SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. Februar 2003, 11:34 Uhr

"Columbia"-Absturz

Nasa-Ingenieure sahen das Unglück kommen

Von Martin Paetsch

Der Absturz der Raumfähre "Columbia" bringt die Nasa immer mehr in Erklärungsnot. E-Mails belegen, dass Shuttle-Experten am Tag vor der geplanten Landung ausdrücklich vor einem Unglück gewarnt haben.

Während der Mission der "Columbia" löste die Möglichkeit eines Schadens am Hitzeschild der Raumfähre eine Debatte unter Nasa-Ingenieuren aus, die noch am Tag vor dem Absturz des Shuttles anhielt. Die Experten zogen dabei katastrophale Folgen eines solchen Defekts in Betracht, wie Dokumente über den internen E-Mail-Verkehr zeigen, die von der US-Raumfahrtbehörde am Mittwoch veröffentlicht wurden.

Untersuchung der Trümmerteile der "Columbia": Katastrophale Folgen in Betracht gezogen
AP

Untersuchung der Trümmerteile der "Columbia": Katastrophale Folgen in Betracht gezogen

Die von den Fachleuten geschilderten Katastrophenszenarien kommen dabei dem tatsächlichen Ablauf des Unglücks, das sich am 1. Februar ereignete und allen sieben Astronauten der "Columbia" das Leben kostete, verblüffend nah. Doch die E-Mail-Diskussion spielte sich nur zwischen Nasa-Mitarbeitern der mittleren Ebene ab - die verantwortlichen Flugdirektoren waren offenbar nicht informiert und hatten längst beschlossen, das Shuttle landen zu lassen.

"Wenn heißes Plasma in den Fahrwerksschacht eindringen sollte, würden wir eine Erhöhung der Fahrwerkstemperatur und wahrscheinlich auch des Reifendrucks bemerken", schrieb am 31. Januar der Flugkontrolleur Jeffey Kling vom Johnson Space Center der Nasa. Am nächsten Tag sollte die Bodenkontrolle nach dem Eintritt der Fähre in die Erdatmosphäre wirklich einen Anstieg der Temperaturen im Fahrwerksschacht verzeichnen. Kurz darauf brach die "Columbia" auseinander.

In seiner E-Mail beschäftigte sich Kling, dessen Abteilung MMACS ("Maintenance, Mechanical, Arm and Crew Systems") für die mechanischen Systeme des Raumgleiters verantwortlich war, mit einem möglichen Verlust des Fahrwerks. In diesem Fall würden er und seine Kollegen, so der Flugkontrolleur, einen Notausstieg empfehlen - vorausgesetzt "der Flügel brennt nicht ab, bevor wir die Crew herausbekommen."

Auch über andere Szenarien, zum Beispiel eine Bauchlandung des Shuttles, diskutieren die Experten noch kurz vor dem Unglück. "Warum reden wir darüber einen Tag vor der Landung und nicht schon am Tag nach dem Start", fragte der Ingenieur William Anderson in die Runde. "Wenn es bei diesem Flug Anhaltspunkte dafür gäbe, dass Hitzeschutzkacheln fehlen, dann würde ich mir Sorgen machen."

Die Nasa hatte bereits vor zwei Wochen die E-Mail veröffentlicht, mit der die Diskussion in Gang gekommen war. Robert Daugherty vom Langley Research Center der US-Raumfahrtbehörde hatte darin auf eine mögliche Beschädigung nahe des Fahrwerkschachtes hingewiesen, die "katastrophale" Auswirkungen haben könne. Bei der Publikation erklärte die Nasa, das Schreiben gehöre zum gewöhnlichen Informationsaustausch bei Shuttle-Missionen.

Daugherty hatte in seiner E-Mail vom 30. Januar gewarnt, dass ein Schaden am Hitzeschild nahe des Fahrwerks womöglich zu einem Platzen der Reifen führen würde. Dadurch würde "fast mit Sicherheit" die Fahrwerkstür herausgesprengt werden - mit möglicherweise tödlichen Folgen für die Astronauten. Daugherty: "Selbst wenn man die Erhitzung überleben könnte, würde sich das Fahrwerk noch ausfahren lassen?"

Ursprung all dieser Spekulationen war eine Beobachtung kurz nach dem Start der "Columbia": Auf Videoaufnahmen hatten Nasa-Experten bemerkt, dass sich Teile offenbar von der Isolierung des Außentanks gelöst hatten und auf die Tragfläche gefallen waren. Wie eine Analyse noch während der Mission ergab, hätte dieser Aufprall eine "große Schadensfläche" am Schild der Raumfähre verursachen können. Die Flugsicherheit sei jedoch nicht gefährdet, hieß es darin weiter.

Was tatsächlich zum Absturz der "Columbia" führte, ist noch nicht bekannt. Die Ermittler konzentrieren sich mittlerweile auf ein rätselhaftes Objekt, dass sich am zweiten Flugtag neben dem Shuttle im Erdorbit bewegte. Das etwa 40 Zentimeter lange Teil, das erst nach dem Unglück bei der Auswertung von Radardaten aufgefallen war, könnte Experten zufolge von der Fähre stammen und mit der Beschädigung des Hitzeschildes zu tun haben.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung