Bushs Raumfahrtpläne "Nicht mehr als eine teure Show"

Die All-Visionen von US-Präsident Bush werden exorbitant teuer. Der wissenschaftliche Wert ist fraglich. Doch das Prestige-Projekt erntet nicht nur scharfe Kritik, sondern löst auch Begeisterung aus.
Von Alexander Schwabe und Holger Dambeck

Hamburg - Bei der Nasa war man mehr als erleichtert. George W. Bush hat die Wissenschaftler mit seiner Rede zur Weltraumfahrt aus den Tiefen der Perspektivlosigkeit gerissen. "Wir sind erfreut, dass der Präsident dies getan hat", sagte Harold Gehman, ehemaliger Vorsitzender des Untersuchungsteams zum "Columbia"-Absturz. Von Myriaden neuer Aufträge ist die Rede. Einhergehen könnte eine komplette Neuorganisation der Behörde.

So groß die Begeisterung in den Nasa-Niederlassungen, so groß die Skepsis andernorts. Die Weltraumrivalen aus früheren Zeiten im fernen Russland halten nicht viel von Bushs Ankündigungen. Juri Saizew, Sprecher des Moskauer Instituts für Weltraumforschung, dem russischen Flaggschiff für Kosmos-Fragen, versteht angesichts der All-Phantasien die Welt nicht mehr. Das Vorhaben, eine ständige Mondbasis zu errichten und von dort Menschen auf eine jahrelange Reise zum Mars zu schicken, hält er für nicht seriös: "Selbst für das wohlhabende Amerika ist eine Expedition zum Mars, wenn es denn überhaupt dazu kommt, nicht mehr als eine teure Show."

Ist es Neid oder Realismus? Auch Experten in den USA stimmen mit dem russischen Fachmann überein. Marco Caceras führender Analyst für Weltraumforschung der Teal-Gruppe in Arlington, Virginia, sagt, er stufe Bushs Initiative bestenfalls als "hohl" ein. "Es ist kein Ernst zu nehmender Vorschlag." Die 200 Millionen Dollar zusätzlich pro Jahr seien grade mal halb so viel Geld wie für einen Shuttle-Start gebraucht wird. "Bush will als derjenige gelten, der die Idee hatte - die Sorgen sollen sich andere machen", sagt Caceras.

"Beweis für US-Vormachtstellung im Kosmos"

Bushs angekündigtes gigantisches Projekt wird in weiten Kreisen der Politik und Wissenschaft als ein Mega-Prestige-Objekt aufgefasst. Wirtschaftlich wie wissenschaftlich gilt es als äußerst fragwürdig. Saizew: "Wissenschaftlich ist nichts prinzipiell Neues zu erwarten." Ziel des amerikanischen Präsidenten sei es lediglich, "aller Welt und den Amerikanern selbst die US-Vormachtstellung im Kosmos zu beweisen."

In Berlin stuft man Bushs hochtrabende Pläne ähnlich ein. Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hat sich gegen die bemannte Raumfahrt ausgesprochen. Weltraumprojekte müssten "den Menschen auf der Erde nutzen". Insofern sei es zu rechtfertigen, Investitionen in unbemannte Expeditionen ins All zu tätigen, weil sie zur Entwicklung neuer Robotertechniken beitrügen, die auch auf der Erde zu nutzen seien. Bemannte Missionen jedoch seien ein Vielfaches teurer und auch riskanter.

Bulmahn favorisiert unbemannte All-Projekte

Auch in den USA gibt es Zweifel am Sinn bemannter Flüge ins All. Der Nasa-Historiker Alex Roland sprach von Hunderten Milliarden Dollar, die allein für Bau und Unterhalt einer bemannten Mondstation nötig seien. Und weitere 100 Milliarden würden fällig, um Menschen zum Mars zu bringen. Roboter könnten aber den Mars besser erforschen und kosteten ein Zehntel, betonte er.

Derartige Skepsis wird gegen Menschen im All wird jedoch nicht überall geteilt. Bei der Deutschen Mars Society hat Bushs Ankündigung für emotionalen Auftrieb gesorgt. "Jetzt kann die Nasa durchstarten", zeigt sich Markus Landgraf, Vorsitzender der Marsgesellschaft, euphorisch. Diese Projekte seien eine Antriebsfeder für Forschung und Wirtschaft. Er forderte die Bundesregierung gar auf, eine bemannte Marsmission finanziell zu unterstützen. So hätten auch deutsche Forschungsinstitute und Unternehmen die Chance, an der Entwicklung teilzuhaben.

Die Kosten für Bushs ehrgeiziges Projekt stehen in den Sternen. Der Präsident hat sich um realistische Aussagen zur Finanzierung gedrückt. Er kündigte lediglich an, er wolle den Jahresetat der Nasa von rund 15 Milliarden Dollar um eine Milliarde aufstocken, verteilt auf fünf Jahre. Innerhalb des Nasa-Budgets sollten elf Milliarden umgeschichtet werden.

