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Verpatzte Premiere für "Starliner"-Raumschiff (Bei) Boeing geht die Düse (nicht)

Ein neues Boeing-Raumschiff sollte erstmals Fracht zur Internationalen Raumstation bringen - bevor beim nächsten Mal Menschen einsteigen. Doch die Premiere scheiterte an einer Triebwerksteuerung. Der Konzern hat ein weiteres Problem.

Zu den wichtigsten Eigenschaften eines Astronauten gehört es, die Ruhe zu bewahren. Immer. Daher machten Nicole Mann und Mike Fincke auch einen ausgesprochen gefassten Eindruck. "Das sind die Dinge, für die wir Zeit in unserem Training verwenden", beteuerte Fincke am Freitag auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz mit Nasa-Chef Jim Bridenstine.

Kurz zuvor war bekannt geworden, dass es beim ersten Flug des neuen Boeing-Raumschiffs "Starliner" zu massiven Schwierigkeiten gekommen war. Durch einen Timing-Fehler hatte die Kapsel auf dem Weg zur Internationalen Raumstation (ISS) ihre Düsen zum vollkommen falschen Zeitpunkt aktiviert. Dadurch wurde so viel Treibstoff in einem unpassenden Orbit verbrannt, dass sich die Station nicht mehr erreichen ließ. Eilig gen Himmel geschickte Korrekturkommandos verhallten ungehört. Nachdem zwischenzeitlich sogar ein unkontrollierter Absturz zu befürchten war, soll der "Starliner" nun am Sonntag auf der White Sands Missile Range im US-Bundesstaat New Mexico vorfristig aufsetzen.

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"Unsere Crew wäre sicher gewesen", das ist die Botschaft von Nasa-Chef Bridenstine. Auf der Pressekonferenz erklärten Mann und Fincke, dass sie - hätten sie in der Kapsel gesessen - die falsche Zündung der Düsen von Hand korrigiert hätten. Zusammen mit Kommandant Chris Ferguson sollen sie den bemannten Premierenflug zur ISS absolvieren. Wann auch immer der nun stattfindet.

Zweimal im Hintertreffen

Nach dem Desaster um die Boing 737 Max ist es das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass der größte Luft- und Raumfahrtkonzern der Welt einen Rückschlag bei einem strategisch wichtigen Projekt hinnehmen muss. Auch wenn natürlich viele Details unterschiedlich sind, scheint die Grundkonstellation zumindest vergleichbar: Boeing befand sich jeweils in einer Situation, wo sich die Firma durch einen aggressiven, schnell wachsenden Wettbewerber herausgefordert sah. Und patzte in beiden Fällen.

Hintergrund der Entscheidung, die Boeing 737 Max zu entwickeln, war zum Beispiel der Wunsch, dem Erfolg von Airbus etwas entgegenzusetzen. Der europäische Konkurrent hatte mit seinem A320neo vor allem bei den boomenden Billigairlines punkten können. Boeing konnte oder wollte sich die Zeit nicht nehmen, ein komplett neues Flugzeug zu konzipieren. Stattdessen wurde die alte 737 mit neuen Triebwerken ausgestattet, wodurch sich jedoch die Flugeigenschaften in Extremsituationen verändert hätten.

Um die Maschinen trotzdem sicher in der Luft zu halten und den Aufwand beim Training der Piloten zu minimieren, programmierte man ein Sicherheitssystem namens MCAS, das jedoch Probleme machte: Bei zwei Abstürzen in Indonesien und Äthiopien starben 346 Menschen. Seit Monaten haben die Jets weltweit Startverbot. Boeing setzte die Produktion trotzdem zunächst fort, muss sie aber nun zum Jahresende stoppen: Weil niemand die Maschinen abnimmt, verstopften sie alle Stellplätze am Werk in Renton im US-Bundesstaat Washington.

Boeing hat durch die Krise der 737 Max Dutzende Milliarden von Dollar an Börsenwert verloren. Die Raumfahrtaktivitäten der Firma waren stets ein gutes Stück weit auf die Einnahmen aus dem zivilen Luftfahrtgeschäft angewiesen. Firmensprecher Gordon Johndroe erklärte gegenüber der "Washington Post" , man könne die Probleme beim "Starliner" und die Abstürze der 737 Max nicht vergleichen. Die Softwareentwicklung für die Raumfahrtsparte erfolge mit unterschiedlichen Ansätzen und Mitarbeitern.

