"Biomass" Neuer Esa-Satellit vermisst die Wälder der Welt

Ein neuer Radarsatellit aus Europa soll die Wälder der Erde unter die Lupe nehmen. Mit ungekannter Präzision wird er die Kohlenstoffspeicher vermessen - und Abkommen überwachen, bei denen Waldbesitzer Geld bekommen, wenn sie die Säge nicht ansetzen.

Regenwald (auf Borneo, Dezember 2007): Radarmessungen in ungekannter Präzision
AFP

Regenwald (auf Borneo, Dezember 2007): Radarmessungen in ungekannter Präzision


Wie viel Kohlenstoff ist in den Wäldern der Erde gespeichert? Ein neuer Satellit aus Europa soll eine Antwort auf diese Frage finden. Die Europäische Weltraumorganisation (Esa) kündigte an, dass die Mission namens "Biomass" im Jahr 2020 starten soll. Der rund 1,2 Tonnen schwere Radarsatellit soll die Erde in 630 bis 660 Kilometern Höhe umkreisen. Als Missionsdauer sind fünf Jahre angesetzt.

Bisher wissen Forscher zwar, dass Wälder - vor allem in den Tropen - ein wichtiger Speicher für Kohlenstoff sind. Klar ist auch, dass diese natürlichen CO2-Senken in den vergangenen Jahren einen Großteil der stetig steigenden Kohlendioxid-Emissionen der Menschheit aufgenommen haben. Doch eine genaue Bilanzierung ist alles andere als einfach. Messeinsätze von Flugzeugen aus gab es, doch die globale Perspektive fehlte. Hier soll der rund 420 Millionen Euro teure Satellit mit bisher ungekannter Präzision helfen.

Zum Einsatz kommen besonders langwellige Radarstrahlen des sogenannten P-Bandes. Wenn sie unterschiedlich polarisiert sind, werden sie von jeweils verschiedenen Bereichen der Vegetation reflektiert. Ein - beim Start zunächst gefalteter - Reflektor mit 20 Metern Durchmesser am Satelliten fängt sie dann wieder auf. Nach mehreren Überflügen lässt sich so die Höhe der Bäume berechnen - und daraus wiederum die gesamte Biomasse.

Die Informationen sind auch wichtig, wenn im Rahmen von Redd genannten Programmen ("Reduzierte Emissionen aus Waldzerstörung und Walddegradierung") Waldbesitzer in großem Stil dafür entschädigt werden, dass sie ihre Bäume aus Klimaschutzgründen nicht fällen.

Streit um Frequenzen

Klar scheint, dass die Wälder der Erde insgesamt schrumpfen. Die Umweltschutzorganisation WWF geht davon aus, dass unser Planet innerhalb der vergangenen 8000 Jahre gut ein Drittel seiner Waldbedeckung eingebüßt hat. In Europa - Russland ausgenommen - wachsen die Wälder allerdings aktuell auch wieder.

Der neue "Biomass"-Satellit soll übrigens nicht nur für Wald- und Klimaexperten interessante Daten liefern. Dank seines Radars kann er auch die Topografie unter dichter Vegetation erfassen oder die Bewegung von Gletschern und Eisschilden. Die Mission hilft also auch dabei, das Antlitz der Erde noch etwas genauer zu vermessen.

Ein Problem gibt es allerdings: Die vom Radar des Satelliten verwendeten Frequenzen sind erst vor einigen Jahren von der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) dafür freigegeben worden. Und die USA nutzen sie für die Beobachtung von Weltraumschrott und andere militärische Anwendungen. Zwar sind dazu laut einem "Nature"-Bericht Gespräche geplant - doch im schlechtesten Fall müssten die Europäer ihr Radar wohl über Teilen Nordamerikas und womöglich sogar Europas abschalten, wenn es zu keiner Einigung zwischen der Esa und der US-Luftwaffe kommt. Die betreffenden Radarstationen stehen im US-Bundesstaat North Dakota, auf Grönland und in Großbritannien.

"Biomass" gehört zu den "Earth Explorers"-Missionen der Esa. Es wäre nach aktueller Planung der siebte Satellit in dem Programm, das sich die Erkundung der Erde aus dem All zur Aufgabe gemacht hat. Drei Missionen fliegen bereits:

Noch in diesem Jahr soll außerdem die Mission "Swarm" starten, die sich das Magnetfeld der Erde vornehmen wird. Die dann folgenden Satelliten werden sich mit der Verteilung der Winde sowie Schwebstoffen in der Atmosphäre befassen.

chs



insgesamt 3 Beiträge
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muttisbester 08.05.2013
1. Wald, der Feind der Zivilisation
...in 8000 Jahren ist also ein Drittel des Weltwaldbestandes verschwunden. Gut! Denn zum einen ist dafür nicht nur der Mensch verantwortlich - der NATÜRLICHE Klimawandel hatte ja - bekanntlich die Sahara vor ca. 6000 Jahren in eine Wüste verwandelt - nein, nur durch diesen Klimawandel, konnten die Menschen überhaupt erst aus Afrika auswandern. Vorher war es schlicht unmöglich, weil zu kalt. Auch hier in Europa war bis vor wenigen hundert Jahren der Wald ein Feind der Zivilisation. Wenn man etwas anbauen wollte, musste unter hohen Anstrengungen erst mal gerodet werden, und dann mühsam das wertvolle Ackerland vom Wald freigehalten werden. Deswegen entstanden die ersten Zivilisationen auch nicht im Wald, sondern in Ebenen ohne viel Wald. Also, Wald ist nicht per se gut oder schlecht.
mopsfidel 08.05.2013
2. Doppeldeutige Überschrift
Der Wald wird prinzipiell auch immer mehr vermisst.
felisconcolor 08.05.2013
3. schon erschreckend
Zitat von mopsfidelDer Wald wird prinzipiell auch immer mehr vermisst.
wo sind sie denn nur hin? Armer kleiner Satellit, ganz allein
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