Forschungszentrum Envihab Die Astronauten-Tester von Köln

30 Millionen Euro kostet der Bau, ausgestattet mit der modernsten Technik. Am Rhein eröffnet das Forschungszentrum Envihab. Mediziner testen dort die Auswirkungen von Langzeitraumflügen auf den menschlichen Körper. Doch warum braucht Deutschland so ein Trainingszentrum für Astronauten?

DLR

Von , Köln


Sicher, es winkt ein Platz in den Geschichtsbüchern. Aber alles in allem muss man sich die erste Landung von Menschen auf dem Mars doch als eher beschwerliche Angelegenheit vorstellen. Zumindest wenn die Raumfahrer nicht richtig vorbereitet sind. Ihr Herz-Kreislauf-System dürfte nach langer Unterforderung geschwächt sein, das Immunsystem angeschlagen, die Knochen brüchig und die Muskeln verkümmert - ein bisschen vereinfacht gesprochen.

"Und dann ist nach der Landung niemand da, der einem aus der Kapsel hilft", sagt Peter Gauger vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Auf der Erde werden landende Raumfahrer von einer Armada von Helfern empfangen, doch auf dem Mars müssten sie allein klarkommen. Zusammen mit Kollegen forscht der Weltraummediziner unter anderem daran, wie sich Raumfahrer fit halten können. Am DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln ist dafür am Freitag ein neues Forschungszentrum eröffnet worden: das Envihab.

Der 30 Millionen Euro teure Bau - das Geld stammt ungefähr zur Hälfte vom Land Nordrhein-Westfalen und vom DLR - ist stolze 3500 Quadratmeter groß. Doch stellt sich die Frage: Warum leistet sich Deutschland so ein Institut?

Optisch kommt das Labor futuristisch daher: Unter einer mit zahllosen Löchern verschiedener Größe versehenen Metallfassade zieht sich ein Band von Panoramafenstern um das Haus. Wer dann über eine Betontreppe ins Souterrain hinabsteigt, findet im Envihab ein halbes Dutzend sogenannter Module, jeweils nur wenige Schritte voneinander entfernt unter einem Dach.

Kopf sechs Grad nach unten geneigt

Da ist etwa das Schlaf- und Physiologielabor. Dessen Patientenzimmer - weiße Wände, grauer Fußboden und funktionales Mobiliar - erinnern ein wenig an Gefängniszellen. Und auf eine Art sind sie das auch, immerhin können hier bis zu zwölf Probanden die Isolationsbedingungen eines Langzeitfluges im All erleben. Oder bis zu zwei Monate liegend im Bett verbringen, mit dem Kopf sechs Grad nach unten geneigt, was zu ähnlichen Effekten wie bei der Schwerelosigkeit führt.

In einem anderen Modul können Forscher mit einer brandneuen Kurzarmzentrifuge bis zu vier Probanden gleichzeitig herumwirbeln, beaufsichtigt von Ärzten und Technikern. Die bis zu sechsfache Erdbeschleunigung lässt den Testpersonen das Blut in die Beine sacken. Auch hier geht es um die Wirkung von wechselnder Schwerkraft auf den Körper. Mit einem Ultraschallgerät an einem Roboterarm lässt sich unter anderem laufend die Herzfunktion testen.

In den weiteren Abteilungen des Envihab werden Freiwillige einer Flut von Sinnesreizen oder - in einer mehr als hundert Quadratmeter großen Druckkammer - sehr niedrigem Luftdruck ausgesetzt. Ein Magnetresonanztomograf mit angeschlossenem PET-Scanner erlaubt auch Blicke ins Körperinnere.

Oder besser gesagt: Soll erlauben. Denn zur Eröffnung ist das Envihab zum großen Teil noch eine Baustelle. Längst noch nicht jedes Kabel ist verlegt, längst nicht jedes Labor eingerichtet. Erste größere Studien sind für das kommende Jahr geplant.

Medizinische Prüfung für Weltraumtouristen geplant

"Wir haben mit dem Envihab eine komplexe Studienanlage zur Untersuchung des gesamten Menschen, die weltweit einzigartig ist", schwärmt Institutschef Rupert Gerzer. Nun könnte man fragen, warum Deutschland - auf absehbare Zeit hat das Land mit Alexander Gerst genau einen aktiven Raumfahrer - so ein Zentrum eigentlich braucht. Doch Gerzer sagt, in dem neuen Labor werde nicht nur für Astronauten geforscht: Von den Erkenntnissen sollen zum Beispiel auch chronisch Kranke oder bettlägerige Patienten auf der Erde profitieren.

Der Institutsleiter sieht sein Haus in der Grundlagenforschung vorn dabei, aber auch bei der Durchführung klinischer Studien. Er verweist auf Kooperationsabkommen der Uni Bonn, dem Klinikkonzern Asklepios und der Krankenkasse Barmer GEK. "Für den Betrieb von Envihab wird die Finanzierung durch das DLR nicht erhöht", verspricht Gerzer.

Welche Partner sich der Institutschef dabei ebenfalls vorstellt, zeigt ein spektakuläres Ausstellungsobjekt vor dem Laborgebäude. Dort steht seit einigen Tagen das Modell eines Raketenjets vom Typ "Lynx", die Nase stolz gen Himmel gereckt. Es stammt von der Weltraumtourismusfirma SXC. Die will Flüge in die äußersten Schichten der Erdatmosphäre anbieten und ihre Gäste in Köln medizinisch betreuen lassen. Der Vertrag ist allerdings noch nicht unterschrieben.

Bereits in trockenen Tüchern ist laut Gerzer dagegen ein anderes Projekt: Am DLR will man in Zukunft Astronauten nach ihrer Rückkehr aus dem All durchchecken. Losgehen soll es kommendes Jahr mit Alexander Gerst. Gleich nach seiner Landung soll er direkt an den Rhein gebracht werden - und nicht wie bisher für Raumfahrer üblich nach Moskau oder Houston. "Das ist das erste Mal in der europäischen Raumfahrt", jubelt Gerzer.

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insgesamt 19 Beiträge
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Spiegeluniversum 05.07.2013
1.
Das Europäische Astronautenzentrum ist in Köln. Es ist also der ideale Ort im esa-Raum für so ein Forschungszentrum. ---Zitat von SPON--- Nun könnte man fragen, warum Deutschland - auf absehbare Zeit hat das Land mit Alexander Gerst genau einen aktiven Raumfahrer - so ein Zentrum eigentlich braucht. ---Zitatende--- Hans Schlegel ist noch aktiv.
donald_rumsfeld 05.07.2013
2.
Wenn man bedenkt was die Rettung der HRE gekostet hat. Ausserdem darf man den Flughafen Berlin, Stuttgart 21 und die Elbphilharmonie nicht vergessen. Von dem ESFS bzw. ESM soll jetzt gar keine Rede sein. Betrachtet man diese Ausgaben, erscheint es sehr sinnvoll, auch im Blick für die Zukunft, solch ein Forschungszentrum zu bauen. Denn hier werden Werte geschaffen in Form von Daten und nicht nur Geld ausgegeben zur Prestigezwecken
Markus Landgraf 05.07.2013
3. Gute Sache
Forschung für Langzeitaufenthalte im All ist sinnvoll - und viel billiger - als Voratsdatenspeicherung
Markus Landgraf 05.07.2013
4. Gute Sache
Forschung für Langzeitaufenthalte im All ist sinnvoll - und viel billiger - als Voratsdatenspeicherung
raumzeit3000 05.07.2013
5. Interessanter Bericht
"Und dann ist nach der Landung niemand da, der einem aus der Kapsel hilft" Na sowas! :-)
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