beide Staaten beim All-Bergbau künftig eng zusammenarbeiten wollen. Auch Industrieverbände in Europa und Deutschland fordern, sich das Geschäft nicht entgehen zu lassen.

Die Technik für den Bergbau im Weltraum ist zwar noch nicht ausgereift, Forscher warnen aber schon jetzt davor, den Ressourcen-Raubbau auf der Erde im All fortzusetzen: "Was machen wir zum Beispiel mit den Ringen des Saturn?", fragt der Astrophysiker Martin Elvis vom Smithsonian Astrophysical Observatory in Cambridge, Massachusetts, im "Guardian". Sie seien wunderschön, fast reines Wassereis. "Ist es okay, sie abzubauen, sodass sie in hundert Jahren verschwunden sind?"

Rote Linie für das Schürfen im All

Nach Einschätzung des Forschers könnten die ersten Schürfmissionen innerhalb der nächsten zehn Jahre ins All starten. "Wenn es einmal angefangen hat und die ersten Firmen großen Profit machen, wird es eine Art zweiten Goldrausch geben. Wir müssen das ernst nehmen."

Allerdings seien die Fähigkeiten von Menschen begrenzt, wenn es darum gehe, "Probleme vorherzusehen, bevor die Dinge weit fortgeschritten sind", schreibt Elvis zusammen mit dem Philosophen Tony Milligan vom King's College in London. Darum sei es wichtig, eine Art rote Linie für das Schürfen im All festzulegen.

Höchstens ein Achtel der Rohstoffe in unserem Sonnensystem darf laut Studie abgebaut werden. Denn unter anderem das Bevölkerungswachstum führe dazu, dass der Ressourcenbedarf exponentiell wachse. Daher sei davon auszugehen, dass auch die Nachfrage nach Rohstoffen aus dem All exponentiell ansteige. Wenn erst einmal ein Achtel der Rohstoffe verbraucht sei, sinke der Bestand rasant, so die Forscher.

Drei Wachstumssprünge und die Rohstoffe sind weg

Zur Illustration machen die Wissenschaftler folgende Rechnung auf:

  • An ihrer Abbaugrenze ist 1/8 der Rohstoffe verbraucht. Wenn sich die Nachfrage nun verdoppelt, ist bereits 1/4 des Materials weg (1/8*2=1/4).
  • Bei einer erneuten Verdopplung wäre die Hälfte der Rohstoffe abgebaut (1/4*2=1/2).
  • Steigt die Nachfrage nun noch einmal um den Faktor zwei, bleibt nichts mehr übrig (1/2*2=1).

Es braucht ab der Ein-Achtel-Schwelle also nur drei extreme Wachstumssprünge, bis alle Rohstoffe verbraucht sind.

"Wenn wir darüber jetzt nicht nachdenken, machen wir weiter wie immer und in ein paar Hundert Jahren haben wir eine Rohstoffkrise, die viel schlimmer ist als aktuell auf der Erde", sagte Elvis. Sei das Sonnensystem erst ausgebeutet, bleibe nichts mehr übrig.

Das Ein-Achtel-Prinzip sei zudem weniger restriktiv, als man zunächst denken könne. Ein Achtel des Eisenbestandes im Asteroidengürtel unseres Sonnensystems sei bereits eine Million Mal größer als die geschätzten Eisenreserven der Erde, schreiben die Forscher.

Welche Regionen unseres Sonnensystems geschützt werden sollen, müsse noch im Detail diskutiert werden, denkbar seien aber Schutzgebiete nach Vorbildern auf der Erde. So könnte der Valles Marineris, der größte Canyon auf dem Mars, einen ähnlichen Status bekommen wie der Grand Canyon auf der Erde.

jme



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.