"Cassini"-Entdeckung Methan-Regen füllt Seen auf Titan

Aus schwarz-weißen Schatten wird Gewissheit: Mehr als 75 Seen haben Astronomen auf Radarbildern vom Saturnmond Titan entdeckt. Sie sollen aus Methan bestehen und den Seen auf der Erde ähneln - Ergebnisse, auf die Forscher lang gewartet haben.


Die Beweisfotos vom Juli vergangenen Jahres waren schwarz-weiß, grob und nicht die Schärfsten: Rund ein Dutzend dunkler Flecken mit 10 bis 100 Kilometern Durchmesser an der Oberfläche einer unwirklichen, bizarr verzerrten Welt erinnerten entfernt an Landschaften wie die Mecklenburger Seenplatte.

Auf dem Mond Titan gibt es Methanseen, verkündeten die Forscher damals. Nun erbringen jene Planetenforscher den "definitiven Beweis für Seen auf der Titan-Oberfläche": Ihr Bericht hat den Gutachterprozess des Wissenschaftsmagazins "Nature" passiert und wurde in der aktuellen Ausgabe veröffentlicht - mit einigen Neuerungen im Vergleich zur ursprünglichen Erfolgsmeldung.

Mehr als 75 Seen mit drei bis 70 Kilometern Durchmesser wollen Ellen Stofan vom Londoner University College und seine Kollegen gezählt haben: Die nun ausgewerteten Radaraufnahmen der Raumsonde "Cassini" zeigen in einem Bereich der Nordhalbkugel oberhalb von 70 Grad nördlicher Breite eine Vielzahl dunkler Flecken. Diese deuten auf Flüssigkeiten, Eis und glatten Fels hin, denn solch glatte Oberflächen werfen einen ungewöhnlich geringen Anteil der auftreffenden elektromagnetischen Wellen zurück - und sorgen so für dunkle Bereiche auf Radaraufnahmen.

Die zahlreichen Flecken auf den "Cassini"-Bildern sind nach Ansicht der Wissenschaftler eindeutig Ansammlungen eines flüssigen Materials. Aus Wasser könnten die Seen nicht bestehen, denn es wäre bei den eisigen Minus 180 Grad Celsius auf dem Saturnmond gefroren. Für am wahrscheinlichsten halten die Forscher Methan: Das ist eines von sehr wenigen Molekülen, das unter den Bedingungen auf der Titanoberfläche flüssig sein kann und zudem auf dem Saturnmond auch reichlich vorhanden ist, da es ein Hauptbestandteil der Titan-Atmosphäre ist.

Methan-Lager: Meer oder unterirdisches Reservoir?

Ein Rätsel wirft diese Interpretation aber auf: Die Methanmoleküle werden allerdings nach Zehntausenden Jahren vom Sonnenlicht zerstört; trotzdem wird die Atmosphäre des Titans immer wieder mit Methan aufgefüllt. Wie der Verlust ausgeglichen wird, wurde unter Astronomen lang und oft diskutiert. Zwei Hypothesen waren gängig: Erstens, ein Kohlenwasserstoff-Meer mit viel Methan bedeckt Titans eigentlich trockene Oberfläche, dazu gibt es einen Kreislauf zwischen Methanwolken, Niederschlag, dem Ozean und Verdunstung. Zweitens, es gibt unterirdische Methanreservate, tief im Inneren des Mondes oder direkt unter der Oberfläche, aus denen durch Eisvulkane oder nach Meteoriteneinschlägen das flüssige Gas austritt.

Die zuerst genannte Idee war laut Christoph Sotin vom Laboratoire de Planétologie et Géodynamique in Nantes unter den Wissenschaftlern beliebter - nicht zuletzt, weil dieser zufolge sich Titan und Erde stärker ähnelten als in der zweiten Version. Doch der erhoffte Beweis blieb aus: Bei seinem ersten Titan-Vorbeiflug Ende 2004 entdeckte "Cassini" keinen Ozean, nicht einmal einen kleinen See, sondern Krater, Berge, Dünen und Flussbetten. Zuletzt funkte die Raumsonde Bilder eines Gebirges mit schneebedeckten Gipfeln zur Erde.

Die aktuellen, nun in "Nature" vorgestellten Aufnahmen vom 22. Juli vergangenen Jahres deuten auf die Existenz verborgener Methandepots hin. Grund genug für ein "Bravo", sagt Experte Sotin in einer persönlichen Einschätzung von Stofans Analyse, die ebenfalls in der "Nature"-Ausgabe erschienen ist.

Methankreislauf des Titan ähnelt Wasserkreislauf der Erde

Zudem mehrten sich in letzter Zeit die Hinweise darauf, dass Klima und Geologie des eisigen Mondes der jungen Erde ähneln, und dass es auf dem Titan tatsächlich einen Niederschlagszyklus gibt. Stofan und seine Kollegen beschreiben ihn so: Methan kondensiert während des Winters und fällt als Niederschlag auf die Oberfläche. Dort sammelt es sich in Senken an und verdunstet wieder, um erneut als Niederschlag zu fallen.

Im Titansommer verstärkt sich diese Verdunstung, so dass die Seen schrumpfen oder sogar austrocknen. Dafür spricht, dass nicht alle Seen die Rinnen ausfüllen, in denen sie liegen: Manch trockene Mulde konnten die Wissenschaftler eigenen Angaben zufolge auf den Bildern von "Cassini" erkennen. Die Forscher vermuten, "dass die Seen in zahlreichen Zuständen vorkommen, darunter in in einem teils trockenen, teils flüssig gefüllten".

Außerdem würden die Vermutungen durch ihre große Ähnlichkeit mit Seen auf der Erde gestützt, schreiben die Forscher. So seien bei einigen der besonders runden dunklen Regionen steile, gut erkennbare Ränder zu sehen, die jenen von Vulkankratern gleichen würden. Andere ähneln mit ihren zerfransten, kanaldurchzogenen Randbereichen überfluteten Flussläufen und -deltas. Einige der dunklen Bereiche sind von kanalartigen Strukturen umgeben, bei denen es sich um Zuläufe für die Seen handeln könnte, während andere eindeutig in Vertiefungen im Gelände liegen und damit Kraterseen auf der Erde ähneln.

Das alles zusammen werten die Astronomen als den bislang stärksten Beleg für einen Flüssigkeitskreislauf auf dem zweitgrößten Mond im Sonnensystem - ähnlich dem Wasserkreislauf der Erde.

fba/ddp/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.