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Christoph Seidler

Spektakuläre Mission »Chang’e 5« Was wollen die Chinesen auf dem Mond?

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute schauen wir ins Weltall, in Richtung Mond. Das ist ja bei den aktuell sehr kurzen Tageslichtphasen gefühlt kurz schon nach dem Mittag möglich.

Jahrzehntelang hat sich niemand mehr besonders für unseren nächsten Nachbarn im All interessiert. Die amerikanischen »Apollo«-Astronauten haben ihn schließlich schon vor langer Zeit besucht, brachten damals 382 Kilogramm Gesteinsproben zur Erde. An einigen Mondsteinen wird bis heute geforscht. Ich habe mir das im vergangenen Jahr einmal an der Universität Münster ansehen können.

Viele der »Apollo«-Proben sind sogar bis heute noch nicht einmal geöffnet. Wissen wir vielleicht einfach schon genug über den Mond? Ich glaube nicht. Eine spannende Weltraummission könnte uns das bald beweisen. Nach der spektakulären Landung auf der Rückseite des Mondes im vergangenen Jahr hat in dieser Woche erneut eine chinesische Sonde erfolgreich auf dem Mond aufgesetzt. »Chang’e 5« soll rund zwei Kilogramm Gestein zur Erde bringen.

Für China ist die Mission ein weiterer Beleg für die eigene technologische ­Leistungsfähigkeit – und die nächsten Missionen folgen: Im ­Februar soll eine Sonde auf dem Mars landen, außerdem ist eine dauerhafte Raumstation im Erdorbit in Arbeit, dazu Roboter am Mondsüdpol, später gar ein bewohnter Außenposten. Auch die Amerikaner wollen zurück zum Erdtrabanten. ­Noch-Präsident Donald Trump hatte der Nasa den Auftrag erteilt, bis 2024 wieder Amerikaner dort landen zu lassen. Beide Parteien im Kongress unterstützen das Projekt.

Mondoberfläche, aufgenommen von der »Chang’e 5« Mondsonde

Mondoberfläche, aufgenommen von der »Chang’e 5« Mondsonde

Foto: China National Space Administration / AFP

Natürlich sind die Ambitionen der Chinesen und Amerikaner im All auch ein Ringen um die Vormacht auf der Erde. Doch es wäre falsch, sie als rein politische Kraftmeierei abzutun. Denn auch wissenschaftlich sind die Missionen hochinteressant. So dürften die Gesteinsproben von »Chang’e 5« bis zu zwei Milliarden Jahre jünger sein als alles, was Geologen vom Mond kennen. Das lässt fundamentale neue Erkenntnisse erwarten: Die Geschich­te des Mondes müsste womöglich über Hunderte Millionen Jahre neu geschrieben werden.

Dass es nicht allein um Weltmacht­gehabe geht, zeigt sich auch daran, dass die nächsten Reisen zum Mond internationale Projekte werden sollen. Sowohl Chinesen als auch Amerikaner beteuern, andere beteiligen zu wollen. Für die technologisch leistungsfähigen Europäer ist das eine Chance. Denn allein könnten sie in absehbarer Zeit keine Crews zum Mond bringen, weil sie die erforderlichen Milliarden nicht zusammenbekämen. Als Reisepartner wird die Sache billiger – aber nicht weniger spannend.

Voraussichtlich im kommenden Jahr sollen neue europäische Astronautinnen und Astronauten rekrutiert werden. Landete eine oder einer von ihnen irgendwann auf dem Mond, würde das der Begeisterung für Naturwissenschaft und Technik bei jungen Menschen sicher auf die Sprünge helfen. Und zeigen, wie spannend der vermeintlich so langweilige Mond ist.

Ihr Christoph Seidler

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Bleiben wir noch ein bisschen im Weltraum. Astronomen haben in der Nähe der Erde ein Objekt beobachtet, von dem sie glauben, dass es sich um ein Teil einer vor 54 Jahren ins All geschossenen Rakete handelt. Es ist eine Erinnerung an eine ziemlich verkorkste Mondmission namens »Surveyor 2«. Für kurze Zeit ist das Schrottteil nun selbst ein künstlicher Mond unseres Planeten – bevor es wieder im All verschwindet. Im Jahr 2036 soll es uns dann wieder besuchen. Lesen Sie hier  mehr darüber.

