"Columbia"-Absturz E-Mail warnte vor möglicher Katastrophe

Noch zwei Tage vor dem Absturz der "Columbia" warnte ein Nasa-Ingenieur vor einem möglichen Unglück. Doch seine E-Mail erreichte die Verantwortlichen offenbar erst nach der Katastrophe.


Die Möglichkeit einer verhängnisvollen Beschädigung der "Columbia" beschäftigte Nasa-Ingenieure noch kurz vor dem Absturz der Raumfähre am 1. Februar, bei dem alle sieben Astronauten ums Leben kamen. Mit einer erst jetzt von der US-Raumfahrtbehörde veröffentlichten E-Mail machte ein Mitarbeiter des Langley Research Center einen Kollegen auf ein Worst-Case-Szenario aufmerksam - zwei Tage, bevor sich die Katastrophe ereignete.

Teleskop-Aufnahme der "Columbia" kurz vor dem Absturz: "Dann steckt ihr in den ärgsten Schwierigkeiten"
DPA

Teleskop-Aufnahme der "Columbia" kurz vor dem Absturz: "Dann steckt ihr in den ärgsten Schwierigkeiten"

In dem am 30. Januar verfassten Schreiben geht der Ingenieur Robert Daugherty vom Nasa-Zentrum in Hampton im US-Bundesstaat Virginia von der Möglichkeit aus, dass ein beim Start abgefallenes Stück Schaumstoff den Shuttle-Hitzeschild nahe des Fahrwerksschachtes beschädigt haben könnte. Wie Daugherty ausführte, hätte ein solcher Schaden beim Wiedereintritt in die Atmosphäre gravierende Probleme verursachen können - bis hin zum Tod der Astronauten.

Das herabfallende Stück der Tankisolierung, das Berechnungen zufolge gut ein Kilogramm wog, war Nasa-Experten bereits kurz nach dem Abheben der Fähre auf Videoaufnahmen aufgefallen. Ingenieure hatten daraufhin eine Analyse vorgenommen, um mögliche Schäden abschätzen zu können. Dabei gingen sie von der Annahme aus, der Schaumstoff habe die linke Tragfläche der "Columbia" getroffen und dort Kacheln aus dem Hitzeschild herausgeschlagen.

Am zwölften Missionstag, dem 28. Januar, veröffentlichte Don McCormack, der Leiter des so genannten Mission Evaluation Room, das Ergebnis der Analyse in seinem Tagesreport. Zwar sei eine "große Schadensfläche" am Schutzschild der Raumfähre möglich, hieß es darin. Dennoch sei die Flugsicherheit nicht betroffen. An dieser Interpretation hielt die Nasa auch nach dem Unglück fest.

Startende "Columbia" mit abfallendem Schaumstoff (Pfeile): Schäden am Fahrwerksschacht?
DPA

Startende "Columbia" mit abfallendem Schaumstoff (Pfeile): Schäden am Fahrwerksschacht?

Doch die nun publizierte E-Mail zeigt, dass sich Nasa-Mitarbeiter noch nach dem Bericht des Mission Evaluation Room ernsthafte Sorgen um das Shuttle machten. Daugherty zieht darin in Betracht, dass sich durch einen lückenhaften Hitzeschild am Fahrwerksschacht eines der Räder beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zu stark erwärmen könnte. Wenn der Reifen platzen würde, so schrieb der Ingenieur, könnten die "Trümmer überall hinfliegen".

"Es scheint mir", heißt es in der E-Mail, "dass bei so viel Zerstörung im Fahrwerksschacht irgend etwas stark genug beschädigt werden könnte, um ein Ausfahren [des Fahrwerks] zu verhindern, und dann steckt ihr in den ärgsten Schwierigkeiten [then you are in a world of hurt]." Im Rest des Schreibens führt Daugherty verschiedene Schadensszenarien auf, die vor oder bei der Landung auftreten könnten.

Unter anderem erwähnt er den möglichen Verlust der Fahrwerksklappe, der eine fatale Erhitzung im Innern des Shuttle nach sich ziehen würde ("katastrophal"). Weitere Möglichkeiten seien die Beschädigung wichtiger Hardware im Fahrwerksschacht, der Flug mit nur einem ausgefahrenen Fahrwerk ("Dann seid ihr am Ende"), eine Notlandung mit platten Reifen oder ganz ohne Fahrwerk ("kein guter Tag").

Für die Argumentation des Ingenieurs sprechen im Nachhinein immerhin die Daten, die in den letzten Minuten vor dem Absturz der "Columbia" aufgezeichnet wurden. Bevor der Funkkontakt abbrach, hatten Sensoren steigende Temperaturen auf der linken Shuttle-Seite registriert. Besonders auffällig war, wie die Nasa wenige Tage nach dem Unglück erklärte, der Anstieg im Bereich des linken Fahrwerksschachtes.

Mit der E-Mail hatte Daugherty auf eine Anfrage von Mitarbeitern der Flugkontrolle reagiert, die für die mechanischen Systeme der Raumfähre verantwortlich waren. Seine Einschätzung schickte er an David Lechner vom Johnson Space Center sowie drei weitere Offizielle der mittleren Führungsebene. "Vielen Dank für die offen vorgebrachten Bemerkungen", schrieb Lechner am Tag vor der Katastrophe zurück. "Wie alle anderen hoffen wir, dass die Analyse des Trümmereinschlags korrekt ist."

Die obersten Etagen der Nasa-Verwaltung erreichte die E-Mail offenbar erst nach dem Absturz der "Columbia". Der Flugdirektor für den Wiedereintritt, Leroy Cain, erklärte gegenüber der "Los Angeles Times", er habe von dem Schreiben Daughertys erst Tage nach dem Verlust der Raumfähre erfahren. Wenn die Ingenieure die Bedrohung als realistisch angesehen hätten, so Cain, dann wären sie verpflichtet gewesen, ihn zu informieren.

Der Darstellung der Nasa zufolge gehören derartige E-Mails zum normalen Informationsaustausch während der Shuttle-Missionen. Daugherty habe in seinem Schreiben keine Bedenken vorgebracht, die nicht von den Experten am Johnson Space Center überprüft worden wären, teilte die Raumfahrtbehörde mit. Nasa-Chef Sean O'Keefe versicherte zudem am Mittwoch bei einer Anhörung im US-Kongress, es habe während der Mission keine Hinweise auf eine mögliche Gefährdung der Besatzung gegeben.

Daugherty selbst hatte in der E-Mail seine Bedenken als "absolute Worst-Case-Szenarien" heruntergespielt. Er glaube nicht, schrieb der Ingenieur, "dass die Sache so schlimm ist, wie ich es gleich darstellen werde." Allerdings sei es schlecht, so schloss Daugherty, "überrascht zu werden und in den letzten 20 Minuten Entscheidungen treffen zu müssen."

Nach Auszügen des Funkverkehrs, welche die "New York Times" am Mittwoch veröffentlichte, wurde die Bodenkontrolle 28 Minuten vor Abbruch der Funkverbindung auf Probleme mit dem Shuttle aufmerksam. "Ich habe gerade vier Temperaturwandler auf der linken Seite verloren", meldete Ingenieur Jeff Kling. Einige Zeit später berichtete er von einem Druckverlust in den Reifen. Als der darauf angesprochene Kommandant der "Columbia", Rick Husband, antworten wollte, riss die Verbindung ab.



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