Die Zeitung zitiert allerdings auch den Luftfahrtanalysten Todd Curtis, der früher als Ingenieur bei Boeing gearbeitet hat. Demnach sei es zu seiner Zeit zum Beispiel durchaus üblich gewesen, dass sich verschiedene Firmenteile unterstützt hätten. So habe er als Angestellter im zivilen Luftfahrtprogramm auch zeitweise bei Projekten der Militärflugzeugsparte ausgeholfen.

Milliardenunterstützung von der Nasa

Bei den Problemen beim "Starliner" ist niemand gestorben. Und die Raumfahrer Mann, Fincke und Ferguson vermitteln einigermaßen glaubhaft den Wunsch, möglichst schnell in das Raumschiff einsteigen und abheben zu dürfen. Doch auch hier entwickelte Boeing einem lange Zeit erfolgreichen Wettbewerber hinterher: Das Privatraumfahrtunternehmen SpaceX von Elon Musk hat seinen "Crew Dragon" im März zumindest schon einmal unbemannt zur Raumfahrtstation geschickt. Im nächsten Jahr soll es dann den ersten Testflug mit Menschen an Bord geben. Außerdem beliefert die Firma die Raumstation schon seit Jahren erfolgreich mit Fracht. Dabei ist nur einmal, im Juni 2015, eine "Dragon"-Kapsel explodiert.

Die Vereinigten Staaten sind seit 2011 auf russische Hilfe angewiesen, um ihre Astronauten in die Umlaufbahn zu befördern. So geht es auch den anderen ISS-Partnern aus Europa, Kanada und Japan. Boeing und SpaceX sollen das ändern und haben dafür Verträge über 4,2 Milliarden beziehungsweise 2,1 Milliarden Dollar von der Nasa bekommen. Dafür müssen nach erfolgreichen Tests jeweils sechs reguläre Flüge mit vier Männern und Frauen an Bord erfolgen. Um das Ziel tatsächlich zu erreichen, hat die Nasa  Boeing bereits mit weiteren 4,8 Milliarden Dollar, SpaceX mit 3,1 Milliarden Dollar unterstützt.

Boeing: "Sicherheitsbasierter Ansatz" als "Unterscheidungsmerkmal"

Zuletzt hatten sich die Zeitpläne bei beiden Firmen aber immer wieder verschoben, sodass die Nasa bereits mehrfach Sitze in russischen "Sojus"-Kapseln nachkaufen musste. Ob sich der fehlgeschlagene "Starliner"-Test einen bemannten Start noch weiter verzögert, ist derzeit noch nicht klar. Nasa-Chef Bridenstine erklärte, man habe weiter großes Vertrauen in Boeing.

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Boeing-Chef Dennis Muilenburg hatte in diesem Jahr in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters erklärt, es gebe ein Alleinstellungsmerkmal seiner Firma: Man habe einen "sehr bewussten, sicherheitsbasierten Ansatz" für Projekte wie den "Starliner". Auf lange Sicht werde das "ein Unterscheidungsmerkmal sein".

Wie groß das Vertrauen der Nasa in das Unternehmen und seine Versprechen ist, konnte man zuletzt im November sehen. Da war ein Bericht  des Office of Inspector General (OIG) bekannt geworden. Demnach wird die Nasa an SpaceX etwa 55 Millionen Dollar pro Astronauten-Sitzplatz in einer "Dragon"-Kapsel zahlen, die Russen bekamen zuletzt etwa 86 Millionen für ein "Sojus"-Ticket. Boeing dagegen soll nicht weniger als 90 Millionen pro Reisendem im "Starliner" erhalten.

Boeing hatte die Berechnung angefochten  und erklärt, dass man unter anderem noch zusätzliche Fracht mitnehme. Außerdem seien die Ausgangsbedingungen der Projekte unterschiedliche. Man habe bei der Entwicklung des "Starliner" von null beginnen müssen, SpaceX dagegen habe auf seiner unbemannten "Dragon"-Kapsel aufbauen können: "Wir haben viel später angefangen und uns bemüht, denselben Fahrplan einzuhalten", so Boeing. Vielleicht war aber auch genau das ein Problem.