  • In der Geltinger Bucht bei Flensburg haben Taucher einen faszinierenden Fund gemacht. Sie waren eigentlich auf der Suche nach Geisternetzen. Das sind herrenlose Fischernetze, die zur tödlichen Falle für Meerestiere werden können. Dabei ging ihnen jedoch eine legendäre Enigma-Chiffriermaschine aus dem Zweiten Weltkrieg im wahrsten Sinne des Wortes ins Netz. Nun wird das Fundstück erforscht. Mein Kollege Jörg Römer hat die ganze Geschichte  für Sie aufgeschrieben. 

  • Es ist eine Weltpremiere: Das US-Start-up Eat Just darf in Singapur erstmals aus Zellen gezüchtetes Hähnchenfleisch zum Verkauf anzubieten: Chicken-Nuggets aus dem Bioreaktor. Die Firma will dafür so viel verlangen, wie für konventionelles Hähnchenfleisch in einem Oberklasse-Restaurant fällig wäre. In den kommenden Jahren soll der Preis sinken. Meine Kollegin Julia Merlot beschreibt, dass für die Akzeptanz des Laborfleisches beim Verbraucher aber vor allem auch der Geschmack entscheidend sein dürfte.

  • Auch an fischfreiem Fisch wird geforscht. Genauer gesagt an pflanzlichen Alternativen. Die sollen aber so schmecken, als habe sie gerade irgendwo auf der Welt ein Fischer aus dem Netz geholt. Ob das funktionieren kann? Auch hier , so viel ist sicher, wird neben dem Preis der Geschmack entscheiden.

  • Und noch einmal ins All: Bis heute habe ich Schwierigkeiten, mir Dunkle Materie vorzustellen. Und ganz offensichtlich bin ich damit nicht allein – dabei gibt es von ihr im Universum rund fünfmal so viel wie von unserer »normalen« Materie. Seit Jahrzehnten versuchen Forscher zu ergründen, aus was die Dunkle Materie nun eigentlich besteht. Es ist nicht klar, ob sie jemals eine Antwort finden werden. Die Faszination schmälert das nicht, wie Sie hier  lesen können.

Quiz*

1. Wie viele Arme haben Kalmare?

2. Mit wie viel Volt kann ein Zitteraal Stromstöße abgeben?

3. Was ist das älteste Haustier, das gehalten wird, ohne irgendeinen Nutzen zu haben?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Cheng-Chang Lee

Einen Einblick in die Embryonalentwicklung des Sarawak-Schwellhais zu bekommen ist leicht, denn die Nachkommen dieser harmlosen, in 100 bis 200 Meter Meerestiefe lebenden Haie wachsen gut sichtbar in transparenten, rund acht Zentimeter langen Eikapseln heran. Ihren Namen tragen die erstmals vor der Küste des malaysischen Bundesstaats Sarawak entdeckten Tiere, weil sie durch das Schlucken von Meerwasser stark anschwellen können. Die Fähigkeit, den Körperumfang zu vergrößern, dient dazu, Fressfeinde zu vertreiben.

Fußnote  

16.563 Armbewegungen haben Wissenschaftler des Marine Biolo­gical Labo­ratory in Woods Hole, Massachusetts, in Videoaufnahmen von zehn Kalifornischen Zweipunktkraken beobachtet. Dabei stellten sie fest, dass sich jeder der acht Okto­pusarme nicht nur beugen, ver­längern, verkürzen und verdrehen kann, sondern dass auch Kombinationen dieser Bewegungen möglich sind – etwa, wenn sich ein Krakenarm beim Beugen gleichzeitig mit oder gegen den Uhrzeigersinn verdreht. So werden die Arme zu einem Multifunktionswerkzeug, mit dem die Oktopusse kriechen, sich tarnen, Beute jagen, kämpfen und sich paaren können.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten
1) Während ein Oktopus acht Arme hat, haben Kalmare zehn, von denen zwei deutlich länger sind als die anderen.
2) Mit bis zu 860 Volt. Zum Vergleich: An einer normalen Haushaltssteckdose liegt eine Spannung von bis zu 230 Volt an.
3) Der Goldfisch. Er ist vor etwa 1000 Jahren in China durch Züchtung entstanden.

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