"Columbia"-Katastrophe Der unterschätzte Fehler der Nasa

Der Flug der "Columbia" war möglicherweise von Beginn an zum tragischen Scheitern verurteilt: Der Defekt, der die sieben Astronauten ihr Leben kostete, könnte bereits in den Minuten des Starts aufgetreten sein. In Texas wurden unterdessen erste Trümmer und Leichenteile geborgen.


Letzter Start der "Columbia": Isolierungsmaterial schlug gegen den linken Flügel, an dem die Probleme begannen
AP

Letzter Start der "Columbia": Isolierungsmaterial schlug gegen den linken Flügel, an dem die Probleme begannen

Houston - Die Gewissheit war offenkundig falsch. Noch am Freitag, dem Vortag der Katastrophe am texanischen Himmel, hatte die Raumfahrtbehörde Nasa eine Erklärung abgegeben: Beim Eintritt in die Atmosphäre sei die "Columbia" nicht gefährdet. Dass die Nasa überhaupt ein solches Statement herausgab, ist mehr als ungewöhnlich. Und es lag daran, dass bereits in den Minuten des Starts ein Fehler geschah, der von der Nasa-Bodenkontrolle möglicherweise falsch eingeschätzt worden ist - und der zum Versagen des Hitzeschildes, zum Verglühen der Fähre und zum Tod der Besatzung geführt haben könnte.

Nun konzentriert sich die Ursachenforschung auf eben diesen Vorfall beim Start. Am Samstagabend berichtete der Leiter des Shuttle-Programms, Ron Dittemore, während des Starts habe sich eine Schaumstoffisolierung der Trägerraketen gelöst. Dann sei sie gegen den linken Flügel geschlagen. Die Bodenkontrolle habe damals erklärt, der wichtige Hitzeschild der Raumfähre sei dabei nicht beschädigt worden.

Die Probleme beim Wiedereintritt in die Atmosphäre aber begannen nach ersten Erkenntnissen ebenfalls am linken Flügel: Dort waren nach Nasa-Angaben Sensoren ausgefallen. Dies könnte ein Anzeichen dafür sein, dass große Hitze in die Struktur der "Columbia" eindrang. Satelliten registrierten das Auseinanderbrechen in Form von Hitzewellen. Dies könnte nach Angaben eines Militärsprechers auf eine Explosion, auf das Verbrennen von Teilen der Raumfähre beim Eintritt in die Atmosphäre oder auf eine andere Ursache hinweisen.

"Wir können nicht voreilig urteilen"

Nach Angaben Dittemores waren die Flügel der Raumfähre zum Zeitpunkt des Auseinanderbrechens auf 1650 Grad Celsius erhitzt. Der Hitzeschild hätte jedoch Schäden an der Raumfähre verhindern sollen. Vor der Presse mühte Dittemore sich, den Zusammenhang zu beschreiben: "Der Aufprall beim Start war am linken Flügel. Alle Anzeichen von Schwierigkeiten waren am linken Flügel. Wir können nicht unberücksichtigt lassen, dass es eine Verbindung geben könnte. Aber wir können darüber nicht voreilig urteilen".

Zum Zeitpunkt ihres Auseinanderbrechen kurz nach 9.00 Uhr Ortszeit war die "Columbia" gerade erst in die Erdatmosphäre eingetreten und hatte in 62.000 Metern Höhe den Punkt erreicht, an dem die Raumfähre den höchsten Temperaturen des gesamten Fluges ausgesetzt war. Dem Schutz gegen die Hitze dienen rund 20.000 an der Außenhaut des Raumgleiters angebrachte Kacheln.

Auch das FBI schaltet sich ein

Selbst, wenn die Nasa die Probleme ernster genommen hätte - beim Start entstandene Schäden am hätten laut Nasa-Angaben von den Astronauten nicht repariert werden könnten. "Da war nichts, was wir daran ändern konnten", sagte Dittemore. Auch im vergangenen Jahr habe sich eine Schaumstoffisolierung bei einem Shuttle-Start gelöst, dies habe jedoch den Flug nicht behindert.

Inzwischen hat die Nasa eine unabhängige Expertenkommission gebildet, um die Ursache der Katastrophe genau zu klären. Der Untersuchungskommission gehören Fachleute der Streitkräfte, des Verkehrsministeriums und verschiedener Behörden an, teilte Nasa-Direktor Sean O'Keefe am Samstag in Cape Canaveral mit. Parallel dazu leiteten die Nasa sowie ein Untersuchungsausschuss des Kongresses eigene Ermittlungen ein. Die US-Raumfahrtbehörde richtete dazu eine Kommandozentrale auf dem Luftwaffenstützpunkt Barksdale im US-Staat Louisiana ein.

Ein Torso und Schädel entdeckt

Wenige Stunden nach der Katastrophe wurden erste Leichenteile im texanischen Absturzgebiet geborgen. Auf einer Landstraße bei Hemphill wurden in der Nähe eines Trümmerteils ein verkohlter menschlicher Torso, Oberschenkelknochen und ein Schädel entdeckt. An anderen Stellen in Texas und in Louisiana wurden ein Astronautenhelm und ein Abzeichen gefunden.

Die Bergung der Trümmerteile geht mit hohem Tempo weiter. Noch in der Nacht haben sich auch Experten des FBI in die Suche eingeschaltet. Um die Suche aus der Luft zu erleichtern, verbot die Luftfahrtbehörde in der Region Flüge unter 1000 Metern Höhe. Außerdem warnte die Behörde Piloten vor Sichtbehinderungen durch möglichen Trümmerstaub der Columbia.

Weltweit löste die schwerste Raumfahrt-Katastrophe seit dem "Challenger"-Unglück 1986 eine Welle der Erschütterung aus. Zuletzt sprachen die politischen Führungen Japans und Chinas US-Präsident George W. Bush ihr tiefes Beileid aus. Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bundespräsident Johannes Rau und deutsche Kirchenvertreter hatten erschüttert auf die Katastrophe reagiert. In einer Fernsehrede an die Nation hatte Bush die toten Raumfahrer gewürdigt.

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