"Columbia"-Trümmerregen "Als es zu Boden ging, verbrannte das Gras"

Über tausend Quadratkilometer misst das Areal, auf das Wrackteile der "Columbia" nieder regneten, Fahnder sammeln eilig die teils giftigen Reste. In Nord-Texas wurden Hüftknochen und ein verkohlter Schädel entdeckt. Besonders viele Trümmer stürzten auf Nacogdoches - inzwischen eine Pilgerstätte der Sammler und Gaffer.




Texanischer Sheriff James Campbell und Wrackteil: Manche der Reste glühten und qualmten noch
AP

Texanischer Sheriff James Campbell und Wrackteil: Manche der Reste glühten und qualmten noch

Houston - Die Puzzle-Jagd hat begonnen, ebenso der Wettrennen mit den zynischen Devotionalien-Sammlern. Nicht nur in Texas und im benachbarten Louisiana, sondern auch in zwei weiteren US-Bundesstaaten sind Fahnder und Militärs inzwischen auf Bruchstücke der "Columbia" gestoßen. Bisher lagen Fundmeldungen aus einem 1.280 Quadratkilometer großen Areal vor. Möglicherweise sei die Region mit Trümmern der "Columbia" aber drei Mal so groß, sagte ein Experte.

Neben Nasa-Mitarbeitern ist auch die Bundespolizei FBI in die Suche eingeschaltet. Ferner setzen die Streitkräfte Hubschrauber ein, Soldaten übernehmen die Sicherung der Trümmer. Diese könnten bei den Ermittlungen der Unglücksursache von zentraler Bedeutung sein. Zugleich musste das Internet-Auktionshaus eBay erste Angebote von Kunden löschen, die vermeintliche Bruchstücke des Space Shuttles zur Ersteigerung angeboten hatten. EBay-Mitarbeiter gingen davon aus, dass es sich größtenteils um schlechte Scherze gehandelt hatte.

Körperhälfte auf Bauernhof gefunden

In der texanischen Ortschaft Hemphil, nahe der Grenze zu Louisiana gelegen, wurden in der Nähe von Metall-Überresten auch Leichenteile gefunden. Ob es sich dabei um Überreste der Astronauten handelte, konnte zunächst nicht einwandfrei geklärt werden. Unter den verkohlten Körperteile waren ein Hüftknochen und ein Schädel. "Ich wünsche niemandem, das zu sehen, was ich gesehen habe", sagte Billy Smith, der die Notfalleinsätze von drei Bezirken in Ost-Texas koordiniert. Auf einem nicht weit davon entfernten Bauernhof wurde die untere Hälfte eines verkohlten Körpers entdeckt, berichtet die Zeitung "Dallas Morning News".

Offenbar wurde durch den Trümmer-Regen niemand verletzt. Die Angst ist aber groß, dass Teile mit giftigen Chemikalien aus den Antriebsraketen verseucht sein könnten. Die US-Behörden warnten die Menschen eindringlich davor, Trümmer anzufassen, die Substanzen könnten Krebs erregend sein. Zu den Stoffen gehört das nach Ammoniak riechende Hydrazin, das bei bloßer Berührung Gesundheitsschäden verursacht. Fundstücke können über eine US-weit geschaltete Telefon-Hotline gemeldet werden.

"Es kam durchs Dach"

Ein Schwerpunkt des Trümmerregens war die texanische Stadt Nacogdoches, 217 Kilometer nordöstlich von Houston. Dort waren die meisten Wrackteile etwa einen Meter groß. Der 29-jährige Zahnarzt Jeff Hancock fand ein Trümmerteil in seiner Praxis. "Es kam durchs Dach und ist eine etwa 30 Zentimeter große Metallklammer." Auch auf dem Flugplatz der Kleinstadt gingen Trümmer der Raumfähre nieder. Die Luftverkehrsbehörde FAA verhängte ein Flugverbot für den allgemeinen Verkehr in der Umgegend, um die Ortung der Wrackteile aus der Luft abzusichern.

In Nacogdoches zogen die Wrackteile Schaulustige und zahlreiche Journalisten an. Jim Stutzman führe den Pressemitarbeitern auf seinem Hof ein 23 Zentimeter langes und fünf Zentimeter breites Metallstück vor. "Es hat Hitzespuren und ist teilweise geschmolzen", berichtete er: "Als es zu Boden ging, ist dort etwas Gras verbrannt." Hinter einer Bank in Nacogdoches wurden Blumen niedergelegt. Dort kamen vor einem mit Bändern abgesperrten, 90 mal 90 Zentimeter großen Metallstück immer wieder Einwohner vorbei und bekundeten ihr Mitgefühl für die sieben toten Astronauten.

Ein Bündel glühender Drähte

Im texanischen Bezirk Cherokee brachten Einwohner der Umgebung von Jacksonville und Palestine Wrackteile auf die Polizeiwache, was dort gar nicht gern gesehen wurde. Im Bezirk San Augustine, 225 Kilometer nordöstlich von Houston, wurden ein verkohlter Astronautenhelm und ein Raumfahrer-Abzeichen gefunden. Einwohner von Shreveport in West-Louisiana entdeckten ein Bündel glühender Drähte. Auch in ein nahe gelegenes Wasserschutzreservoir fielen Trümmerteile, eines so groß wie ein Auto. "Ich hörte, wie die Teile durch die Luft kamen", sagte der 69-jährige Elbie Bradley, der gerade beim Fischen war.

In Houston kamen zahlreiche Menschen zum Johnson Space Center der Nasa, um Blumen niederzulegen. Dort wehten die Sternenbanner auf Halbmast.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.