Dreistelliger Milliardenbetrag

Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass ein bemannter Marsflug bis zu 100 Milliarden Dollar kosten dürfte. Laut Sigmar Wittig, Vorstandsvorsitzender beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), kostet ein derartiges Unternehmen "dreistellige Milliardenbeträge".

Das ist selbst vielen Konservativen in den USA zu viel. Stephen Moore, Präsident des einflussreichen konservativen Klubs für Wachstum, sagt: "Bush gibt Geld aus, als ob wir es wie Heu hätten - und das haben wir nicht." Moore rechnet mit 500 Milliarden über die kommenden 25 Jahre.

Das Nationale Radio NPR zitiert einen republikanischen Politiker mit den Worten: "Er wird längst als Pensionär im Schaukelstuhl sitzen, wenn wir die wirklichen Kosten bezahlen müssen. Er gilt dann als der Visionär und wir müssen uns überlegen, wo wir im Gesundheitswesen oder bei Sozialleistungen kürzen, um Expeditionen auf Mond und Mars zu finanzieren." Seinen Namen wollte der Abgeordnete jedoch nicht nennen.

Und auch die "Washington Post" stellt den Sinn des ebenso kostspieligen wie entbehrlichen Projekts in Frage: Die Nation stehe einem klaffenden Haushaltsdefizit gegenüber, habe pädagogische und gesundheitliche Probleme zu lösen und sehe sich mit einer internationalen Bedrohung durch den Terrorismus konfrontiert.

So sieht es einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP zufolge die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung: 55 Prozent der Befragten gaben an, die horrenden Summen sollten besser ins marode Bildungs- und Gesundheitswesen fließen. Es scheint, als ob der erhoffte "Kennedy-Effekt" nicht anschlägt. Noch ist es Bush nicht gelungen, die Nation zu fesseln.

Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Senator Joseph Lieberman, hat dies erkannt. Er fordert: "Wir sollten nicht für teures Geld Hunderte Millionen Meilen weit reisen, wenn wir begrenzte Mittel haben." Bereits vor Bushs Rede hatte sich Lieberman echauffiert, der Präsident komme offenbar von einem anderen Planeten. Sollten die Wähler Liebermans Einschätzung teilen, wird Bushs für den Wahlkampf lanciertes Ideenfeuerwerk zum Rohrkrepierer werden.

Projekt angeblich finanzierbar

Raumfahrtexperten halten die Marspläne jedoch durchaus für realistisch und finanzierbar, auch wenn es 400 oder 500 Milliarden kostet. "Diese Summen klingen nach wahnsinnig viel Geld, über 30 Jahre verteilt sind es jährlich aber nur noch 13 bis 20 Milliarden Dollar", sagte Sven Knuth, Sprecher der Deutschen Mars Society.

1989 hatte die Nasa die Kosten für den damals von George Bush Senior vorgeschlagenen bemannten Marsflug auf 400 Milliarden Dollar veranschlagt. Knuth hält diese Summe für "ganz realistisch". Eine Billion sei auf jeden Fall eine zu hohe Annahme, erklärte er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Im Vergleich zu den Militärausgaben der USA seien die Raumfahrtkosten ohnehin gering.

Der Chef der amerikanischen Raumfahrtagentur, Sean O'Keefe, geht in einer ersten Schätzung sogar von nur 150 Milliarden Dollar Gesamtkosten aus.

Lutz Richter, Projektleiter beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), hält konkrete Kostenprognosen des Marsprojekts zwar für schwierig, setzt sie aber in Relation zu aktuellen Raumfahrtprojekten. "Die Kosten der internationalen Raumstation ISS werden sich bis 2010 auf rund 40 Milliarden Dollar summieren." Das jetzt angekündigte Programm der neuen Mondmissionen dürfte "in der gleichen Größenordnung" liegen. Der Aufwand werde sich allerdings erhöhen, wenn, wie von Bush angekündigt, eine feste Station auf dem Mond installiert werde, sagte Richter im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Bushs Finanzplanung für die Nasa - der Präsident will deren jährliches Budget nur um eine Milliarde Dollar über fünf Jahre erhöhen -, hält Richter für durchaus realistisch. "In den nächsten Jahren enden viele teure Projekte wie ISS und Space Shuttle. Die dabei frei werdenden Mittel könnten dann für Mond- oder später auch Marsmissionen eingesetzt werden."

Ein Flug zum Mond könne technologisch gemeistert werden, wie bereits im Apollo-Programm vor über 30 Jahren demonstriert wurde. Man müsse nun jedoch die einzelnen Raumfahrzeuge neu entwickeln, was fünf bis zehn Jahre dauern werde, sagte Richter. Für ihn ist der Flug zum Mars ohnehin überfällig: "Die bemannte Raumfahrt hat seit 30 Jahren kein konkretes Ziel, wir umkreisen lediglich die Erde."

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